Das Frauenheft - art

Ein Heft nur über Künstlerinnen

Stars und Newcomer, Überflieger und Vorreiterinnen – die November-Ausgabe von art ist den Künstlerinnen gewidmet. Chefredakteur Tim Sommer erklärt, warum.
Warum wir ein Frauenheft gemacht haben:Weil die Kunst vorneweg geht

Die Novemberausgabe von art widmet sich Frauen in der Kunst

Liebe Leserin, lieber Leser,

es war einmal eine Branche, da handelten würdige Herren mit den Werken von wilden Jünglingen und Malerfürsten von eigenen Gnaden, scharfzüngige Egomanen priesen diese Erzeugnisse oder stießen sie in den Staub, Gelehrte sammelten sie in den Museen, Pfeffersäcke in ihren Rauchsalons. Frauen durften auch malen, aber es wurde doch eher als eine Art Handarbeit gewürdigt ...

Die Kunst als Männerclub, es gibt sie längst nicht mehr. Das zeigt schon der Augenschein. Warum also dieses Heft? Wir wollen es genau wissen. Wie steht es, vor dem Hintergrund der wichtigsten Debatte unserer Zeit, um die Gleichberechtigung im Kunstbetrieb? Die erstaunlichste Erkenntnis kam für uns aus einer Umfrage, die wir bei über 100 internationalen Kunstmuseen gemacht haben. Sie zeigt, wie rasant sich unsere Branche wandelt: Noch 1990 wurde nur ein Viertel der Museen von Frauen geleitet, heute sind es über 50 Prozent! Dieser Machtwechsel ist das Ergebnis eines Marsches durch die Institutionen, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auch die wirklich großen Häuser und Museumsverbünde erreicht, die immer noch fast durchgängig von Männern geleitet werden.

Und er ist das Ergebnis von jahrzehntelanger Bewusstseinsbildung mit und durch die Kunst, die Fragen von Freiheit und Recht verhandelt, die Gesellschaftsmodelle und Menschenbilder hinterfragt und durchspielt. Spätestens seit den sechziger Jahren tobt hier, vorangetrieben von Künstlerinnen und Kuratorinnen, die Diskussion um die Gleichberechtigung, die erst jetzt verspätet die Chefetagen der Konzerne erreicht. Im Kunstmarkt freilich haben es die Frauen immer noch schwer, auch nur annähernd die Spitzenpreise mancher männlicher Kollegen zu erzielen. Das liegt, meint Eigen+Art-Galerist Judy Lybke, an den Künstlerinnen selbst, die sich nur zutrauen müssten, mehr Geld für ihre Bilder zu verlangen. "Die Leute", so sagt er, "begreifen es nur über den Preis." Allerdings hat kaum eine Galerie mehr als ein Viertel Künstlerinnen im Programm, wie eine zweite Erhebung ergab – übrigens ganz gleich, ob von einer Galeristin oder einem Galeristen geführt. Oder wollen viele Künstlerinnen dieses alte Gerangel um Geld und Ruhm vielleicht überhaupt nicht mitmachen, wie das die Genderforscherin Susan Pinker im Interview vermutet? Wenn es darum geht, die Spielregeln neu zu bestimmen – in der Kunst können das die Frauen längst machen. Das unterscheidet den Kunstbetrieb von fast allen anderen Branchen!