Privat - Schirn

Intimes in Nahaufnahme

Schamlose Selbstenthüllung, Bloßstellungen und bewegende Innenansichten von Privatsphären zeigen, wie es um die zeitgenössische Gesellschaft steht

Menschen beim Sex und im Suff, Menschen, die doof aussehen, weil sie in der U-Bahn eingeschlafen sind.

Wer die Ausstellung "Privat" betritt, findet sich unversehens in der Rolle des Voyeurs wieder. Wir sehen Fotos, die Leigh Ledare von seiner Mutter gemacht hat, während sie mit jüngeren Männern schläft, und werden Zeugen einer Geburt in Nahaufnahme. Viele dieser Bilder verdeutlichen auf drastische Weise, was damit gemeint ist, wenn man die Gegenwart als Ära der "Post-Privacy" beschreibt – wo es nichts gibt, was nicht ins Netz gestellt wird und Menschen es normal finden, sich zu entblößen oder andere bloßzustellen. Wo – so Facebook-Gründer Mark Zuckerberg – Privatsphäre "eine obsolete soziale Norm" geworden ist.

Was in den sechziger Jahren mit dem Slogan "Das Private ist politisch" initiiert wurde, um die bürgerliche Scheinheiligkeit zu überwinden, ist in Zeiten von Reality-TV, Google Street View und Online-Mobbing außer Kontrolle geraten. Zahlreiche Künstler durchforsten die Bilderflut nach Gesetzmäßigkeiten. Das belgische Kollektiv Leo Gabin hat YouTube-Filme von im Wohnzimmer tanzenden Mädchen aneinandermontiert, die stets der gleichen Dramaturgie folgen und ganz ähnlich wie die Porträtfotos von Frauen mit Bäumen, die Peter Piller in Online-Dating-Portalen sammelte, einer sozialen Norm zu gehorchen scheinen.

Berührend wird die Ausstellung dort, wo Künstler eine authentische Nahsicht auf ihr eigenes Umfeld anbieten. Richard Billinghams Fotos seiner verwahrlost lebenden Eltern oder Marylin Minters Aufnahmen ihrer tablettensüchtigen Mutter sind bewegende Innenansichten auf das, was normalerweise vor der Öffentlichkeit verborgen wird. Bildserien, die sich nicht im hämischen Draufzeigen erschöpfen, sondern Aussagen über den Zustand der Gesellschaft ermöglichen.

Privat

Schirn-Kunsthalle, Frankfurt am Main
Bis 3.2.

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Der Katalog (Distanz Verlag) kostet 27,80 Euro, im Buchhandel 38 Euro
http://www.schirn.de/ausstellungen/2012/privat/privat-ausstellung.html