Patti Smith - Interview

Rimbaud und Dylan sind die wichtigsten Künstler

Als Rockmusikerin hat Patti Smith Kultstatus. Was dagegen nur wenige wissen: Die amerikanische Künstlerin und Weggefährtin Robert Mapplethorpes zeichnet und fotografiert seit über 30 Jahren. Jetzt sind ihre Bilder in der Fondation Cartier in Paris zu sehen.

Patti Smith ist eine Ikone der amerikanischen Rockmusik, neben Lou Reed und John Cale die letzte Überlebende eines New Yorker Underground der frühen siebziger Jahre, als die Künste sich noch mischten, als Musiker zeichneten, Maler rockten und Fotografen Popstars wurden. Die 61-Jährige hat über vier Jahrzehnte hinweg ein ganz persönliches visuelles Universum aus Zeichnungen, Fotos, handgeschriebe­nen Gedichten und Clips aufgebaut.

Die Pariser Fondation Cartier, spezialisiert auf genreüberschreitende Ausstellungen zeitgenössischer Berühmtheiten, hat nach dem Philosophen Paul Virilio und dem Filmemacher David Lynch die Rockmusikerin um eine retrospektive Übersichtsschau gebeten. art-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel traf die Künstlerin bei den Vorbereitungen in Paris.

art: Ich habe Ihnen einen 30 Jahre alten Katalog mitgebracht, den ich als Student bei der Vernissage Ihrer Ausstellung in der Kölner Galerie Veith Turske gekauft habe.

Patti Smith: Das ist ein wunderbares Buch, eine Mischung aus Fotos, Gedichten, Zeichnungen. Veith liebte Rock ’n’ Roll, er war einer der ersten in Europa, die meine Welt wirklich verstanden. Die Ausstellung in Köln verhalf mir zu meiner ersten Museumsschau, im Kunstmuseum Bern, wo ich Zeit hatte, all diese unglaublichen Paul Klees zu bewundern.

Turske entdeckte Sie zeitgleich mit dem New Yorker Galeristen Robert Miller.

Meine allererste Ausstellung fand schon 1973 im Gotham Book Mart statt, einer berühmten Buchhandlung in Downtown Manhattan, die auch meine Gedichte herausgab. Sie sehen also, ich hatte ausgestellt, bevor ich meine ersten Platten aufnahm. Dort entdeckte Robert Miller meine Arbeiten und schlug mir vor, in den tollen Räumen seiner großen Galerie in Uptown auszustellen. Ich war sehr geschmeichelt, lehnte aber ab, weil ich nicht vor meinem Freund Robert Mapplethorpe in einer schicken Uptown-Galerie ausstellen wollte. Robert und ich wohnten und arbeiteten seit 1967 zusammen im Hotel Chelsea.

Bei wem stellte Mapplethorpe damals aus?

Bei Holly Solomon, also downtown. Wir alle träumten davon, auch uptown auszustellen. Zu meiner Überraschung akzeptierte Miller, und Robert und ich haben zusammen bei ihm 1978 eine große gemeinsame Schau eingerichtet. Vorher war Köln, ein Meilenstein in meiner Karriere. Nach der Eröffnung gingen wir auf die Bühne und spielten, dann hat Franz Gertsch mich foto-grafiert, um nach den Vorlagen große Porträts zu malen. Es war eine fantastische Zeit.

Lebten Sie und Mapplethorpe damals in engem Kontakt zur New Yorker Kunstszene?

Wir kannten natürlich viele Künstler und Dichter. Brice Marden war ein enger Freund, er stellte uns Willem de Kooning vor. Wir waren viel mit William Burroughs und Allen Ginsberg zusammen. Aber damals gab es noch keinen mondänen Kunstbetrieb, alle kämpften erst einmal um ihr Werk, nicht um Ruhm. Und wir waren nicht Teil einer bestimmten Szene. Da gab es damals den so genannten zweiten Kreis um Andy Warhol und die Factory, und wir sahen Andy zwar häufig, waren aber nicht Teil der Factory.

"Im Vergleich dazu ist eine Skulp­tur von Jeff Koons nur Müll"

In Ihren Werken fehlt es fast völlig an Anspielungen oder Hommagen an andere Künstler der damaligen Zeit. Während Sie in der Musik Lou Reed ein Denkmal setzten, mit Bruce Springsteen musizierten und Bob Dylan coverten, verweisen Sie in Dichtung und Zeichnung auf Arthur Rimbaud, Paul Verlaine, Jean Dubuffet, Pablo Picasso, Constantin Brancusi, aber nie auf Zeitgenossen.

