Die Kunst der Musikvideos - Köln, Düsseldorf

Aufstieg und Fall des Musikvideos

Zwei rheinische Ausstellungen widmen sich der Kunstform des Musikclips. Das Kölner Museum für Angewandte Kunst blickt auf die Geschichte des Clips zurück, das nrw-forum in Düsseldorf versucht, mit Fanvideos in einer reinen Internet-Ausstellung die Gegenwart abzubilden.

Als MTV am 1. August 1981 mit "Video Killed the Radio Star" auf Sendung ging, konnte niemand ahnen, dass sich das Musikfernsehen praktisch über Nacht zur kunsthistorischen Klippschule einer ganzen Generation entwickeln würde. Der Moloch wollte mit Bildern gefüttert werden, und so plünderten die Regisseure unbefangen den Kunstfundus, um ihre Fundstücke im besten Fall in etwas gänzlich Neues zu verwandeln.

25020
Strecken Teaser

Ein gewöhnlicher Fernsehnachmittag konnte so zur Unterrichtsstunde werden, in dem vom Surrealismus (Steven R. Johnsons Clip zu Peter Gabriels "Sledgehammer") bis zu den klassizistischen Modefotografien eines Horst P. Horst (David Finchers Clip zu Madonnas "Vogue") beinahe jeder moderne Stil einmal abgehandelt wurde. Kaum weniger berühmt waren die "art breaks", mit denen Avantgardekünstler wie Dara Birnbaum oder Jan Svankmaijer die MTV-Eigenwerbung veredelten.

Die Kunstwelt hat sich mit den Freibeutern des Popvideos lange schwer getan und sie erst als Mitglieder akzeptiert, als mit dem Niedergang der Musikindustrie ihre große Zeit vorüber schien. Jetzt, da der Clip eine ebenso zarte wie unerwartete Renaissance im Internet erlebt, widmen sich gleich zwei rheinische Ausstellungen der Kunstform des Musikclips. Das Kölner Museum für Angewandte Kunst MAKK blickt in der weit gefächerten Ausstellung "The Art of Pop Video" auf dessen Geschichte zurück, das nrw-forum in Düsseldorf versucht unter dem Titel "Internet Killed the Video Star" mit Fanvideos und einer reinen Internet-Ausstellung die Gegenwart abzubilden. Gemeinsam ergeben sie das faszinierende Panorama eines noch lange nicht versiegten Bilderstroms.

Das Herzstück der Kölner Ausstellung ist der historische Wandelgang. Er beginnt mit der filmischen Avantgarde der 1920er Jahre und ihrem Traum, Musik und Film in abstrakter Symbiose zu vereinen, streift das Hollywood-Musical und gelangt über frühe Werbefilme der Plattenindustrie zu den stilbildenden Klassikern des Genres. Von hier aus zweigen Kabinette ab, die einzelne Motive (Tanz, Liebe, Maschinen) oder die Wechselwirkungen mit Politik, Film und Kunst beleuchten. Als einer der ersten Künstler entdeckte Andy Warhol das Potential des Musikvideos, später folgten ihm Pipilotti Rist, Wolfgang Tillmans oder Christian Jankowski, der sein Publikum mit Hula-Hoop-Reifen zum Mitmachen animieren will. Im Grunde ist der Austausch zwischen Kunst- und Clipwelt niemals eine Einbahnstraße gewesen.

Interaktion ist auch das Stichwort der Düsseldorfer Schau. Sie ist ausschließlich im Internet auf der Seite des nrw-Kunstforums zu sehen und zeigt von Fans auf Plattformen wie YouTube oder Vimeo eingestellte Clips. Der ziemlich kesse Titel "Internet Killed the Video Star" spielt einerseits auf die illegalen Downloads an, die dem altbekannten Musikclip indirekt den Garaus machten, und andererseits auf die millionenfache Blüte der Amateurvideos im Netz. Dabei fällt auf, dass sich die Fans im Wesentlichen der Stilmittel bedienen, die auch bei den Low-Fidelity-Clipkünstlern immer schon beliebt waren: Es werden Stop-Motion-Trickfilme gebastelt, gefundene Filmschnipsel zu einer neuen Erzählung montiert oder einfach Lieblingslieder vor der Kamera nachgesungen.

In der Düsseldorfer Internet-Ausstellung ist das nachgebildete soziale Netzwerk das eigentliche Ereignis, zu den einzelnen Exponaten findet sich in Köln jeweils ein besseres Gegenstück. Michel Gondrys berühmte Bastelarbeiten bleiben auf YouTube ebenso unübertroffen wie Bruce Conners Found-Footage-Filme, und auch das schönste Fanvideo ist im MAKK zu sehen. In "Boombox 100" tanzt der Kunststudent Ely Kim 100 Choreografie-Fragmente aus bekannten Clips nach und gibt der narzisstischen Selbstinszenierung im Netz eine enzyklopädische Form.

“The Art of Pop Video” und “Internet Killed the Video Star”

bis 3. Juli 2011, Museum für Angewandte Kunst Köln. Der Katalog mit beiliegender DVD kostet 34,90 Euro im Buchhandel und 26,50 Euro im Museum.

Nur online: "Internet killed the Video Star"
http://www.televisor.de/popvideo/info.htm