Robert Rauschenberg - München

Brauner Raureif der Globalisierung

Werkserien spiegeln im Münchner Haus der Kunst Reiseeindrücke des Amerikaners Robert Rauschenberg wider.

Er ist leicht, recycelbar, klassenlos, weltweit präsent und so unscheinbar wie praktisch. Wie kaum ein anderes Material entspricht der Pappkarton einer heute nahezu unbeschränkten Mobilität von Waren und Personen. Nicht von ungefähr bauen jüngere Installationskünstler verstärkt auf dessen fahle Gebrauchsqualitäten.

Als einer der ersten nutzte allerdings Robert Rauschenberg in seinen "Cardboards" vorgefundene Pappe in großformatigen Arbeiten. Der 1925 geborene Texaner erkannte bereits die gesellschaftlichen Indikatoren des allerorten auftauchenden Verpackungsmaterials: "Ich bin bis heute noch nirgends gewesen, wo es keine Pappschachteln
gab – nicht einmal am oberen Amazonas."

Im Münchner Haus der Kunst sind nun auch andere von realen und fiktiven Reisen inspirierte Serien aus den Siebzigern zu sehen: Die auf Gondoliere-Klischees anspielenden Assemblagen der "Venetians", die im Sand gewälzten oder mit Gazestoff mumifizierten Pappcollagen der "Early Egyptians", die farbintensiv aufleuchtenden Stoffsegel der "Jammers".

In seinem raffiniertesten Zyklus aber zauberte Rauschenberg mit einem litho­grafischen Verfahren raureifartige Bilder und Zeitungstexte auf halbtransparente Stoffe. "Die aus Seide, gewöhnlicher oder indischer Baumwolle hergestellte 'Hoarfrost'-Serie präsentiert Bilder in der Doppeldeutigkeit eines festgefrorenen Fokus und sich auflösender Blickpunkte", ­erklärte Rauschenberg zu diesen "Raureif"-Motiven.

Rauschenbergs Materialskulpturen und -bilder von 1970 bis 1976 wirken wohl deshalb so ungemein frisch, weil sie prophetisch auf die heute tatsächlich bis in den letzten Weltzipfel global austauschbaren Konsumstandards hinweisen: "Wir werden eines Tages in einer nivellierten Welt leben", klagte Rauschenberg. Schade, dass ein Großteil seiner faszinierend interkontinentalen Reisecollagen weiterhin nicht zu sehen ist. Der frühere Pop-Artist hütet sie nach wie vor in seiner Privatkollektion.

"Robert Rauschenberg – Travelling '70–'76"

Termine: bis 14. September, Haus der Kunst, München. Weitere Station: Madre, Neapel, 18. Oktober bis 19. Januar 2009. Katalog: 49,95 Euro.
http://www.hausderkunst.de/