Kunst und Krise - Christian Jankowski

Krisen interessieren mich grundsätzlich

Welchen Einfluss hat die Wirtschaftskrise auf den Kunstmarkt? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Konferenz Kunst + Krise am kommenden Wochenende in Berlin. Als deutsch-spanisches Co-Projekt initiiert, setzen sich Kunstschaffende beider Länder mit dem Thema auseinander. Christian Jankowski leistet einen künstlerischen Beitrag dazu und sprach mit art über das Ende der Champagnerjahre und den Mehrwert von guter Kunst.
"Krisen interessieren mich grundsätzlich":Jankowski über die Kunst in der Krise

Christian Jankowski: "Dass sich wegen der Krise nun die interessantere Kunst durchsetzen wird – diese These halte ich für gewagt."

Herr Jankowski, Sie sind ein sehr erfolgreicher Künstler. Warum treten sie auf der deutsch-spanischen "Kunst und Krise"-Konferenz in Berlin auf?

Christian Jankowski: "Kunst und Krise" – Das ist doch ein schönes Thema! Warum sollte ich da nicht mitmachen? Krisen interessieren mich grundsätzlich. Als Künstler ist man bei der Vorbereitung einer Ausstellung immer mit krisenhaften Zuständen konfrontiert – sie gehen der Produktion dessen, was dann letztendlich gezeigt wird, voraus. Zudem schätze ich auch meinen Kollegen Santiago Sierra, der ebenfalls eine Performance machen wird.

Sie sind eingeladen, einen künstlerischen Beitrag für den Kongress abzuliefern – was darf das Publikum erwarten?

Ich plane eine Benefiz-Auktion auf dem Pariser Platz. Das ist ein traumhafter Ort für diese Form und dieses Thema. In der Vorbereitung der Versteigerung wurden verschiedene öffentliche Stellen und Ämter angeschrieben und darum gebeten, mir Auktionsobjekte zu überlassen – unter der Bedingung, dass die Erlöse für das entsprechende Objekt nach der Versteigerung wieder an die Spender zurückfließen. Die Geber haben sich zudem verpflichtet, die ersteigerten Erlöse in ein selbst gewähltes Kulturprojekt zu investieren: vom Kindermuseum bis zum Künstlerhaus Bethanien. Unter den Objekten sind spektakuläre und auch ganz profane Dinge – das Büro des Bürgermeisters hat etwa ein künstlerisches Staatsgeschenk aus Afrika zur Verfügung gestellt, vom Ordnungsamt kam eine ausgemussterte Knöllchenmaschine – diese mobilen Erfassungsgeräte für Falschparker. Jedes dieser Objekte wird mit einem von mir unterschriebenen Zertifikat versteigert, welches belegt, dass es sich von nun an um ein Kunstwerk von mir handelt.

Aktuell erregt Hamburgs Galerie der Gegenwart die Kunstszene. Dort tauscht man monatelang die Brandschutzklappen aus. Durch die temporäre Schließung des Museums wird auch ein Defizit von rund 200 000 Euro getilgt. Müsste sich da nicht auch unter Künstlern der Widerstand regen?

Was soll man machen, wenn man als Museum sparen muss und kein Geld hat? Wenn öffentliche Mittel gekürzt werden und Sponsoren wegfallen, ohne dass neue Finanzen in Sicht sind? Das ist die bittere Wahrheit. Ähnliche Fragen stellen sich ja in meinem Alltag auch. Was soll ich tun, wenn ich ein Video produzieren will, aber keinen ordentlichen Kameramann oder einen Schnittplatz bezahlen kann? Wenn ich Fachleute frage, für weniger Geld zu arbeiten, dann bekomme ich auch den allgemeinen Maßstäben entsprechend mindere Qualität geliefert. Positiv betrachtet: So entsteht auch etwas Anderes, etwas Neues, vielleicht gänzlich Unerwartetes. Das ist vielleicht die Chance, die in der Krise liegt – eine andere "billigere", vielleicht auch eben direktere Ästhetik.

