Franziskus - Vatikan

Unfehlbar: So schreibt das Papstporträt Kunstgeschichte

Papst Franziskus – sein Bild geht heute um die Welt. Doch wie sollte sein offizielles Porträt aussehen, damit es in die Papstgemäldereihe hineinpasst?
Fünf Tugenden für ein Papstporträt:Fünf Tugenden für ein Papstporträt

Kardinal Bergoglio winkt am 13.03.2013 als neuer Papst Franziskus I. im Vatikan vom Balkon. Er ist als Nachfolger von Papst Benedikt XVI. gewählt worden.

Franziskus schaut uns heute aus jeder Tageszeitung, jeder Internetseite und jedem Fernsehprogramm an.

Sein Foto geht um die Welt, und schon jetzt beginnt das Rätselraten, wer der nächste Maler sein könnte, der ein offiziell in Auftrag gegebenes Papstporträt fertigen darf. Wie wird das Gemälde in Öl aussehen? Mit einem leichten Lächeln schaut uns Benedikt XVI. auf seinem vor wenigen Wochen fertiggestellten Papstporträt vom Leipziger Maler Michael Triegel an. Fast so, als wäre er erleichtert, dass ihm die große Bürde des Papsttums bald abgenommen wird. Wird Franziskus I. wie ein Heiliger, wie sein Vorbild Franz von Assisi, porträtiert werden? Wer immer das Bild malen wird, hat keine leichte Aufgabe. Denn damit das Bild in die Kunstgeschichte eingeht und nicht vergessen wird, muss es hohen Ansprüchen genügen: Es muss malerisch von hoher Qualität sein, aber dazu auch noch weltliche und spirituelle Bedürfnisse der Betrachter erfüllen.

Die erste Tugend: durch die Accessoires sprechen

Auf Herrscherporträts gibt es keine Nebensachen – auch in den kleinen Dingen spiegelt sich die große Geschichte. So verschieden die Posen der Päpste auch sind, zielten sie mit ihrer Art der Selbstpräsentation darauf ab, ihre Macht zu symbolisieren und dabei zu glorifizieren. Kunst als taktisches Manöver also. In besonders spannender Art ist dies bei Alexander VI., auch bekannt als Rodrigo Borgia, gelungen. Er war als Renaissance- und Kirchenfürst für seine politischen Machenschaften berüchtigt. Auf dem Fresko von Pinturicchio von 1495 wirkt er mächtig in seinem reich verzierten, goldenen Gewand und mit einnehmender Statur. Gleichzeitig offenbart er Gottesfurcht: Auf dem Boden kniend hält er die behandschuhten Hände zum Gebet vor der Brust, die Augen leicht nach oben gerichtet, und die Papstkrone (Tiara) hat er beiseite gelegt. Kaum zu glauben, wenn man das Bild ansieht, dass er verurteilte Mörder gegen Bezahlung begnadigte, sich bis ins hohe Alter junge Mätressen hielt und zur Ausweitung der Macht seiner Familie auch vor Gewalt nicht zurückschreckte. Gemäß seiner überlieferten Lebensmoral: "Der Herr will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er lebt und zahlt."

Auch beim jüngsten Porträt Benedikt erzählt ein Accessoire die Geschichte des Erzkonservativen, der erst mit seinem vorzeitigen Rücktritt eine unglaublich moderne Tat vollzog: der "Fischerring". Der Ring, den er im Bild trägt, wird seit dem 14. Jahrhundert für jeden Papst gefertigt und nach dessen Amtsende mit einem silbernen Hammer zerschlagen. Nur bei Benedikt XVI. wurde er nicht zerstört, sondern mit einer Gravur entwertet. Schließlich endet das Amtsende gewöhnlich mit dem Tod – und Benedikt lebt ja noch. Statt wie sein Vorgänger Johannes Paul das Amt bis in den Tod zu tragen und dabei mystisch zu verklären, zog sich Benedikt zurück, um Platz für einen Nachfolger im Besitz aller Kräfte (eines 76-Jährigen) zu schaffen. Der Papst für das Burnout-Zeitalter, versinnbildlicht im Fischerring.

