Ryan Trecartin - Berlin

Internet direkt hinter dem Sehnerv

Die Kunst Werke zeigen jetzt Ryan Trecartin – einen der herausragendsten Künstler der Generation der Digital Natives.

Keine Frage: Ryan Trecartin, Jahrgang 1981, gilt derzeit als radikalster Vertreter einer Künstlergeneration, bei der das Internet direkt hinter dem Sehnerv sitzt.

Seine Filme erlebt man online oder in Installationen, in die man einsinkt wie in billige Wohnlandschaften. In L.A. liegt sein Studio zu Füßen des Mulholland Drive – doch sicher wegen der Nähe zu Hollywood und den Abgründen des amerikanischen Traums? Doch da kichert der Künstler nur, für ihn sind das Fossilien der Postmoderne. "Hollywood ist nicht so interessant, das ist sowieso überall. Aber man kann hier super shoppen!"

Er bringt damit die Grundstimmung seiner Filme auf den Punkt, in denen ein narzisstisches Personal zwischen Familienwahnsinn und Facebook-Irrsinn nonstop Nonsens plappert, in einer Art Extremform des grotesken Kostümtheaters eines John Bock oder Mike Kelly, gepaart mit dem Undergroundkino eines John Waters auf Speed. Durch Trecartins Wimmelbilder staksen selbstverliebte Avatare, die in der Ästhetik von Castingshows zu Hause sind. Sie rufen Sätze wie "The further we move away from humanity, sexism becomes like the coolest style!" und richten sich dabei so frontal an die Kamera wie in Youtube-Videos, als würden sie die Linse jeden Moment ablecken.

Bilder und Worte brechen ab und wiederholen sich, es gibt weder Anfang noch Ende. Trecartins Kunst ist so schnell und smartphoneerprobt, hypersexualisiert und exhibitionistisch, konsumgeil und kaputt, dass man sich danach fühlt, als müsste man augenblicklich Urlaub machen. Die Berliner Kunst-Werke zeigen nun seine neueste Großinstallation, die Trecartin als eine Art Überformung des Themas Kino versteht – mit 3D-Effekten und Allround-Sound. "Ryan hat eine völlig neue Art, mit Bildern umzugehen, die schon sehr früh die Ästhetik des Internets und dessen Gleichzeitigkeit verschiedener Bild- und Tonebenen spiegelte, die heute für so viele junge Künstler prägend ist", so die Direktorin der Kunst-Werke Berlin, Ellen Blumenstein, die Trecartin schon 2007 im ZKM in Karlsruhe ausgestellt hat. "Man darf sich aber nicht täuschen lassen durch die Hysterie, die die Figuren beherrscht", sagt sie. "Ryan schaut sich die amerikanische Psyche und ihre Abgründe genau an. Das kann sehr lustig sein, verstört aber auch."

Ryan Trecartin: Site Visit

KW Berlin,
14.9.–11.1.2015
http://www.kw-berlin.de/de/exhibitions/site_visit_432

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