Als vor zwei Jahren die erste Schockwelle nach der Lehmann-Brothers-Pleite den internationalen Kunstmarkt überollte, herrschte auch so etwas wie Erleicherung über das Ende der überdrehten Champagnerjahre. Jetzt kommen die "Qualität" und das "Augenmaß" zurück, hieß es überall. Also hat die Finanzkrise auch positive Nebenweffekte im Kunstbereich?

Am Kunstmarkt musste man sich die Krise natürlich schönreden. Ich habe bei manchen Galeristen mehr Panik gespürt, als öffentlich gezeigt wurde. Dass sich wegen der Krise nun die interessantere Kunst durchsetzen wird – diese These halte ich für gewagt. Geht es nicht eher darum, wer nun den längeren Atem hat? Wer länger Champangner ausschenkt, der kann sicher einige potente Sammler an sich binden. Das hat mit der Qualität der Kunst zunächst gar nichts zu tun. Natürlich werden auch gute, interessante Sachen auf der Strecke bleiben.

Der Finanzkonzern Goldman Sachs bezieht derzeit ein neues Hauptquartier in New York. Für die Lobby des Wolkenkratzers lieferten der Berliner Maler Franz Ackermann sowie die New Yorker Malerin Julie Mehretu großflächige Gemälde für mehrere Dollar-Millionen. Angenommen, man würde Sie morgen fragen: Welches Kunstprojekt würden Sie der Investmentbank vorschlagen?

Goldman Sachs sollte die Versteigerung am Pariser Platz einkaufen, das wäre sicher eine gute Mischung von Objekten und Skulpturen für deren Lobby. Etwas Unerwartetes, mit dem sie sicher Aufsehen erregen würden – wenn dort unter anderem ein ausgedientes deutsches Polizeiauto stünde. Eine Auktion ist doch das passende Thema für eine Investment-Bank und günstiger kämen Sie dabei auch weg! Wobei ich denke, dass auch großflächige Lobby-Malerei ihre Berechtigung hat. Ich arbeite einfach anders als ein Maler, mehr situativ und kontextbezogen, daraus ziehe ich mein Material. Manchmal wünsche ich mir aber auch mehr Mut auf der Käuferseite. Bestimmte Investment-Banker kaufen meine Kunst schon deswegen nicht, weil meine Preise zu niedrig sind. Das ist uninterssant! Wobei ich nicht behaupten will, dass meine Werke nicht für Sammlungen von Banken und Finanzunternehmen taugen. Es ist nur sicherlich einfacher, einem Vorstand die letzten Auktionsergebnisse eines Künstlers vorzulegen und zu sagen: "Kauft das!", als eine Knöllchenmaschine vom Pariser Platz. Dabei hätte die Knöllchenmaschine als Kunstwerk viel mehr mit ihnen zu tun und könnte sie auf lange Zeit in viele unterhaltsame Kunstgespräche mit angestellten und Kunden verwickeln. Das ist das Potenzial, das in diesem Werk steckt, man muss es nur erfassen!

Andy Warhol wird gern mit dem Bonmot zitiert "Ein gutes Geschäft ist die beste Kunst" – "Being good in business is the most fascinating kind of art."

Das ist eine ziemlich ungenaue Übersetzung, oder? "Gute" Kunst ist etwas anderes als "faszinierende" Kunst. Interessant ist, dass er die Handlung, die Performance als die Kunst selbst bezeichnet. Mit dieser Gewichtung auf die Aktion fühle ich mich seiner Aussage verwandt. Ich glaube auch, dass ein gutes Kunstwerk einen Mehrwert hat und über einen längeren Zeitraum auch das Geschäft stimmuliert. Da hat Wahrhol einfach recht. Was hingegen das
unmittelbare Geschäft betrifft, da muss man unterscheiden. Wenn etwa Damien Hirst den zweiten oder dritten Aufguss seiner Werke mit dem schnellen Profit an halbinformierte Spekulanten verkauft – das hat mit dem, was Warhol formuliert hat, nichts zu tun. Das wäre ein großes Missverständnis.

"Kunst + Krise"

Termin: 27. bis 29. Mai, Eröffnung in der Akademie der Künste Berlin, Symposium im Instituto Cervantes
http://www.cervantes.de/kunstundkrise/index.html