Klaus Staeck - "60 Jahre – 60 Werke"

Ziemlicher Unfug

Klaus Staeck im art-Gespräch über die Austellung "60 Jahre – 60 Werke". Der Präsident der Berliner Akademie der Künste erzürnt sich über Kuratoren und das Konzept der Ausstellung im Gropius-Bau.
"Ziemlicher Unfug":Der Präsident der Akademie der Künste ist verärgert

Klaus Staeck leitet seit 2006 die Akademie der Künste in Berlin

Herr Staeck, was ärgert Sie am meisten an der Schau?

Zunächst ist es die Ausgangsposition, diese Trennung in freie West- und unfreie Ost-Kunst. Die Behauptung, in Unfreiheit könne keine Kunst entstehen, ist einfach unzulässig, und wenn wir sie alle miteinander ernst nähmen, dann könnten wir einen großen Teil der Werke aus unseren Museen räumen. Viel Kunst ist doch gerade im Widerstand, in Unfreiheit, entstanden. Ärgerlich ist auch, dass mit der Eröffnung durch die Bundeskanzlerin und die finanzielle Unterstützung des Innenministeriums die Ausstellung einen nationalen Anspruch suggeriert, der ihr nicht zukommt.

Was sagen Sie zu dem Argument, in der DDR habe es keine Kunst gegeben, weil es keine Freiheit gab?

Es hat auch in der DDR Künstler gegeben, die unter Verzicht auf große Staatsaufträge und öffentliche Ehrungen konsequent in aller Stille oder im Kreis ihrer Kenner und Verehrer gearbeitet haben. Ihnen war es ziemlich egal, ob sie "DDR-Kunst" machen oder "deutsche Kunst". Sie fühlten sich einfach ihrem inneren Auftrag verpflichtet. Die Namen sind in den letzten Tagen schon so oft genannt worden: Glöckner, Altenbourg, Claus. Ich möchte den DDR-Abstrakten Horst Bartnig mit seiner "konkreten Malerei" hinzufügen und meinen Freund Manfred Butzmann, der fein-subversiv mit seinen Grafiken und Plakaten Sand ins DDR-Getriebe gestreut hat. Also – und das sage ich als jemand, der schon 1956 die DDR verlassen hat – der schlichte Kuratoren-Gedanke, nur die Werke von Ost-Künstlern, die von dort weggegangen sind, seien ausstellungswürdig, weil auf dem Boden des Grundgesetzes entstanden, ist so skurril, dass man ihn mit Gelassenheit ertragen und weniger ernst nehmen sollte.

Sie haben einen Aufruf gegen die Schau im Gropius-Bau angekündigt: Wie soll der aussehen, und vor allem: Was soll er bezwecken?

Nachzulesen ist er auf den Internetseiten der Akademie der Künste. Bewirken soll er lediglich, dass noch einmal gesagt wird: Was Ihr, verehrte Kuratoren, Euch dort ausgedacht habt, ist ziemlicher Unfug. Etwas präziser aber im gleichen Sinne hat es gerade mein Akademie-Kollege Matthias Flügge im Deutschlandradio Kultur formuliert. Ich sage das auch vor dem Hintergrund der jüngsten Geschichte der Akademie der Künste. Wir haben 1993 eine Ost- mit einer West-Akademie vereinigt. Das gab heftige Diskussionen, Verletzungen, Austritte. Und am Ende ist das "Anti-Treuhandmodell", wie Walter Jens das Unternehmen nannte, etwas zu vereinigen ohne die andere Seite platt zu machen, dennoch gelungen. Sehen Sie sich die gegenwärtige Ausstellung am Hanseatenweg "aus/gezeichnet/zeichnen" an: Dort finden Sie mehr als 70 Künstler, Mitglieder der Akademie aus allen Hemisphären – und das einzige, was zählt ist die künstlerische Qualität, jenseits jeder ideologischen Betrachtungsweise.

Die öffentliche Aufmerksamkeit und Kritik beschert der Ausstellung vermutlich zusätzliche Besucher – ärgert Sie das?

Nein, es ärgert mich nicht, weil ja in dieser Ausstellung wunderbare Werke versammelt sind. Was können Werner Held und Willi Baumeister, Hans Hartung, Emil Schumacher, Joseph Beuys und all die anderen dafür, dass sie mit ihren Bildern und Skulpturen vereinnahmt werden für ein zweifelhaftes Konzept? Was können sie dafür, dass sie nun auch noch hinnehmen müssen, von BILD, dem Sponsor und Medienpartner, abgedruckt zu werden? Es ärgert mich auch deshalb nicht, weil die Kuratoren zwölf meiner Plakate – aus welchen Gründen auch immer – in den Innenhof gehängt haben, ohne in Einladung und Katalog namentlich erwähnt zu werden. Ich habe mich in einer ironischen Danksagung revanchiert. Dank, dass mir die Nummer 61 zugedacht wurde. Also ein Platz außerhalb der vorgegebenen Sitzordnung. Ich sitze seit jeher lieber zwischen den Stühlen. Und Dank auch für die Rücksichtnahme und Feinfühligkeit der Veranstalter, mir keinen Abdruck meiner Arbeiten in der BILD-Zeitung zuzumuten.