Isa Genzken - Whitechapel Gallery

Unsere Geschichte war immer unsere Zukunft

Das renommierte Ausstellungshaus Whitechapel Gallery im Londoner East End hat sich erheblich vergrößert: Zur Wiedereröffnung zeigt es eine große Schau von Isa Genzken sowie den UNO-Gobelin von Picassos "Guernica".

General Colin Powell gestikuliert mit einer Hand und zeigt ein Fläschchen Anthrax herum. Der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister hielt seine berüchtigte Rede für den Irakkrieg im Jahr 2003 vor der im Weltsicherheitsrat hängenden Gobelinkopie von Picassos "Guernica". Doch das Antikriegsbild wurde damals als unpassend empfunden und deshalb mit einem blauen Vorhang verdeckt. Nun steht die Bronzebüste vor eben diesem Gobelin, einer Leihgabe der UNO, und ist Teil von Goshka Macugas Installation "The Nature of the Beast", mit der die aus Polen stammende Plastikerin die Wirkung von Pablo Picassos Meisterwerk untersucht.

Macugas Arbeit weiht einen neuen Galerieraum ein, denn die Whitechapel, vor 100 Jahren als Hort der künstlerischen Fortbildung der Arbeiter des Londoner East End gegründet, präsentiert sich jetzt im neuen Gewand: Für 13 Millionen Pfund (rund 14,7 Millionen Euro) hat sie sich das Nachbarhaus, eine ehemalige Stadtbücherei, einverleibt. Von außen hat sich eigentlich nichts geändert: auf der einen Seite die Jugendstilfassade der Galerie aus warmem Sandstein mit ihrem bogenförmigen Portal, daneben der verzierte Backsteinbau der Bibliothek, dazwischen versteckt der Eingang zur U-Bahnstation Aldgate East – das einzige Museum der Welt, so Direktorin Iwona Blazwick stolz, mit eigenem Zugang zur U-Bahn.

Auch das Innere ist sich auf den ersten Blick fast gleich geblieben, bis auf einige höher gezogene Decken. Doch die Whitechapel ist nun zweimal so groß wie zuvor, eine Flucht von modernen weißen Galerieräumen, aber auch älteren Räumen mit Gewölbedecken aus Eisen und Glas, verbunden durch geschickt angebrachte Treppen und Korridore mit Oberlichtern. Ein großes, geräumiges Museum, ohne jedoch auch nur den Anflug der den Atem nehmenden Grandiosität etwa der Tate Modern. Neben Macugas Installation im früheren Lesesaal zeigt die Whitechapel noch eine kleine Schau mit Arbeiten der sogenannten "Whitechapel Boys", Maler wie David Bomberg und Mark Gertler, die vor dem Ersten Weltkrieg die Bibliothek als Treffpunkt benutzten, und dort die englische Variante des Futurismus ausheckten, sowie eine Auswahl aus der erstaunlichen Sammlung des British Council, der seit mehr als 60 Jahren die britische Avantgarde sammelt. Unter dem Dach dann neue Räumlichkeiten für die exemplarische Museumspädagogik des Instituts.

Architektonische Arbeiten wie "Fuck the Bauhaus"

Herzstück sind nach wie vor die beiden großen Galerien im ursprünglichen Gebäude, und hier hat sich für die nächsten Monate Isa Genzken eingenistet. "Open Sesame" ist eine 30 Jahre umspannende, gemeinsam mit dem Museum Ludwig konzipierte Retrospektive, die im August nach Köln reisen wird. Beginnend mit den frühen "Ellipsoiden" aus den siebziger Jahren, mit dem Computer konstruierten Holzarbeiten, die den Minimalismus abklopfen, bis zu jüngsten Arbeiten wie der Installation "Straßenparty” (2008), bei der die burleske Überschwenglichkeit eines Karnevals auf das mittelalterliche Konzept vom Totentanz trifft. Dazwischen Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen wie ihre Fensterskulpturen, architektonische Arbeiten wie "Fuck the Bauhaus" (2000), deren säulenartige Form an New Yorker Wolkenkratzer erinnert, ihr witziges Selbstporträt, auf dem sie sich als "Spielautomat" (1999/2000) darstellt, ihre Antworten auf den Architekturwettbewerb für Ground Zero, mit "Hospital" (2008), einem auf einem Sockel stehenden Blumenstrauß, sowie Teile ihrer Installation "Öl" für die Biennale von Venedig vor zwei Jahren, wo sie Phänomene wie Krieg, Massenkonsum und Fortschritt kritisch beleuchtete.

100 Jahre lang hat die Whitechapel den Auftrag ihrer Gründer, große Kunst ins East End zu bringen, mustergültig ausgeführt. Künstler wie Jackson Pollock, Mark Rothko, David Hockney, Richard Long und Gilbert and George wurden hier zum ersten Mal einem britischen Publikum vorgestellt. Direktorin Iwona Blazwick ist entschlossen, in ihrem neuen Institut diesen Auftrag weiterzuführen, unter dem Motto "Unsere Geschichte war immer unsere Zukunft".

"Open Sesame"

Termin: bis 21. Juni, Whitechapel Gallery, Whitechapel High Street 77-82, London
http://www.whitechapelgallery.org/

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