Köln/Bonn - Kunstfilmbiennale

Chambre Séparée

Die Kunstfilmbiennale in Köln und Bonn untersucht die Schnittmenge von Museum und Lichtspielhaus
Kunst – Film – Kunst:Hochkarätige Kunstfilme und Filmkunst in Köln und Bonn

Filmstill aus Laurie Simmons' "The Music of Regret", 2006

Anfang des letzten Jahrhunderts rief die Affäre von Kunst und Kino noch die Sittenwächter auf den Plan, mittlerweile findet sich selbst in den heiligsten Hallen der musealen Tradition ein Chambre Séparée für die Film- und Videokunst. Im Sinne dieser neuen Zeiten wurde die fünfte Kunstfilmbiennale eröffnet, und weil das Kölner Museum Ludwig dazu erneut seine Räume zur Verfügung stellt, durfte sich die künstlerische Leitung über die gelungene Symbolik freuen.

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Strecken Teaser

Nach der erfolgreichen Etablierung des Festivals stehen die Zeichen dieses Jahr gleich in doppelter Hinsicht auf Expansion: Zum einen kommen zwei neue Spielstätten beim rheinischen Nachbarn Bonn hinzu, zum anderen schließt die liebevolle Umarmung der Filmgeschichte durch die bildende Kunst mittlerweile ganz selbstverständlich auch das Starkino mit ein. Laurie Simmons ironisches Puppen-Musical "The Music of Regret" wartete zum Auftakt mit der leibhaftigen Meryl Streep auf. In Doug Aitkens "Sleepwalker" waren am Freitag abend Tilda Swinton und Donald Sutherland zu sehen. Die beiden Darsteller komplettieren ein Quintett von Nachtarbeitern, deren Wege Aitken aus exakt aufeinander abgestimmten Kameraperspektiven verfolgt und auf der Leinwand zu einem strukturalistischen Kaleidoskop des Alltagslebens zusammensetzt.

Die Klinke in die Hand geben sich die Berühmtheiten in "Los Angeles", einem Stadtporträt von Sarah Morris. Sie stilisiert die Oscar-Verleihung mit den Mitteln des abstrakten Films zum Marktplatz der Eitelkeiten, so wie sie in "Capital (Washington D.C.)" die diskreten Zeichen der Macht und in "AM/PM (Las Vegas)" die glitzernden Fassaden der Vergnügungsindustrie zu einem musikalisch unterlegten Bilderstrom zusammenfügt. Morris zeigt sich in der ihr gewidmeten Retrospektive als intime Kennerin zweier Klassiker der Filmgeschichte: Walter Ruttmans "Sinfonie einer Großstadt" und Godfrey Reggios "Koyaanisquatsi", wobei vor allem die rhythmisch zerhackten Soundtrack-Kompositionen Liam Gillicks ihre künstlerische Eigenständigkeit verbürgen.

Ein besonderes Grenzgängertum zwischen Kunst und Kino findet man bei den Experimentalfilmern Matthias Müller und Christoph Girardet. Ihre faszinierenden Arbeiten beziehen sich meist auf einzelne Motive der Filmgeschichte und überführen diese durch geschickte Isolierung in den Bereich der Kunstbetrachtung. In "Kristall" montieren sie einzelne Spiegelbilder aus Hollywood-Klassikern zu einem suggestiven Spiegelkabinett und verstärken die existenzielle Unsicherheit noch durch nachträgliche Bildbearbeitungen.

Auch abseits des roten Fadens sind schöne Entdeckungen zu machen: Das kleine Welttheater des israelischen Künstlers Guy Ben-Ner ist stets ein sicherer Tipp. In "Stealing Beauty" begrenzen einmal nicht die eigenen vier Wände seine Bühne, sondern die Wohnecken eines schwedischen Möbelkonzerns. Auf seine Weise schließt Ben-Ner damit an die heroische Frühzeit der Performance an, deren Wiederbelebung Babette Mangoltes Film "Seven Easy Pieces by Marina Abramovic" in Auszügen dokumentiert. Abramovic stellte in den Räumen des New Yorker Guggenheim Museum fünf berühmte Auftritte von Bruce Nauman ("Body Pressure"), Valie Export ("Action Pants: Genital Panic") oder Joseph Beuys ("Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt") nach und führt mit ihrer Auswahl eine beinahe vergessene Kunst vor Augen, die von körperlicher Marter und gesellschaftlichen Leiden kommt.

Kunstfilmbiennale

Die Kunstfilmbiennale läuft noch bis zum 24. Oktober an verschiedenen Spielorten in Köln und Bonn. Die gezeigten Filme konkurrieren um den mit 15 000 Euro dotierten Preis der Filmstiftung NRW, sowie um den Preis des Verbandes der deutschen Filmkritik. Mitglieder der Jury unter Vorsitz der Münchener Kunstsammlerin Ingvild Goetz sind der Filmkritiker Michael Althen, der Künstler Rolf Bier, die Kuratorin Barbara Engelbach und die Künstlerin Shirin Neshat, der im Rahmen der Biennale auch eine Retrospektive gewidmet ist. Am 21. Oktober findet in der Kunsthochschule für Medien in Köln ein Symposium statt, an dem unter anderen Nicolas Bourriaud (Gründungsdirektor des Pariser Palais de Tokyo und Kustos an der Londoner Tate Britain), Philippe Dubois (Filmprofessor an der Pariser Sorbonne), die Filmemacherin Ulrike Oettinger, die Künstlerin Marina Abramovic und der Kurator Mark Nash teilnehmen. Künstlerischer Leiter der Kunstfilmbiennale ist Heinz Peter Schwerfel.

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