Paul McCarthy - New York

Mit heruntergelassener Hose

McCarthy inszenierte in der früheren Exerzierhalle an der Park Avenue, das Märchen von Schneewittchen und ihren sieben Looser-Zwergen als gewaltigen Alptraum.

In der Nacht vor der Eröffnung entschied sich Paul McCarthy dazu, in der gewaltigen Halle der New Yorker Armory zu fegen. Es hatte eine erstaunlich beruhigende Wirkung, so der 67-Jährige, der gewöhnlich nicht den Eindruck macht, als ob ihn irgendetwas aus der Fassung bringen könnte.

Im Mai und im Juni eröffneten McCarthy und sein Clan vier Ausstellungen von gigantischen Ausmaßen in New York, drei davon finden bei McCarthys Galeristen Hauser & Wirth statt. Mit seiner Familie zog der LA-Künstler für drei Monate in die Stadt, um seine Arbeiten zu installieren.

Los ging es mit der Kunstmesse Frieze, die im Mai auf Randall's Island stattfand. Vor den Eingang des Messezeltes setzte der Westküsten-Künstler einen Ballon-Hund in Anspielung auf Kunstmarkt-Star Jeff Koons und dessen glänzende Chromstahl-Kreaturen. McCarthys roter Riesen-Hund erinnerte jedoch eher an ein überdimensionales Sexspielzeug. Und so ließ der Künstler den New Yorker Kollegen Koons mit der Leichtigkeit eines aufblasbaren Fetisch-Objekts und dreckigem Humor wie einen biederen Saubermann aussehen. Als sich der Ballon-Hund dann auch noch für knapp eine Million Dollar verkaufte, ahnte man bereits, dass McCarthy diesen Sommer schwer zu bremsen sein wird.

Auch in der Armory konnte er seine Finger nicht von Koons lassen. In der früheren Exerzierhalle an der Park Avenue inszenierte der Künstler, wie üblich in Zusammenarbeit mit Sohn Damon, das Märchen von Schneewittchen und ihren sieben Looser-Zwergen als gewaltigen Alptraum. In die Halle setzte das Team einen monströsen Märchenwald und lehnte sich an McCarthys Installation "The Garden" an, mit der der Künstler Anfang der neunziger Jahre mit Hilfe des langjährigen Chefkurators am Museum of Contemporary Art in Los Angeles Paul Schimmel (der neue Partner von Hauser & Wirth in LA) den Durchbruch hatte. Den Fußboden der Armory legte das Team mit Kitschteppichen aus alten Disney-Hotels aus. Die komplette Show samt Disney-Andenken, die zum Teil in Kühltruhen lagern und die McCarthy mit "Walt Paul" signierte, hat etwas von der pervertierten Version eines Amüsierparks.

Die Orgie im Elternhaus

Über riesige Videomonitore laufen Videos mit McCarthy in der Hauptrolle als Walt Paul, eine Kombination aus Walt Disney und Hitler. Schneewittchen, eine Mischung aus Tochter, williger Geliebter, Opfer und durchtriebenem Miststück, lässt mit ihrem Zwergenstaat eine Orgie steigen. Die Hosen werden runtergelassen. Walt Paul und die winselnden, grunzenden, stöhnenden Zwerge mit ihren erbärmlichen Knollnasen lutschen an kleinen Ballon-Hunden herum, sie reiben sich an den Tierchen und stellen allerlei Perversitäten mit ihnen an. Es ist das Vorspiel zu einer siebenstündigen Fress- und Sexorgie, die sich in Videos in einem dunklen tunnelartigen Gang in der Armory fortsetzen.

