Dynamo - Paris

Und es wurde Licht ... auch in der Kunst

Das Grand Palais zeigt 100 Jahre optische, kinetische und immersive Kunst, die es dem Betrachter nicht immer leicht macht. art-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel hat sich in Stroboskopblitzgewitter gewagt.

Ehrgeiziger und gründlicher war schon lange keine Pariser Ausstellung mehr: Auf 3700 Quadratmetern werden opulent in den Ausstellungsräumen des erstmals völlig leergeräumten Grand Palais hundert Jahre optische, kinetische und immersive Kunst dokumentiert.

Aufwendig im Aufbau und anspruchsvoll in ihrer Vollständigkeit, ist "Dynamo" ein für den Besucher oft anstrengender Galopp durch das letzte Jahrhundert, eine Mammutschau mit über 150 Künstlern und vielen historisch wichtigen Schlüsselwerken. Gezeigt wird, wie die moderne und zeitgenössische Kunst seit 1913 durch Lichteffekte, mobile Skulptur oder installative Werke das Raumerlebnis des Betrachters verändert hat. Kunstgeschichtlich große Klasse, ist sie für den nicht spezialisierten Besucher in ihrer Fülle allerdings auch ziemlich schwer verdaulich – spätesten nach dem fünften Raum mit stroboskopischen Effekten stellen sich in Auge und Hirn Ermüdungserscheinungen ein.

Den Auftakt machen Werke zeitgenössischer Künstler, und gleich im ersten Raum wird das Konzept des ehemaligen Leiters des Orsay-Museums, Serge Laurent, und seines Kurators Matthieu Poirier klar: Das flashige Wandrelief weißer Neonröhren "Voltes" von John Armleder spiegelt sich in drei der dunkelroten, polierten Spiegeln des in London lebenden Anish Kapoor. Das Grelle trifft auf das Stille, der laute Effekt auf behutsam die Umwelt auf den Kopf stellenden Verfremdungen. Eine solch stressige Mischung ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack, erst recht nicht, wenn in schneller Abfolge Jeppe Heins begehbares, rotierendes Spiegellabyrinth und Carsten Höllers "Light Corner" folgen, deren Glühbirnen in immer schnellerem Rhythmus die Augen des Besuchers betäuben. Der Verstand wird per Lichtblitz aufgeschreckt, die Augen aber sind jetzt schon müde.

Zusätzlich wird die Aufmerksamkeit auch intellektuell gefordert durch dauernde Sprünge zwischen den Epochen; die Ausstellung ist, bis auf den zeitgenössischen Auftakt und das Finale mit Pionieren wie Marcel Duchamp, Frantisek Kupka oder Alexander Rodschenko, nicht chronologisch gehängt. Das macht den Dialog zwischen alten und jüngeren Positionen zwar leichter und den Rundgang unterhaltsam, erschwert aber das historische Verständnis.

Zumal viele der älteren Arbeiten erstaunlich frisch wirken. Etwa die in Europa selten gezeigte Arbeit des Neon-Künstlers Dan Flavin "To you Heiner… " von 1973 aus der Dia Art Foundation, die das erste der beiden Hauptkapitel, genannt "Vision", eröffnet. Die beweglichen Farblamellen "Transchromie mécanique" von Carlos Cruz-Diez zeigen keinerlei Alterserscheinung, auch die komplexen Drehskulpturen mit Effekten von Licht und Schatten von Nicholas Schoeffer nicht. Op Art und kinetische Kunst treffen sich hier und verweisen manch virtuellen 3D-Versuch der Computergeneration auf die Plätze.

