Leipzig: Fotografie seit 1839 - Mammutschau

Die Weltentwicklung der Fotografie

Von den ersten Daguerrotypien bis zu den Digitalfotos von heute versammelt die Ausstellung die wichtigsten Fotos aus Leipzig. Der Fokus auf die Stadt lässt in der Lokalgeschichte die Entwicklung eines Weltmediums aufscheinen.

Leipzig Anno 1843: Er sitzt rittlings auf einem Stuhl, blickt verwegen in die Kamera und hat seinen besten Anzug angezogen, hoher Zylinder inklusive. 32 Jahre ist Eduard Wehnert damals alt. Heute gilt der Daguerreotypist und Mechaniker als ein Pionier der Leipziger Fotografie.

Gemeinsam mit seiner jungen Frau Bertha gründet er eines der ersten Fotoateliers in der Messestadt. Der Nachlass der Wehnerts, vornehmlich Porträts von Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts, bildet den Auftakt dieser opulenten Ausstellung, die Leipzig selbstbewusst als die deutsche Metropole der Fotografie inszeniert. An drei Standorten, im Grassi-Museum für angewandte Kunst, im Stadtgeschichtlichen Museum und natürlich im Museum der Bildenden Künste, holt ein Kuratorenteam unter Leitung von Christoph Tannert zum Rundumschlag durch drei Jahrhunderte aus. Dabei sind es besonders die grandiosen historischen Sammlungen von Grassi- und Stadtmuseum, die diesen Fotomarathon ermöglichen. Dazu kommen jene Fotokünstler, die seit Jahrzehnten in den Fachklassen der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) ausgebildet werden und deren Professoren. Hier bietet die Sammlung des Kunstfonds der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden einen exzellenten Fundus. Mit Mitteln der Kulturstiftung des Freistaats wird für diese Sammlung alljährlich aktuelle Kunst angekauft und ermöglicht einen fast lückenlosen Überblick über die Stars der jungen Fotoszene. Respekt vor den Experten, die sich über Monate durch dieses Angebot kämpften!

Die Anfänge des Mediums

Im nobel restaurierten Grassi-Bau findet der Ausflug in die geheimnisvollen Frühzeiten von Daguerreotypie, Kalotypie und Fotografie statt. Unter gedämpftem Licht breitet sich die halb verblasste Produktion der Wehnert-Dynastie und anderer aus. Bertha Wehnert-Beckmann, so ist dort zu erfahren, war nicht nur die erste Berufsfotografin Deutschlands, sondern nach dem frühen Tod ihres Eduard eine beherzte Geschäftsfrau. So gründete sie bereits 1849 ein Atelier in New York, das bis 1852 auf der berühmten Daguerreotypisten-Meile am Broadway existierte. Auch in Leipzig selbst schossen noch vor 1900 zahlreiche Fotografiewerkstätten aus dem Boden wie etwa die des Engländers Frank Eugene Smith, der mit Nicola Perscheid zusammenarbeitete. Perscheids auratische Porträts von Max Klinger, die 1915 entstanden, gehören zu den Highlights der Präsentation. Zunehmend wird damals auch Leipzigs rasante Entwicklung in Richtung Fortschritt dokumentiert. Allerorten wurde gebaut, die Stahlkonstruktionen verführten die Fotografen zu Höchstleistungen – wie zu sehen in Hermann Walters Bild von der Baustelle des Reichsgerichts um 1890. Und auch vor Masseninszenierungen machte die junge Linsenkunst nicht halt. Die Aufnahmen vom Leipziger Turnfest 1913 lassen anklingen, wie gleichzeitig kunstvoll und kalkuliert solche Kompositionen dann bis ins Dritte Reich hin verfeinern werden.