Dort hat ein Porno-Prinz Sex mit einer Gummipuppe, die wie Schneewittchen aussieht. Walt Paul mit nacktem Hinterteil missbraucht das Märchenwesen lüstern grunzend als seine Leinwand, die er wie de Kooning oder Pollock statt mit Farbe mit Schokolade beschmiert oder mit Liebesperlen zuschüttet. Natürlich kann eine Orgie von solchem Ausmaß nur böse enden. McCarthy drehte die Videos in einem Nachbau seines Elternhauses in Utah, das er wiederum in der Armory originalgetreu aufbauen ließ. "Wir haben das Haus zum letzten Mal 2004 betreten, als meine Großmutter starb", erzählt Damon McCarthy. Und sein Vater stellt sich die unbehagliche Frage, warum er wie sein Freund Mike Kelley, der sich im vergangenen Jahr das Leben nahm, bei dieser Arbeit zu seinem Elternhaus zurückkehrte.

In dem primitiven Flachbau mit dem beschmutzten Flauschteppich und all den leeren Campbell-Suppendosen, Wodka- und Schokoladensirupflaschen, die herumliegen, wurde jedes Waschbecken, jede Lampe und selbst der Nippes im Regal rekreiert. Die Besucher gaffen durch Löcher in das Innere des Hauses. Im Wohnzimmer mit den Häkelgardinen findet McCarthy seine letzte Ruhe: Nackt sitzt er auf der Couch, hingerichtet mit einer Kitschfigur, die ihm im Maul steckt. Das tote Schneewittchen liegt mit ausgestreckten Beinen zu seinen Füßen.

Märchenonkel Disney und die perverse Hollywood Kulisse

Ein Besuch in McCarthys Hölle verfolgt einen über lange Zeit, weil die von Geld, Männern und Macht regierte Welt außerhalb der Armory natürlich noch höllischer ist. Märchenonkel Disney mit seinen nasenlosen, unterwürfigen weiblichen Geschöpfen ist den Amerikanern heilig. Mit Snow White begründete der Meister der Traumfabrik seine Film-Karriere. Dass der erzkonservative Hollywood-Tycoon keine Kommunisten, Juden oder Schwulen mochte und als Gründer der LA-Kunstschule CalArts die Kunstwelt an der Westküste formte, machte ihn zum perfekten McCarthy-Thema.

Ob Ronald Reagan, George Bush, Osama Bin Laden oder Walt Disney: McCarthy attackiert über all die Jahre das gleiche Bild des erbärmlichen Patriarchen. Seine Arbeiten verstehen sich als ein großes, immer wieder ineinander greifendes Gesamtkunstwerk. Nur dass sie mit der Zeit technisch komplizierter, raumfüllend und teurer wurden. Dazu zählen McCarthys kolossale Walnussholz-Skulpturen von Schneewittchen und ihrem Prinzen, die ineinander verwachsen und auf dem Schimmel reitend zu einer banalen Buchstütze verkommen. Oder die "Rebel Dabble Babble"-Installation als Blick hinter die perverse Hollywood-Kulisse und hinter die Fassade des amerikanischen Mittelstandstraums, die er gemeinsam mit Sohn Damon bei Hauser & Wirth in Chelsea installierte. Oder die bis das letzte Haar realistischen Silikonfiguren, die McCarthy von einer jungen nackten Frau und von sich selbst als Toter fertigen ließ und die in all ihrer Menschlichkeit berühren.

Es gab eine Zeit, in der McCarthy die aufgeblasene Kunsthauptstadt New York mied und sich sogar weigerte, in New York das Flugzeug zu wechseln. Seine Armory-Installation wird er einpacken lassen und daran weiter im fernen Los Angeles arbeiten, wo sich der Künstler seine eigene alternative Welt mit einem Stab von Mitarbeitern schuf. Die im ekelhaften Überfluss lebende, von Konsum getriebene Gesellschaft, die schrille Unterhaltung, der alles regierende Kapitalismus, das Geld, das sich in den Händen weniger befindet, zu denen sich inzwischen auch McCarthy als Großverdiener zählen muss: Es ist eine perverse Welt.

WS – Paul McCarthy

bis 4. August
Park Avenue Armory
http://www.armoryonpark.org/programs_events/detail/paul_mccarthy_WS

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