Ich interessiere mich eben nicht besonders für meine Zeitgenossen.

Auch nicht für Warhol?

Nein. Robert setzte sich stark mit Warhol auseinander, aber ich mochte eigentlich nur seine Serie "The last Supper". Und ich finde immer noch, dass seine letzten Arbeiten die besten sind. Wirklich wichtig unter den Zeitgenossen waren für mich damals nur die Abstrakten Expressionisten: de Kooning, Jackson Pollock, Lee Krasner. Und dann kam gleich die Kunstgeschichte, Michelangelo, Rembrandt, Picasso. Das hat nichts mit Nostalgie oder Konservatismus zu tun, aber deren Werke sind für die Ewigkeit bestimmt, im Vergleich dazu ist die Skulp­tur eines Jeff Koons nur Müll.

Ich sehe in Ihren damaligen Zeichnungen auch eine gewisse Nähe zu Cy Twombly.

Als ich 1968 zum ersten Mal nach Paris kam, entdeckte ich im Schaufenster einer Galerie Arbeiten, die meinen sehr ähnlich waren. Nur dass ich meine natürlich besser fand (lacht). Ich ging hinein und zeigte der Galeristin meine eigenen Zeichnungen, und sie gefielen ihr. Das war Ileana Sonnabend, und sie hat mir zwar nichts abgekauft, mich aber sehr ermutigt. Es war damals das erste Mal, dass ich etwas von Cy Twombly sah. Beide benutzten wir handgeschriebene Texte in unseren Zeichnungen, aber mir gefiel meine Linienführung besser. Dagegen hat Twombly eine Art, den Bildraum mit Graffiti aufzubrechen – das war meisterhaft, so etwas konnte ich nicht. Trotzdem fühlte ich mich nicht eingeschüchtert.

"Rimbaud und Dylan sind für mich die wichtigsten Künstler überhaupt"

Woher kommt Ihre Liebe zum Dichter Arthur Rimbaud?

Ich war 16, ein junges Mädchen, das keinen Freund hatte, einsam war. Da entdeckte ich sein Gesicht auf einer Zeichnung und verliebte mich in ihn. Ich wusste erst einmal nichts über ihn, wo er lebte, was er tat, und leider war er ja bereits seit 1891 tot. Aber seine Ge­dichte sprachen zu mir, selbst in ihrer englischen Übersetzung, ich verstand sie sofort. So kam es zu unserer Beziehung, die bis heute hält. Wir mögen uns immer noch sehr (lacht). Rimbaud und Dylan waren und sind für mich die wichtigsten Künstler überhaupt.

Und unter den Malern?

An Malern wie Rembrandt, Picasso oder Dubuffet interessiert mich vor allem ihr Werk, nicht die Person, selbst wenn ich vieles über ihr Leben weiß. Es gibt keine persönliche Beziehung zu diesen Künstlern. Nur zu Mapplethorpe, weit über seinen Tod hinaus.

Im Booklet Ihrer CD "Trampin" von 2004 benutzen Sie zum ersten Mal eine eigene Fotografie, mit der Hand Ihrer Tochter Jesse, die eine getrock­nete Blume hält. Warum haben Sie nie vorher eigene Bilder benutzt?

Plattencover sind Zweckfotografie, meist braucht es ein Porträt, und so etwas mache ich nun mal nicht. Ich bin keine professionelle Fotografin. Ich würde auch Brancusi niemals einen Fotografen nennen, trotzdem hat er sehr schöne Fotos gemacht, die unbedingt Kunstwerke sind. Ich lege keinerlei Wert auf technisch perfekte Fo­tografie. Ich verstehe zwar etwas von Komposition und von Licht, aber vor allem weiß ich, was ich will.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie das gesamte Interview in der aktuellen art-Ausgabe 4/2008.

"Patti Smith"

Termin: bis 22. Juni, Fondation Cartier, Paris. Katalog: "Land 250", zirka 40 Euro. Literatur: "Trois", Verlag Actes Sud, 3 Bde., je zirka 14,50 Euro. Galeriekontakt: Robert Miller Gallery, New York.
http://fondation.cartier.com/

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