Christo im Gasometer Oberhausen

Gott schaut durchs Oberlicht

Verpackungskünstler Christo bläst sein neuestes »Big Air Package« im Oberhausener Gasometer auf. Es ist gewohnt spektakulär, könnte aber zu Nackenstarre führen.
Vorsicht Nackenstarre!:Christos Big Air Package

Blick in die Installation im Oberhausener Gasometer

Auch Christos Großskulpturen haben mal klein angefangen. 1961 ließen Christo und seine vor drei Jahren gestorbene Lebenspartnerin Jeanne-Claude Ölfässer im Kölner Hafen aufstapeln und teilweise mit schweren Stoffplanen bedecken. Auf den Schwarzweißfotos sieht das erste verwirklichte Projekt der beiden beinahe niedlich aus, der erhabene Eindruck des verhüllten Reichstags ist jedenfalls noch weit entfernt.

Auch das Luftpaket, das 1966 vor dem Van Abbemuseum in Eindhoven hing, ähnelt eher einer Form- und Materialstudie als dem Superlativ, den Christo nun im Oberhausener Gasometer präsentiert: einen weißen Ballon aus 20 350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe, dessen 5,3 Tonnen Gewicht von 4500 Metern Seil gebändigt werden. Zwei Gebläse erzeugen einen konstanten Luftdruck und sorgen dafür, dass aus Christos neuestem "Big Air Package" kein schlaffer Luftsack wird.

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Es ist bereits der zweite Besuch Christos in Oberhausen. 1999 ließen er und Jeanne-Claude im Gasometer eine Wand aus 13000 mosaikartig arrangierten Ölfässern errichten, was damals immerhin 390 000 Besucher in das regionale Wahrzeichen lockte. Das 1929 in Betrieb genommene und 1994 zur Ausstellungshalle umgerüstete Industriedenkmal ist für sich genommen schon eine Schau, mit seinem 347 000 Kubikmeter fassenden Hohlraum aber auch nicht gerade leicht zu füllen. Bildende Künstler trauen sich hier eher selten hinein, für Christo ist der Gasometer dagegen wie gemacht. Entsprechend hoffnungsvoll bewirbt der Veranstalter seine Attraktion als die größte Skulptur, die jemals in einen geschlossenen Raum gepfercht wurde. Und tatsächlich: Neben diesem "Big Air Package" nimmt sich der schlauchförmige Plastik-"Leviathan", mit dem Anish Kapoor den Pariser Grand Palais füllte, wie ein Blinddarm aus.

Im Inneren des Gasometers erwartet den Besucher zunächst ein Bilderbogen des fünf Jahrzehnte umfassenden Werks von Christo und Jeanne-Claude. Hier bekommt man noch einmal eindrucksvoll vorgeführt, wie die beiden das Spektakel in die eher der Innerlichkeit zugewandte Land Art brachten. Statt ans Ende der Welt gingen Christo und Jeanne-Claude in touristisch erschlossene Gebiete, um eine Steilküste zu verhüllen, eine Schlucht zu verhängen oder einen kilometerlangen Zaun durch eine Berglandschaft zu ziehen. Regelmäßig eroberten sie die Innenstädte der Metropolen: die römische Stadtmauer, den Pont Neuf über die Seine, den New Yorker Central Park. Dabei bekam das Publikum stets eine Nah- und eine Fernsicht auf die zeitlich befristeten Landmarken geboten – ein Mehrwert, auf den man im Gasometer verzichten muss. Zwar kann man im Panoramafahrstuhl 90 Meter am "Big Air Package" entlang in die Höhe fahren. Doch fühlt man sich oben angekommen wie auf dem Schnürboden eines Theaters, das unten gerade eine packende Aufführung zu bieten hat.

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Christos Installation in Oberhausen: "Big Air Package"

Die große Bühne wird dem Besucher dann auch im Inneren des Ballons bereitet. Durch eine Luftschleuse gelangt man auf die zur Plattform umgebaute Gasdruckscheibe und badet geradezu im weißen Licht. Es kommt aus 60 Strahlern sowie aus den Deckenfenstern des Riesenbaus und wird durch die Außenhaut des "Big Air Package" auf wunderbare Weise gefiltert. Und da man den Gasometer nicht umsonst eine Kathedrale des Industriezeitalters nennt, glaubt man gerne: Gott schaut gerade durchs Oberlicht herein. Ein bisschen misslich an der Sache ist, dass man die meiste Zeit mit dem Kopf im Nacken nach oben starren muss. Aber warum sollte es in einer Kunstkathedrale bequemer zugehen als auf der harten Kirchenbank.

Christo – Big Air Package

Termin: bis 30. Dezember 2013 im Gasometer Oberhausen
http://www.gasometer.de/de/

Der Überzeugungskünstler:Christo wird 80
Elf Jahre vor der Fußball-WM 2006 veränderte die Verhüllung des Reichstags ins Berlin das Bild von Deutschland in der Welt. Der Künstler dahinter denkt gar nicht daran aufzuhören. Auch nach dem Tod seiner Frau Jeanne Claude