Das zweite Hauptkapitel, "Raum", wartet mit einigen besonderen, selten gezeigten Höhepunkten auf: Etwa dem historischen "Lichtraum " von der documenta 4, mit dem die Düsseldorfer Gruppe Zero 1964 gegen die Abwesenheit des großen Abstrakten Lucio Fontana in Kassel protestiert hatte. Oder dem "Labyrinth" der Pariser Künstlergruppe Grav, die neue Wege der optischen Art erkundete und zu der unter anderem Julio Le Parc und François Morellet gehörten. "Labyrinth" wurde auf der längst eingestellten Pariser Biennale 1963 gezeigt: Eine Abfolge von rund zehn völlig unterschiedlichen, den Besucher verwirrenden Räumen mit Spiel-, Licht- und Farbeffekten, eine Art Geisterbahn der Op Art, durch die man sich mit wachsender Begeisterung über so viel Erfindungsreichtum hindurchzwängt.

Überhaupt sind die beiden heute weit über 80-jährigen Julio Le Parc und François Morellet zwei der wichtigsten, ewig jungen Protagonisten von "Dynamo", die immer wieder mit herausragenden Arbeiten in den insgesamt 16 Unterkapiteln auftauchen. Der in Paris ansässige Argentinier Le Parc, gleichzeitig mit monumentalen Arbeiten im benachbarten Palais de Tokyo vertreten, mit optischen Raumtäuschungen, beweglichen Wandreliefs, Farbexperimenten mit gefilterten Glühbirnen, aber auch einem wunderbar leichten und luftigen Mobile, das elegant in der Brise schwingt. Der Franzose Morellet, vor zwei Jahren noch mit einer großen Retrospektive im Centre Pompidou gefeiert, mit frühen und späten Neonskulpturen und –räumen, aber auch einer witzigen, frühen Maschendraht-Skulptur von 1965, die durch einen Motor bewegt wird: "Trois grilles se déforment".

Zwei weitere, deutlich jüngere Hauptdarsteller der Ausstellung sind Jeppe Hein und Ann Veronica Janssen. Hein sorgt mit seinen beweglichen Spiegelskulpturen, die den Besucher auf sich selbst zurückwerfen, in unregelmäßigem Abstand und inmitten älterer Werke für visuelle Überraschungen. Janssens Räume sind durch Türen oder Vorhänge von anderen Werken getrennt – man taucht ein in farbige Nebel, auf sich selbst zurückgeworfen und erst einmal mehr oder weniger orientierungslos, wie in den dunklen Räum eines James Turrell, der natürlich ebenfalls in "Dynamo" nicht fehlen darf.

Beruhigt wird der Parcours immer wieder durch historisch geschlossene Räume. Herausragend in seiner Vollständigkeit der Saal der Filmpioniere Hans Richter, Viking Eggeling oder Laszlo Moholy-Nagy. Oder die Experimentalfilmer der sechziger Jahre wie Paul Sharits und Tony Conrad. Letzterer ist mit einem seiner Flickerfilme vertreten, projiziert in Schleife auf 16 Millimeter, wie es sich gehört. Ebenfalls das Auge beruhigend, aber fast zu ausführlich ist die Malerei vertreten, von den gemalten Linieneffekten eines Frank Stella oder einer Bridget Riley bis zu den in ihrer Zeit schnell, zu schnell bekannt gewordenen Vertretern bunter Op Art Spiele, von Victor Vasarely bis Agam.

Viele der gezeigten alten Arbeiten darf man nicht mehr berühren, obwohl sie eigentlich zum Anschauen und Anfassen einladen. Kleine Videomonitore dokumentieren, wie sie in Bewegung funktionieren. Nicht alle Technik klappt im Grand Palais: Jeppe Heins "Rotierendes Labyrinth" war am Eröffnungstag ebeno defekt wie eine der Nebel produzierenden Maschinen von Ann Veronica Janssen. Schade, aber Kunst aus der Steckdose hat eben ihre Macken. Nur auf ein Lichtquelle scheint immer Verlass: die Sonne, dieser natürliche Dynamo mit und ohne Wolkendecke, die im monumentalen Treppenhaus des Grand Palais ein gigantisches Aluminium-Mobile des französischen Zeitgenossen Xavier Veilhan beschien.

Dynamo

Im Grand Palais, bis 22.7.

Katalog 336 S., 380 Abb, 45 Euro
http://www.grandpalais.fr/fr/evenement/dynamo

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