Gerhard Richter - Hamburg

Ulrike Meinhof und der faltbare Trockner

Gerhard Richter und die Folgen: Gleich zwei Hamburger Ausstellungen zeigen, wie Unschärfe in Bildern Erkenntnisse ermöglicht – oder auch nicht.

"Hilfe, ich bin unscharf", ruft der Schriftsteller Harry Block in Woody Allens Filmkomödie "Harry außer sich" von 1997. Während alle anderen Darsteller klar zu erkennen sind, verschwimmen die Konturen der Hauptfigur auf beunruhigende Weise. Und niemand weiß, wie man den Mann wieder scharf stellen kann. Natürlich ist dieser filmtechnische Gag bei Woody Allen nicht ohne Hintersinn: Sein Harry Block hat eine Identitätskrise, er ist "out of focus", für sich selbst nicht greifbar.

Die Irritation, die durch mangelnde Schärfe entsteht, ist jetzt Thema zweier Hamburger Ausstellungen. Im Bucerius-Kunstforum sind Werke von Gerhard Richter vor allem aus den Jahren 1962 bis 1967 zu sehen: erste bewusst verwischte Bilder nach fotografischen Vorlagen, die seither als typisch für Richter gelten. Die Hamburger Kunsthalle zeigt in der Gruppenschau "Unscharf. Nach Gerhard Richter", welchen regelrechten Boom an Weichzeichnung und Verschwommenheit das Vorbild bis heute ausgelöst hat.

Zu Gerhard Richter gab es in den vergangenen Jahren viele Ausstellungen. Zunehmend meinen Kuratoren, der Bedeutung des Künstlers nur noch durch umfassende Retrospektiven gerecht werden zu können. Wohltuend, dass sich der ehemalige Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schneede als Kurator hier auf die frühe Phase konzentriert. Richter hatte in dieser Zeit eine Methode gefunden, fotografische Vorlagen durch forcierte Unschärfe zu verfremden. Dadurch wirken sie einerseits noch "fotografischer" als die meist Magazinen entnommenen Bilder; zugleich erobert Richter für die Malerei aber Terrain zurück, indem er seine Motive mit rein malerischen Mitteln in die Schwebe versetzt.
Seine Methode hatte Richter noch nicht zur Perfektion entwickelt. Er schien sie selbst noch anzuzweifeln. Manchmal, etwa beim Jackie-Kennedy-Porträt "Frau mit Schirm", bleibt ein weißer Streifen auf der Leinwand – als sollten wir daran gehindert werden, zu tief ins Bild einzutauchen. Oft werden die Bildunterschriften der Magazine, die Richter benutzte, mitgeliefert. Bei "Frau mit Kind" von 1965 ist die linke untere Ecke gestisch vermalt – auch das eine kalkulierte Störung allzu bruchloser Wahrnehmung.

Eine fundamentale Skepsis ist zu spüren: Richter will die Bilder nicht schön sein lassen, die Gegenstände werden durch die mal gröbere, mal milchglashafte Unschärfe auf Distanz gebracht. Sein Misstrauen gilt dem wirkungsmächtigen Medium der Fotografie, aber auch der Konsumwelt der jungen Bundesrepublik mit ihren nagelneuen Autos, Motorbooten und faltbaren Trocknern. Er setzt ihnen beunruhigende Bilder entgegen: Kampfflugzeuge, Tote aus Sensationsmeldungen. In seiner gleichmäßig distanzierten Beschäftigung mit ganz unterschiedlichen Gegenwarts-Phänomenen hat Richter viel mit Andy Warhol gemein. Allerdings erlaubt seine Methode mehr Zwischentöne: Die fein gemalte Unschärfe kann den Blick auch abmildern, weicher machen.
Das gilt besonders für die Bildserie "18. Oktober 1977", besser bekannt als RAF-Zyklus. Er wird erstmals seit der "MoMA in Berlin“-Ausstellung von 2004 wieder in Deutschland gezeigt. Schneede hat ihn vom Rest der Ausstellung getrennt, zeigt ihn im ersten Stock in einem kapellenartigen Raum. Und wo könnte er besser hinpassen? Der 15-teilige Zyklus taucht Szenen aus der Geschichte des deutschen Terrorismus ins Dunkel. Auf einigen Bildern sind die Gegenstände im dichten Schwarz nur mit größter Mühe zu erahnen. Ein Trauerflor liegt über allem, die Tragik der Ereignisse tritt umso deutlicher hervor: Gudrun Ensslins mädchenhaftes Gesicht, Ulrike Meinhof als junge Frau, der tote Andreas Baader – unscharfe Schnappschüsse deutscher Geschichte, fast musikalisch variiert und rhythmisiert.
Wer den RAF-Zyklus gesehen hat, sollte auf dem Weg zur Kunsthalle vielleicht erstmal einen Kaffee trinken. Der Kontrast könnte sonst zu groß sein.

Im Hubertus-Wald-Forum haben Hubertus Gaßner und Daniel Koep Werke von 25 Künstlern zusammengestellt, die "unscharf nach Gerhard Richter" malen. Leider erreichen nur wenige von ihnen die Brillanz und Dringlichkeit des Vorbilds. Unschärfe macht hier vor allem bildnerische Effekte: Karin Kneffel malt subtile Interieurs mit interessant kombinierten Perspektiven und optischen Effekten; Bill Jacobson reduziert Porträts auf allerzarteste Grauwerte, Adam Jankowski lässt verschiedene abstrakte und figürliche Malweisen aufeinander prallen. Man sieht weich gezeichnete Landschaften, Interieurs, Porträts – aber man hat kaum das Gefühl, die Unschärfe sei hier noch jenes Erkenntnisinstrument, als das Richter es einmal einsetzen konnte. Selbst die eingestreuten, meist in den achtziger und neunziger Jahren entstandenen Bilder von Richter selbst wirken hier allzu glatt – etwa der süßliche Zyklus "S. mit Kind" von 1995. Im Vergleich zur konzentrierten Klasse der Richter-Schau im Bucerius-Forum haftet der Kunsthallen-Ausstellung etwas Provinzielles an. Es fehlen die international wirksamen Künstler, die Richters Methode auch in ihrer politischen Dimension weiterentwickelt haben, etwa der Belgier Luc Tuymans oder der Chinese Zhang Xiaogang. Es fehlen Foto-Meister wie Jack Pierson und Wolfgang Tillmans. Man vermisst einen politischen Maler wie Heribert C. Ottersbach. So fehlt es den unscharfen Bildern hier an dem, was sie beim frühen Richter noch hatten: Schärfe.

Gerhard Richter

Gerhard Richter. Bilder einer Epoche

im Bucerius Kunst Forum, bis 15. Mai 2011
Öffnungszeiten und Tickets

Unscharf. Nach Gerhard Richter
in der Kunsthalle Hamburg
bis 22. Mai

Öffnungszeiten und Tickets





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