Ad Absurdum - Marta Herford

Wunderkammer des Widersinnigen

Entlarvung, Revolte und Verweigerung – Jan Hoet läutet seinen Abschied als Marta-Direktor ein und widmet sich den Energien des Absurden.

Jan Hoet läutet seinen Abschied als Marta-Direktor ein und widmet sich den Energien des Absurden. Diese Themenwahl entbehrt nicht der Pikanterie, denn auch die Arbeit des Museums wurde durch zahlreiche Widersinnigkeiten begleitet. Allein die Vorstellung eines der ostwestfälischen Provinz übergestülpten Frank-Gehry-Baus hat etwas Aberwitziges, doch genau aus solchen Widersprüchen zieht Hoet seinen Antrieb.

Mit listigem Besitzerstolz stellt der belgische Sisyphos in "Ad Absurdum" einen Brief der Herforder Stadtverwaltung aus, in dem er aufgefordert wird, den Erwerb eines Kunstwerks zu stornieren oder mit seinem persönlichen Vermögen dafür einzustehen. Hoet, der kein Budget für Ankäufe hatte, bezahlte seine Künstler stets einvernehmlich mit ungedeckten Schecks, um die nötigen Mittel anschließend bei Sponsoren einzuwerben.

Natürlich tritt Hoet in seiner letzten großen Marta-Themenschau nicht als Beckettscher Alleinunterhalter auf. Statt dessen sticht er mit den historischen Narrenschiffen des 16. Jahrhunderts in die offene See eines philosophischen Passepartout-Begriffs: Offenbar speisen sich die Energien des Absurden nicht allein aus dem existenziellen Leiden an einer sinnlos erscheinenden Welt. Oftmals genügt schon die Lust daran, dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

So treibt Kurt Schwitters in seinen dadaistischen Lautgedichten der Poesie die Sprache aus, und der Surrealist René Magritte macht sich auf seinen Bildern über die Sehnsucht nach Bedeutung lustig. In die gleiche Kerbe haut Martin Kippenberger, wenn er statt Christus einen Comicfrosch ans Kreuz nagelt. Bei Fabio Mauri meint man hingegen, die aus der Verzweiflung geborene Revolte eines Albert Camus zu sehen: Mauri stapelt alte Koffer zu einer Mauer, um das unfassbare Leid des Holocaust zu beklagen.

Kackwürste ohne Unterlass

Wieder einen ganz anderen Tonfall schlägt Wim Delvoye mit "Personal Cloaca" an, einer Maschine, die die menschliche Verdauung nachstellt, ständig gefüttert werden will und ohne Unterlass unangenehme Gerüche und Kackwürste produziert. Diese abscheuliche Apparatur macht aber auf paradoxe Weise Sinn. Sie führt das idealistische Menschenbild ad absurdum, indem sie den Menschen auf seine grundlegenden Bedürfnisse reduziert.

Entlarvung, Revolte und Verweigerung sind für Jan Hoet die Merkmale der absurden Energie, was letztlich nichts anderes bedeutet, als dass die gesamte seit dem Ersten Weltkrieg entstandene Kunst im Wesentlichen von ihr angetrieben wird. Man muss ihm auf diesem Weg nicht folgen, um die in Kooperation mit der Städtischen Galerie Nordhorn entstandene Ausstellung als Wunderkammer des Widersinnigen zu schätzen. Auch das Absurde hat seine Eigenheiten: manchmal bestürzend wie Zbigniew Liberas Entwurf eines Konzentrationslagers aus Legosteinen, manchmal einschmeichelnd wie Thomas Rentmeisters Zuckerberg, in dessen sanften Hügeln des Überflusses ein Einkaufswagen begraben liegt.

"Ad Absurdum – Energien des Absurden von der Klassischen Moderne zur Gegenwart"

Termin: bis 27. Juli im Marta Herford Museum, Herford. Katalog: Kerber Verlag, 22 Euro.
http://www.martaherford.de