European Media Art Festival - Osnabrück

Auch Mash-up braucht Qualitätskriterien

Das European Media Art Festival ist das größte und älteste seiner Art. Bei seiner Gründung 1981 hieß es noch "Experimentalfilm-Workshop". Im Zuge des Aufkommens neuer Medien und als Reaktion auf diese, änderte das Festival 1989 seinen Namen und nannte sich fortan EMAF. art-Autorin Konstanze Seifert sprach mit dem Kurator des Festivals, Hermann Nöring, über das diesjährige Festivalthema "Mash-up".
"Mash-up braucht Qualitätskriterien":European Media Art Festival in Osnabrück

Luc Coeckelberghs: "LightHouse", 2009, Belgien

Herr Nöring, 2010 startet das EMAF unter dem Motto "Mash-up". Können Sie erklären, was das wirklich Neue an Phänomenen wie Mash-up, Remix, Bastard Pop, Cut-up etc. ist? Und wie unterscheiden sich diese Praktiken qualitativ von dem, was in den Bereichen Literatur und Film seit jeher angewandt wird?

Hermann Nöring: Mit dem Titel des Festivals möchten wir nicht behaupten, dass Mash-up in irgendeiner Form etwas Neues, etwa eine neue Kunsttendenz ist. Wir möchten vielmehr den Fokus darauf richten, dass sich diese Arbeitsform in letzter Zeit sehr verbreitet hat, insbesondere durch die Digitalisierung unseres Alltags.

Durch Mash-up können verschiedene Genres zusammenkommen, die früher voneinander getrennt waren. Es handelt sich dabei um einen Begriff, der ursprünglich aus der Populärmusik stammt und den wir quasi auf die Bildmedien übertragen haben. Damit wollen wir den Fokus auf die Tatsache legen, dass Bildmedien natürlich auch collagiert und gemasht werden, und dass Künstler oftmals fragmentiertes Material verwenden – unter welchen Rechten auch immer – um ihre eigenen Arbeiten zu schaffen. Dies ist aber natürlich eine Kunstpraxis, die so alt ist wie die Kunst und die Kultur selbst.

Ist Mash-up eigentlich Mitmachkunst? Sieht man sich bei Videoportalen um, bekommt man schnell den Eindruck, jeder technisch halbwegs Versierte kann plötzlich mitmischen und sich das Attribut "Künstler" anhängen.

Genau. Aber bei der Masse braucht es natürlich Qualitätskriterien. Ein Festival wie das EMAF gibt diese Kriterien an die Hand.

Welche sind das?

Kriterien der ästhetischen und der konzeptuellen Durchdringung. Reflektion über die Technologie, derer man sich bedient, sowie Fragen zum Bildzusammenhang, zum Kontext, in den sich die Bilder einreihen und aus dem sie stammen. Was bedeutet dieser Kontext für mein eigenes Arbeiten? Welche Aussage bringe ich neu in das Bild hinein? Ist diese Aussage relevant und in irgendeiner Weise neu oder persönlich? Ist sie politisch oder sozial relevant? All das sind Qualitätskriterien, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Mash-up muss also, um Kunst zu sein, in irgendeiner Form einen Mehrwert besitzen?

Ja. Gerade im Filmbereich haben wir eine Kommission von Kunsthistorikern und Filmwissenschaftlern, die die Frage nach dem Mehrwert natürlich sehr genau beurteilen können. Es sollte immer um neue und vor allem auch um durchdachte Positionen gehen.

Und wie sieht es mit den Urheberrechten aus? Müssen die Quellen immer offen gelegt werden, oder sieht man das nicht so streng?

Da verfahren die Künstler natürlich alle durchaus unterschiedlich. Aber in der Regel wird das offen gelegt. Wenn beispielsweise Ausschnitte aus Hollywood-Filmen genommen werden, wird darauf meist im Abspann hingewiesen. Aber es gibt natürlich sehr unterschiedliche Herangehensweisen, wie man mit fremden Rechten und mit fremdem Material umgeht. Unter dem Allgemeinbegriff "Creative Commons" veröffentlichen viele Künstler ihre Arbeiten und geben sie damit quasi zur Weiterbearbeitung frei. Sie sagen: Ihr als Nutzer könnt damit umgehen, wie ihr wollt, aber immer unter der Wahrung bestimmter Bedingungen. Bedingungen wie zum Beispiel der, dem Original einen gewissen Respekt entgegenzubringen, und im gegebenen Falle immer auf es zu verweisen. Die Creative Commons sind damit eine Reaktion darauf, wie im Netz mit dem Copyright umgegangen wird. Diesen Disput, die Debatte um das Copyright, greift der das Festival begleitende Kongress auf, indem er etwa Fragen stellt wie: Wo sind die Grenzen von Mash-up? Ab wann wird etwas zum Plagiat, zum unberechtigten Eingriff in fremde Werke?

Herr Nöring, Ihr Kommentar zum Fall Helene Hegemann, bei der sich die anfängliche Euphorie um ihr Werk "Axolotl Roadkill" bei den Kritikern schlagartig in Plagiatsvorwürfe verwandelte.

Unser Festivalthema war natürlich schon viel früher festgelegt, aber diese öffentliche Debatte hat noch einmal deutlich gemacht, wo die Problematik lieg, und dass der Plagiatsvorwurf – in diesem Falle weiß ich nicht, ob er berechtigt ist – eine sehr ernst zu nehmende Frage ist.

"European Media Art Festival"

Termin: bis 25. April, Osnabrück
http://www.emaf.de/

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