Islamische Kunst - Louvre

Beuteware, Schwarzmarktkunst und Privatgeschenke

Turbulente Eröffnung: drastische Sicherheitsvorkehrungen, neue Mohammed-Karikaturen zur Begleitung und eine Sammlungspräsentation mit dem Selbstbewusstsein der Kolonialmacht. Der Louvre zeigt sein neuestes Millionenprojekt, die Sammlung Islamischer Kunst
In gefährlichem Fahrwasser:die Eröffnung der Sammlung für Islamische Kunst

Der Visconti-Hof mit dem goldenen Dach

Der Louvre, größtes Museum Frankreichs mit jährlich neun Millionen Besuchern, öffnet seine neue, aber durchaus nicht einzigartige Abteilung für "Kunst des Islam", und die internationale Presse berichtet, als handle es sich um ein Weltereignis

Drastische Sicherheitsvorkehrungen begleiten die Eröffnung, die Nationalgarde marschiert auf, Präsident Hollande feiert das laizistische Vernunftdenken der französischen Republik. Denn alles, was Islam betrifft, wird derzeit zum Politikum, selbst harmlose, bis zu 1300 Jahre alte Kunst mutiert zur potentiellen Bombe in Zeiten von Protest und Aufruhr gegen einen angeblich den Islam verunglimpfenden Westen. Pünktlich zur Louvre-Eröffnung veröffentlicht die satirische Zeitung ‘Charlie-Hebdo’, deren Pariser Büros erst im letzten Jahr von islamischen Fundamentalisten abgefackelt worden waren, mit viel Sinn für Geschäft und Provokation neue Mohammed-Karikaturen, die prompt für Medienschelte und ausverkaufte Auflagen sorgen. Das französische Außenministerium lässt in zwanzig arabischen Städten seine diplomatischen Vertretungen und Schulen zum ungeplanten langen Wochenende schließen, während die Amerikaner nach Tagen blutiger Proteste gegen ein dummdreistes Filmchen ihre Wunden lecken. Der Krieg der Kulturen ist längst im Gange, da gerät auch der Louvre in gefährliches diplomatisches Fahrwasser und muss sich gefallen lassen, dass man nach seinen Strategien fragt.

Er bleibt sich treu, so viel ist sicher, denn er zeigt seine Schätze so, wie man es erwarten durfte: Mit dem Selbstbewusstsein der Kolonialmacht werden in feierlichem Pomp und modernster Museologie militärische Beuteware, Präziosen der Schwarzmarktkunst, privat Geschenktes und käuflich Erworbenes als republikanischer Kulturschatz präsentiert. Darunter sind prächtige Inkunabeln, die von der tausendjährigen Verflechtung der Kulturen zeugen, wie das aus Syrien stammende und aus der Kathedrale Saint-Denis umgezogene kupferne Taufbecken Saint-Louis aus dem 14. Jahrhundert, in dem über viele Generationen Frankreichs Königskinder für das irdische Leben gesegnet wurden. Der Elfenbein-Helm eines Kalifen von Cordoba aus dem 10. Jahrhundert, der bemalte Gipskopf eines iranischen Prinzen aus dem frühen 13. Jahrhundert, oder der brüllende Bronze-Löwe aus dem spanischen Monzon. Sowie die Prachtstücke der Schenkung des Baron Alphonse Delort de Gléon, die bereits in den zwanziger Jahren im Pavillon de l’Horloge ausgestellt waren. Aber auch eine durch spektakuläre Inszenierung geadelte Mogul-Rüstung aus dem 18. Jahrhundert, die in den Beständen des Militärmuseums von Istanbul allenfalls eine Nebenrolle spielen dürfte.

Der Grand Louvre, 1993 vom damaligen Präsidenten Mitterrand ins Leben gerufen, feiert gern die eigene Größe, und so empfängt die vor zehn Jahren von Mitterands Nachfolger Jacques Chirac initiierte neue Abteilung islamischer Kunst, die an diesem Samstag ihre Tore öffnet, den Besucher mit einem architektonischen Paukenschlag: einem wellenförmigen, an Beduinenzelte erinnernden Dach aus gewelltem Glas und goldfarbenen Aluminium-Maschen. Die doppelte Beschichtung der Maschen spielt mit dem Beige der restaurierten Fassaden, lässt von oben Tageslicht auf die 300 Quadratmeter Ausstellungsfläche fallen und gibt gleichzeitig dem Besucher immer wieder den Blick auf die Cour Visconti frei, just jenen Innenhof des Louvre mit den großzügisten und schönsten Fassadendekorationen.