Stadtgeschichte als Fotografiegeschichte

Der Bezug zur Lokalgeschichte einer prosperierenden deutschen Großstadt wird dann im Stadtgeschichtlichen Museum fortgesetzt; auch hier wieder mit Architekturaufnahmen und nächtlichen Lichtexperimenten, die bereits den Geist des Bauhauses atmen, wie etwa die Werke von Johannes Mühler oder Heinrich Kirchhoff. Direkten Bezug zur Bauhaus-Fotografie gibt es mit den aparten Selbstporträts der Metallkünstlerin Marianne Brandt, die ja auch aus Sachsen stammt und natürlich mit Arbeiten von Lucia Moholy. Die Ausbruchsstimmung des frühen 20. Jahrhunderts ist im Ausstellungsparcours dann jedoch schnell vorüber. Sachlich versuchen die Kuratoren die Effekte nationalsozialistischer Propagandafotografie zu analysieren und kommen dann zu einem weiteren Höhepunkt des Ganzen. Unter den US-amerikanischen Armeeangehörigen, die im April 1945 die Stadt einnahmen, war auch Robert Capa. Für alle, die das Geheimnis seiner beklemmenden Arbeiten nicht selbst herausfinden, wird Capas Motto noch einmal didaktisch auf die Wand gepinselt: „ If your pictures aren't good enough, you're not close enough:“ Und wahrlich, näher dran kann eine Kamera nicht sein – der junge Soldat hat soeben auf einem Balkon sein Maschinengewehr in Stellung gebracht und eine Salve abgegeben, als ihn die Kugel eines versprengten Deutschlandverteidigers trifft. Ein Sekundenbruchteil später sinkt er still zu Boden. „Der letzte Tote des Krieges“ hat Robert Capa dieses Diptychon genannt.

Furioses Finale im Museum für Bildende Künste

Leipzig kann stolz sein auf diese drei Ausstellungen. Kurator Tannert bemerkt in seiner Einführung ganz recht, die hier vorgeführte "Weltentwicklung der Fotografie will deutlich machen, wie sich das Internationale im Regionalen erfüllt". Es ist nicht nur die Geschichte der Fotografie, die hier verhandelt wird, sondern die Geschichte der Stadt Leipzig und letztlich auch die Geschichte Deutschlands bis nach dem Mauerfall. Ab 1989 überwiegen dann die rein künstlerischen Zugriffe auf Fotografie. Die strikte Trennung zwischen Kunst- und Dokumentarfotografie als Zeichen unserer Zeit fällt einmal mehr auf, weil sich die frühen Fotografen, begeistert von den technischen wie künstlerischen Möglichkeiten des Mediums, noch keinerlei Gedanken um eine solche Zuordnung machen mussten. Sie waren wahlweise Künstler, Handwerker und Geschäftsleute.

Der Blick auf die Gegenwart zeigt nur noch Künstler und es scheint bisweilen, als breite sich unter diesem Anspruch eine gewisse Langeweile und Eintönigkeit aus – verglichen mit dem historischen Reichtum. Die Fotografie reflektiert sich zunehmend selbst, steht für Konzepte und Strategien und hat beim Bemühen um eine Aura diese oft verloren. Im Museum für bildende Künste wird dieses Dilemma deutlich – dort, wo sich ambitioniert und überbordend die Gegenwartsfotografie tummelt. Natürlich steht es außer Frage, dass Leipzig auch in den letzten vier Jahrzehnten exzellente Fotokünstler hervorgebracht hat, in der Nachfolge von Figuren wie Evelyn Richter oder Arno Fischer. Deren nobles Schwarzweiß und ihre Milieustudien haben noch nach 1989 Generationen von Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst inspiriert. Die Serien aus dem späten DDR-Alltag etwa von Christiane Eisler, Rudolf Schäfer, Thomas Kläber, Mahmoud Dabdoub oder Bertram Kober sind ebenso faszinierend wie in ihrer Fülle bisweilen etwas monoton. Auch die gezielte Abkehr von dieser „Befindlichkeitsfotografie“ hat Großes geleistet – mit Hans-Christian Schink etwa oder mit Matthias Hoch.

Doch leider muss der Versuch, weitere Namen zu nennen, an der schieren Quantität des Unternehmens scheitern – über 200 Positionen listet der umfangreiche Katalog. Schon allein ein Besuch im Museum der bildenden Künste nimmt Stunden in Anspruch, für die gesamte Fotografieschau sollte man schon einen ganzen Tag einplanen und zur Erholung einen Besuch im Museumscafe. Genau dort, wo sich am Eröffnungstag alle anwesenden Fotokünstler zu einem riesigen Gruppenbild versammelten – ein historisches Porträt der Generationen: Junge Kollegen wie Nadin Rüfenacht, Ricarda Roggan, Margret Hoppe oder Falk Haberkorn neben weniger jungen wie Erasmus Schröter, Helfried Strauß oder Tina Bara. In der Mitte thronte charmant und fragil die Grande Dame der Versammlung, Evelyn Richter. Soviel Ehre muss schon sein für die Leipziger Fotografie.

Leipzig. Fotografie seit 1839

Ausstellung bis 15. Mai 2011 im Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und im Museum der bildenden Künste Leipzig
Katalog „Leipzig. Fotografie seit 1839“ , Passage Verlag Leipzig 2011, 344 Seiten, 600 Abbildungen, 39 €


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