Die zweite Tugend: die Menschlichkeit des Unfehlbaren zeigen

Mythisch aufgeladen sollten die Papstporträts Autorität und eine Aura der Macht ausstrahlen, aber auch eine gewisse Menschlichkeit als Auserwählte Gottes darstellen. So stellt Tizian Paul III. Mitte des 16. Jahrhunderts zwar in päpstlichem Gewand dar – weiße Robe aus Leinen, darüber ein bordeauxroter samtener Umhang mit Kapuze – aber ohne Insignien wie Tiara oder Kopfbedeckung, wie sie zuvor zur Machtdemonstration üblich waren. In Tizians Gemälde sitzt Paul III. auf einem Stuhl, den Körper leicht vorgebeugt, ein wenig in sich zusammengesunken, und vom Leben mit Falten an der Stirn und um die Augen gezeichnet, doch mit festem, klaren und lebendigen Blick. Ein Blick, der einen gefangen hält, einen zu durchschauen scheint. So intensiv, dass Zeitgenossen das Bild für den leibhaftigen Papst gehalten haben sollen, als Tizian es auf die Terrasse gestellt hatte, um es zu lackieren. Der Papst mit dem bauschigen weißen Bart und den kurzen grauen Haaren reklamiert mit seiner Art des Auftritts im Bilde die Macht für sich und festigt sein Amt, ohne Insignien seiner Herrschaft zu bedürfen oder körperlich viel Kraft aufwenden zu müssen. Indem er dies tut, demonstriert er Bescheidenheit und entspricht damit dem Zeitgeist seiner Generation. Eine in sich ruhende Machtfigur mit wachem Geist, die keines Rampenlichts bedarf, hat Symbolcharakter in der humanistisch und weltlich geprägten Renaissance.

El Grecos manieristisches Bildnis Pius V. von 1605 ist auf den ersten Blick als spiegelverkehrtes Pendant zu Paul III. zu sehen. Es präsentiert auch einen gänzlich anderen Papstcharakter: eine Haube auf dem Kopf, die rechte Hand den Gläubigen von oben herab zuwinkend, der Blick verbissen und hochmütig. Doch soll Pius V. mit einem Gebetsbuch in der linken Hand seine Gläubigkeit und Frömmigkeit offenbaren, und soll das Licht um seinen Kopf – einem Heiligenschein nachempfunden – seine göttliche Legitimation ausdrücken.

Noch deutlicher tritt die Menschlichkeit in den wohl einprägsamsten Papstporträts der Moderne und Postmoderne auf: von Francis Bacon und Maurizio Cattelan. Beides sind keine Auftragswerke der Kirche, ihre Porträts haben dennoch einen sicheren Platz in der Kunstgeschichte erreicht. Bacon malte insgesamt 45 Papstbilder, die sich wiederum auf das Porträt von Innocent X. von Diego Velazquez bezogen. Bei Bacon schreit der Papst oder er ist zwischen Rinderhälften abgebildet – passend für das 20. Jahrhundert, in dem die großen Erzählungen wie das Christentum ihre Macht verlieren. Ironisch ins Absurde überhöht wird die Menschlichkeit von Maurizio Cattelans Skulptur "Die neunte Stunde": Johannes Paul II. vom Meteoriten erschlagen.

Die dritte Tugend: die Bürde des Amtes zeigen

Papst Benedikt XVI. scheint das Papsttum weniger als Berufung, denn als Verpflichtung gesehen zu haben. Das aktuelle Gemälde von Michael Triegel, der ihn bereits 2010 porträtierte, zeigt die Erleichterung Benedikt XVI., abtreten zu können von einem Amt, das gewöhnlich mit dem Tod endet. Die wachen klaren Augen und das leichte Lächeln stehen für seine Vernunft und Entschlossenheit. Gleichzeitig hat sein Blick etwas Schelmisches. Er ist nach Cölestin V. 1294 der zweite Papst in der Geschichte, der freiwillig zurücktrat.