So zeigt der Louvre zum ersten Mal seit Peis Pyramide wieder Mut zur architektonischen Geste. Ähnlich wie der amerikanische Architekt chinesischer Abstammung Pei spielt auch der noch junge, in Marseille lebende Rudy Ricciotti, Sohn italienischer Einwanderer, mit der symbolbefrachteten Ikonographie exotischer Kulturen. Allerdings wirkt sein güldenes Zeltdach formal weniger strikt und trotzdem aggressiver, was er im Interview mit einer Tirade gegen die angebliche Vorherrschaft des Minimalismus noch vertieft. Peis geometrische Abgeklärtheit fehlt hier völlig, dafür lassen auf Effekt zielende Baukunst, opernhafte Bühnenästhetik und Disneyland grüßen. Trotzdem ist Ricciottis Konstruktion ein technisches Prachtstück: Nur acht schlanke Pfeiler, die teilweise bis in den Boden des Untergeschosses reichen, tragen die 135 Tonnen schwere Dachstruktur, deren Welle sich in den rechten Winkeln der Louvre-Fassaden bricht.

Wie die architektonische ist auch die museale Geste herrisch. Eigentlich geht es bei der Sammlung des Louvre um Moslem-Kunst, nicht um Kunst des Islam; und erst recht nicht um islamische Kultur, denn derer gibt es viele. Indien, der Nahe Osten, die Türkei und die Mauren sind vertreten, vor allem mit viel Gebrauchskunst, Keramik, Teppichen, Mosaiken. Aber es gibt kaum zentralasiatische und gar keine indonesischen Künstler. Der Titel der neuen Abteilung ist also ebenso unpräzise wie die Rechtfertigung von Louvre-Präsident Henri Loyrette, der Louvre sei schließlich ein ‘universelles’ Museum. Also ein Universalmuseum, im Gegensatz zu Spartenhäusern wie Dresden, die Malerei, Skulptur, Kunsthandwerk, Möbel und wissenschaftliche Geräte integrieren, sondern ein geografisch universelles, weltweit sammelndes, global denkendes Museum. Das ist Wunschdenken, denn die Sammlungen des Louvre haben durchaus Lücken, zu denen sich zu bekennen keine Schande wäre.

Doch das verhindert das traditionelle, von der Politik abgesegnete Selbstverständnis des Louvre, der sich einerseits über alle privaten Interessen hinwegsetzen darf, indem er auch mal dank Ausfuhrbeschränkungen konfisziert, und andererseits als knallhartes Unternehmen verfährt, das in seiner Einkaufspassage an McDonald, Virgin und Apple verpachtet und seine Sammlungen für teures Geld nach Abu Dhabi vermietet. "Der Louvre ist mehr als nur ein Museum, er ist eine Institution der Republik", so Präsident Hollande in seiner Eröffnungsrede der neuen Abteilung. Das Museum als offizielles Organ des Kolonialreichs Frankreich, das Beutekunst aus Kolonien und Feldzügen ohne Komplexe als sein Eigentum ausgibt im Namen des französischen Volkes. Und mehr noch: Frankreich behauptet dieses Eigentum zu schützen vor den eigentlichen Eigentümern, etwa den heutigen Machthabern konfliktbedrohter Regionen, in denen immer wieder Kulturgüter politischen Machtkämpfen zum Opfer fallen. Zur Zeit etwa in Malis Norden und Timbuktu.

Der Louvre als republikanische Institution, aber auch global operierendes staatliches Paradeunternehmen der Kolonialmacht Frankreich: Diese Haltung verbirgt sich hinter der neuen Abteilung mit ihren insgesamt fast 3000 Exponaten, einer kleinen Auswahl aus einem Bestand von über 20 000 Stücken, darunter zahlreichen Dauerleihgaben aus dem benachbarten Musée des Arts Décoratifs. Für jeden sichtbare Konsequenz dieser sehr französischen Arroganz ist die Weigerung, Bildlegenden und Erklärungen der neuen Säle auch ins Arabische zu übersetzen, was ja nur logisch wäre, bedenkt man, dass die zahlreichen arabischen Touristen im Louvre ihre eigene Kultur bestaunen, die in heimischen Museen oft gänzlich fehlt. Und weiterhin fehlen wird, denn nicht einmal an den geplanten Ableger in Abu Dhabi gedenkt der Louvre größere Ensembles seiner Sammlung auszuleihen. Eine Politik, die von den reichen arabischen Staaten, etwa Golf-Anrainern wie Saudi-Arabien, Oman und Kuwait, aber auch autoritären Regimes wie Marokko und Aserbaidschan, mit 26 Millionen Euro bei insgesamt 98,5 Millionen Baukosten ausdrücklich unterstützt wird.