Gino Severini - Paris

Ein Italiener in Paris

Große Retrospektive zum Werk des aus der Toskana stammenden futuristischen Malers, eines Künstlers zwischen Avantgarde und Rührseligkeit

Gino Severini, einer der erfolgreichsten Maler der italienischen Moderne, ist in Deutschland weit weniger bekannt als andere Futuristen. Grund dürfte vor allem die malerische Eleganz sein, mit der er die radikalen Ideen der Avantgarde abschwächte. Etwa wenn er die futuristische Bewunderung für Maschine und Geschwindigkeit mit Naturbetrachtung verknüpft. Oder wenn er das fast abstrakte Zerlegen von Objekt und Perspektive der Kubisten mit einem pointillistischen Farbspiel koppelt. Das Pariser Musée de l’Orangerie versammelt nun in einer großen Retrospektive Gemälde, Grafiken und Mosaike aus allen Werkphasen.

1883 im Cortona geboren und 1966 in Paris gestorben, pendelte Severini zwischen Ländern und Kunststilen. Zur Malerei kam der Toskaner 1901 nach einem Treffen mit Umberto Boccioni und Giacomo Balla, mit denen er 1910 die beiden futuristischen Manifeste unterzeichnen sollte. Vier Jahre vorher war der elegante Dandy an den Montmartre gezogen, wo er mit Künstlern wie Juan Gris, Georges Braque und Pablo Picasso verkehrte, den Vordenkern einer Avantgarde, bei der er sich nach Belieben bediente. Etwa in den Kabarettszenen aus dem Moulin Rouge oder dem Bal Tabarin – letztere eine komplexe, aber farblich har-monische Woge von kubistisch zerlegten Farbflächen, welche die Schnelligkeit der Tänzer und ihrer Bewegungen widergeben. Ebenfalls aus dem Kubismus das Verfahren, Wörter wie "Polka" oder "Walzer" in die Bildkomposition zu integrieren.

Kubismus bilde die Dinge ab, indem er sie umkreise, während der Futurismus in sie ein­­dringen wolle, erklärte Severini und fügte hinzu: "Meiner Meinung nach ist es möglich, beide Standpunkte zu verbinden zu einer poetischen Sicht der Welt." Zu dieser poetischen Vision gehörte es, dass Severini sich nie auf die klassischen futuristischen Themen wie Maschinenkult oder Ode an die Geschwin­digkeit beschränkte, sondern seine Lokomotiven und Züge durch farbenfrohe Landschaften fahren ließ oder einen wirbeln­den Tänzer mit den Wellen des Meeres verglich. Hervorragende Beispie­le einer Kunst, die Wissenschaft vermenschlicht, sind seine während des Ersten Weltkriegs entstandenen futuristischen Bilder über den Krieg, die er im Januar 1916 erstmals in Paris zeigte.

Noch im selben Jahr ließ Severini den Futurismus hinter sich zugunsten eines konsequenten Kubismus, den er nach Kriegs­ende 1920 gegen einen neoklassizistischen Realismus eintauschte. Ein malerischer Zickzackkurs, wie man ihn auch von seinen Zeitgenossen Braque oder Picasso kennt, der allerdings beim leidenschaftlichen Italiener Severini zu manchmal auch rührseligen Serien wie der "Mutterschaft" führt.

"Gino Severini"

Daten: bis 25. Juli, im Musée de l`Orangerie, Paris, der Katalog erscheint im Skira Verlag
http://www.musee-orangerie.fr/

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