Die vierte Tugend: Den Glauben verköpern

Betrachtet man nun die Papstbildnisse unseres Jahrhunderts, entdeckt man Männer, die für den Glauben und nicht für die Ausübung ihrer Macht stehen. Obgleich menschlich dargestellt, sind sie doch nicht entmystifiziert. Man sieht ihnen ihren Glauben genauso wie die Bürde ihres Amtes an. So trägt Johannes Paul II. im Gemälde des Kölner Malers Gerd Mosbach von 2005 ein Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus in beiden Händen. Wie Johannes Paul II. – weiße Soutane (Gewand), Mozzetta (Schulterumhang) und Pileolus (Scheitelkappe) tragend, darüber eine Stola in Rot und Gold – das Kreuz mit Mühsal hochhält, fühlt man sich an Jesus' Kreuzgang erinnert. Gleichzeitig offenbart die Darstellung seine tiefe Religiosität. Sein Körper ist von Alter, Krankheiten und dem Attentat von 1981 gezeichnet, doch nimmt ihm dies nichts von seiner Würde und wird auch sein unerschütterlicher Glaube im Gemälde verdeutlicht. Es wirkt, als würde er mit dem Kreuz Licht in die Dunkelheit bringen, ein Hirte mit seinem Stab, der über die Schafe wacht.

Die fünfte Tugend: Die Ängste und Konflikte des Zeitalters reflektieren

Wohl am schwierigsten zu erfüllen ist die fünfte Tugend: mit dem Bild auf gesellschaftliche Konflikte zu antworten. Beim Triegel-Porträt von Benedikt und der Thematisierung des Rücktritts in Ring und schelmischem Blick klingt dies bereits an – man sieht den Papst, wie er mit der Frage nach einer modernen Kirche ringt.

Wie ein Bild erfolgreich gesellschaftliche Konflikte aufgreift, zeigt die Legende von Päpstin Johanna. Man könnte sie als eines der ältesten „Memes“ der Menschheit bezeichnen: die Idee einer Frau als Papst. Unvorstellbar, und deswegen seit dem 9. Jahrhundert so faszinierend, dass noch heute Kinofilme darüber gedreht werden. Die Legende lebte über die Jahrhunderte von den Bildern: So zeigt ein Holzschnitt des Florentiner Humanisten Giovanni Boccaccio in aller Ausführlichkeit, wie Päpstin Johanna/Papst Johannes VIII. im 9. Jahrhundert bei einer Prozession zusammenbricht und ein Kind gebärt. Andere Darstellungen zeigen sie in Pose Marias mit dem Kinde als eine Heilige, weitere als Hure von Babylon oder als Vorbotin der Apokalypse auf einem Ungeheuer reitend. Sie hatte also als Vorbild für den Feminismus gleichermaßen ihre Verehrer wie ihre Kritiker, die bei der bloßen Vorstellung einer Frau als Oberhaupt der Kirche Weltuntergangsszenarien im Kopf hatten. Das Thema ist aktueller denn je: Der Konflikt von Mann und Frau stand wohl noch nie so deutlich auf der Tagesordnung der Kirche wie heute – und gleichzeitig so unlösbar.

Noch bleibt das perfekte Porträt von Franziskus Fantasie – denn er müsste dafür Frau sein. Schließlich erwarten nicht nur die europäischen Katholiken, dass sich die Katholische Kirche modernisiert – Offenheit, Zöllibatsaufhebung, Gleichstellung von Mann und Frau. Zeit also, dass sich noch mehr ändert in der Katholischen Kirche und bei der nächsten Papstwahl vielleicht weißer Rauch aufsteigt für – na, Sie wissen es schon – eine Frau. Noch erscheint das unmöglich. Aber das im Netz meistgeteilte Bild unserer Zeit ist nicht umsonst auch eines, das zwei Jahrhunderte lang undenkbar war: Die Umarmung des ersten schwarzen Präsidentenpaares der USA nach der Wiederwahl.