Turner-Preis 2012 - London

Wild, anarchisch, verrückt

Die Shortlist des Turner-Preises birgt in diesem Jahr einige Überraschungen. Die Performance-Künstlerin Spartacus Chetwynd mit ihrer Arbeit "Odd Man Out", Künstler Paul Noble und sein wiederkehrendes Motiv: der Scheißhaufen und jeweils ein Film von Luke Fowler und Elizabeth Price.

Die diesjährige Turner-Schau ist ein wahres Tollhaus: wild, anarchisch, verrückt. Und der Besucher muss seine Vorstellungen von dem, was ein Museum ist, an der Garderobe abgeben.

Tate Britain ist ein Theater, das den Zuschauer zum Mitspielen auffordert; ein Kino mit angeschrägten Sitzreihen, in dem zu bestimmten Zeiten ein Film gezeigt wird; ein weißer Galerieraum, in dem einer vor aller Augen zeichnerisch seine ganz privaten Fantasien auslebt.

Paul Nobles Fantasiewelt eröffnet den Reigen. Seit fast 20 Jahren zeichnet er obsessiv mit dem Bleistift seine imaginäre Retortenstadt Nobson Newtown. Eine städtische Utopie, bei deren Entwurf etwas schrecklich danebengegangen ist. Es entstand eine Absurdität, in der zu leben völlig unmöglich und unmenschlich ist. "Paul's Palace" ist ein am Strand gebautes modernistisches Haus aus mehreren ineinander verschachtelten Kuben mit Treppen und Terassen. "Trev" ist ein Gewächshaus, das auf Stelzen im Wasser steht. Die Wurzeln der wie Zinnsoldaten aufgereihten Pflanzen wachsen durch den Fußboden bis ins Wasser hinunter. "Large Trev", ein paar Jahre danach entstanden, zeigt dasselbe Gewächshaus, doch jetzt hat ein Wirbelsturm im Inneren gewütet, die Pflanzen liegen zerdrückt am Boden, Regen peitscht durch das zerbrochene Glas. Die Stadt ist menschenleer, und wenn Lebewesen auszumachen sind, dann sind es delikat geformte Scheißhäufchen. Sie bevölkern die Landschaft und die Straßen der Stadt, kopulieren schamlos in aller Öffentlichkeit, und auch die Skulpturen, die auf den sonst leeren Plätzen stehen, bestehen aus menschlichem Exkrement. Ihre Form erinnert stark an Plastiken von Henry Moore, und Noble hat sich von dessen immer wiederkehrendem Motiv "Mutter und Kind" zu einigen kleinen Marmorplastiken inspirieren lassen, die er auf Sockeln in den Raum platziert, auch sie Scheißhaufen.

Luke Fowler und Elizabeth Price zeigen beide je einen Film, ein seit mehreren Jahren anhaltender Trend. Fowler hat ein kleines Kino gebaut, damit man sich nicht wie üblich an die Wand lehnen oder auf den Boden setzen muss. Das ist auch nötig, denn sein eliptischer Film "All Divided Selfs" über einen Guru der Sechziger Jahre, den schottischen Psychoanalytiker und Drogenapostel RD Laing, dauert immerhin 93 Minuten. Archivmaterial und Heimkino werden geschickt aneinander geschnitten, und Fowler zeigt auch die Folgen von Laings Postulat, die Patienten von Heilanstalten in die Gemeinschaft zu entlassen: obdachlose Kranke in den Straßen der Städte. Warum der Film nicht in einem echten Kino oder auf dem Fernsehschirm gezeigt wird, ist nicht so ganz einzusehen.

Auch Elizabeth Price Film "The Woolworths Choir of 1979" hat keine lineare Erzählstruktur. Sie ist eine Meisterin der Gegenüberstellung, die es versteht, zwei disparate Motive zu einem zu verschmelzen. Hier sind es die Geschichte des mittelalterlichen Kirchenbaus mit dem Brand in einer Filiale von Woolworths in Birmingham im Jahr 1979. Die Verschmelzung, unterstrichen durch über die Leinwand huschende Sätze und das rythmische Klicken von Fingern, läuft auf einen schrecklichen Höhepunkt zu, der Film ist ein Akt der Erinnerung, voller Respekt vor dem Tod.

Spartacus Chetwynd ist die erste Performance-Künstlerin, die es bis zur Shortlist geschafft hat. Auch das ist ganz im Trend, hat die Tate Modern doch gerade ihre ehemaligen unterirdischen Öltanks genau dafür, für Live Performance, eröffnet. Die Künstlerin kam als Alalia Chetwynd auf die Welt, nannte sich später Lali und nahm dann den Namen des römischen Gladiators an, der eine Sklavenrevolte anzettelt hatte. Selbst ihr Name ist also Performance, und dass sie angeblich in einer Südlondoner FKK-Kolonie lebt und arbeitet, passt da nur zu gut hinein. Ihre Arbeit "Odd Man Out" ist sicher das Verrückteste der Schau. Eine 20-minütige Burleske in zwei zeltartigen Räumen, maskierte Tänzer bewegen sich plump durch die Räume, führen die Besucher von einem in den anderen und flüstern ihnen Sätze wie "Du wurdest betrogen" oder "Ich habe mir den Magen verdorben" ins Ohr, Christus und Barrabas tauchen als Puppen auf. Alles bewusst amateurhaft, zu überlauter Musik. Paul McCarthy und Otto Mühl, Hieronymus Bosch und Joseph Beuys schwirren herum, gelegentlich muss man schmunzeln, dann wieder wird es peinlich, und was dahintersteckt, bleibt meist verborgen.

Wer also soll Anfang Dezember den Preis und den Scheck mit 20 000 Pfund mit nach Hause nehmen dürfen? Paul Noble ist der offensichtliche Kandidat, doch Jurys sind unberechenbar, man weiß nie so genau, was in ihren Köpfen vorgeht. Vielleicht vergibt sie den Preis wirklich zum ersten Mal an eine Nudistin. Das wäre doch ein gefundenes Fressen für die Regenbogenpresse.

Turner-Preis 2012

In der TATE Britain-Galerie präsentieren die Kandidaten des Turner-Preises 2012 bis zum 6. Januar 2013 ihre Arbeiten. Die Preisverleihung findet am 3. Dezember 2012 statt.
http://www.tate.org.uk