Biennale für Internationale Lichtkunst - Ruhr.2010

Licht ist in der kleinsten Hütte

Auf der Biennale für Internationale Lichtkunst im Rahmen der Ruhr.2010 stellen Künstler ihre Werke in privaten Räumen aus. Gezeigt werden 60 Arbeiten in Wohnzimmern, Scheunen oder Dachkammern. Ein Streifzug durch den Vorgarten des Ruhrgebiets.

"Ich wollte nur auf die Ersatzliste", klagt die gut gelaunte 82-jährige Gisela Schmidt, doch jetzt ist ihr von Joseph Kosuth mit Beschlag belegter Keller eine der Attraktionen der ersten Biennale für Internationale Lichtkunst. Bis zum 27. Mai sind im östlichen Ruhrgebiet 60 Arbeiten in Wohnzimmern, Scheunen oder Dachkammern zu sehen, 35 davon eigens für den jeweiligen Raum geschaffen.

Im Ausstellungsprogramm der Ruhr.2010 ist die Biennale eines der aufwändigsten und spannendsten Projekte und mit zahlreichen Stars (unter anderem Olafur Eliasson, Sylvie Fleury, James Turrell) sowie talentierten Neulingen hervorragend besetzt.

Gisela Schmidt empfängt ihre Gäste in einem kleinen Reihenhäuschen in Bergkamen. Ein Aufsteller der Lichtkunst-Biennale weist den Weg, im Wohnzimmer fühlt sich der Besucher entfernt an das Sammelsurium einer Marcel-Broodthaers-Installation erinnert. Regale und Wände ächzen unter Bildern, Skulpturen, Andenken und Nippes, und auch der Keller ist bis unter die Decke mit beschrifteten Kästen und privaten Erinnerungen gefüllt. Kein Wunder, dass sich Kosuth nicht lange bitten ließ und seine Lichtskulptur "Sechs Teile, Lokalisiert" (2004) bereitwillig Gisela Schmidts Obhut übergab. Jetzt leuchten purpurrote Neonworte in der Dunkelheit: Ganzheit, Kontext, Teil, Bedeutung.

Gisela Schmidts "Hauswirtschaftsraum" stellt den Idealfall der Lichtkunst-Biennale dar: Das Kunstwerk hebt die Bedeutung des Raums hervor und wird durch den Raum zugleich erklärt; die Gastgeberin hat "ihr" Kunstwerk bereits lieb gewonnen, freut sich über die Unterbrechung des Alltags und gewährt den Gästen bereitwillig Einblick in ihr Leben. Genau darin liegt das Konzept der Lichtkunst-Biennale. Sie will einerseits die Kunst aus den Museumshallen und Galerien befreien und mit neuen Ideen aufladen; andererseits soll sie buchstäblich Türen öffnen und Menschen durch die Kunst zusammenbringen.

Spiralförmige Holzrampen und ein Schleiertanz der Stummfilmzeit

An anderen Orten klappt das nicht ganz so gut. In Hamm hat der isländische Künstler Egill Sæbjörnsson ein weiß getünchtes Motorrad auf den Dachboden eines leer stehenden Geschäftshauses geschleppt. Er projiziert aus drei Lichtquellen Motive auf die "Leinwand", schafft wunderschön anzusehende Farb- und Schattenspiele und fügt mit einem musikalischen Klangteppich noch eine weitere Ebene hinzu. Eine exzellente Arbeit, die den ungewöhnlichen Ausstellungsraum allerdings weder mit einbezieht noch diesen braucht.

Ein paar Schritte weiter hat Elín Hansdóttir eine spiralförmige Holzrampe in ein verlassenes Kino gelegt. Man tastet sich behutsam durch die Dunkelheit bis in einen Projektionsraum. Hier ist ein Schleiertanz im Stil der frühen Stummfilmzeit zu sehen: Die rauschenden Gewänder wurden von Hand nachkoloriert, die Choreographie erinnert an Loïe Fuller (1862 bis 1928), eine amerikanische Performance- und Lichtkünstlerin, die ihrer Zeit voraus war. Auch diese Arbeit ist sehenswert, die Umwidmung gewerblicher Räume führt das Biennale-Motto "Open light in public spaces" aber gelegentlich ad absurdum.

Ein Grund zum Murren ist das freilich nicht. In der Regel hat sich Kurator Matthias Wagner K an die eigenen Vorgaben gehalten, und bei Hansdóttirs "Reciprocal" (2010) ist die Abweichung wegen der thematischen Nähe zum Kino leicht nachvollziehbar. Das Reizvolle an diesem Biennale-Konzept ist, dass man selbst bei bekannten Arbeiten wie François Morellets von einer Scheunendecke baumelnder Skulptur "Lamentable" (2006) nie weiß, was einen erwartet. Und wenn einem das Kunstwerk mal nichts sagt, sagt einem die Begegnung mit den Gastgebern vielleicht umso mehr.

"Biennale für Internationale Lichtkunst Ruhr.2010"

Termin: bis 27. Mai, in privaten Räumen in Bergkamen, Bönen, Fröndenberg/Ruhr, Hamm, Lünen und Unna
http://www.biennale-lichtkunst.de/