Markus Schinwald - Kunsthaus Bregenz

Die Neurosen spazieren führen

Wenn Markus Schinwald eines seiner Panoptiken einrichtet, ist der Wahn nicht weit. Der österreichische Künstler hat jetzt in Bregenz zusätzlich zu seinen doppelbödigen Räumen, Bildern, Skulpturen und Modefetischen eine Kunst-Sitcom arrangiert – mit Publikumsbeteiligung.

Wie bloße Requisiten stehen die Fernsehkameras noch vor dem Bühnenkasten herum. Der erste Teil von Markus Schinwalds Sitcom "Vanishing Lessons" im Kunsthaus Bregenz ist rechtzeitig zu Beginn seiner Ausstellung abgedreht. Und jetzt?

Von einer Zuschauertribüne im 1. Obergeschoss aus sieht man nicht nur in einem Bühnenbild erregte Ausstellungsbesucher herumstolzieren, sondern auf Flatscreens auch die 20-minütige Aufzeichnung von Schinwalds surrealen Sitcom-Verrichtungen. Fünf Schauspieler plagen sich da auf der fruchtlosen Suche nach dem inneren Zusammenhang von Schein und Sein. Was für eine Idee! Markus Schinwald, der österreichische Deformationskünstler mit Hang zum morbiden Vokabular, hat sich in seiner sitcomartigen Inszenierung diesmal selbst übertroffen. Auf drei Stockwerken richtete er mit Mobiliar, Skulptur und Malerei, je einen Bühnenraum von installativem Charakter ein. Es ist ein Work in Progress, die Drehtermine für Teil 2 und 3 stehen noch bevor. Anders als man es von einer "Situational Comedy" her kennt, wird eigentlich kaum gelacht. Warum auch? Dafür sind die plastischen Dinge zu sehr ins Bizarre gedehnt und die Schauspieler zu melancholisch auf ihre Phobien bezogen.

Was bisher geschehen ist: In dem etwas derangierten Salon von "Vanishing Lessons I" übten die Schauspieler gepflegte bis aggressive Beziehungslosigkeit. Man sieht in der Filmaufzeichnung, wie eine Frau die endlos lange Schublade einer Kommode aufzieht. Ein Mann reagiert sich brachial mit einem Hammer an einem anderen antiken Möbel ab. Und es blubbern bedeutungsschwere Sätze wie Seifenblasen aus den Schauspielern. "Ich möchte gerne eine Atombome aufs Schicksal werfen", sagt der eine. Seine weibliche Gegenspielerin nölt irgendwann: "Ich weiß nicht, ob das Leben zu viel oder zu wenig für mich ist." Theater, Performance, Filmset, Modefetische, Architekturelemente durchdringen sich wie in einem Wahngebilde. Schinwalds aus Chippendale-Möbelbeinen konstruierte Skulpturen strecken ihre amputierten Glieder in den Raum. Der geknebelte Eros spielt immer mit. Und Marquis de Sade ist natürlich auch anwesend. Schinwald hat in Auktionshäusern gekaufte Porträts akademischer Machart mit diversen Folterinstrumenten übermalt: Spangen, Schnallen, Nadeln, Vernähungen "verunstalten" die Gesichter des 19. Jahrhunderts. Ein beklemmender Anblick.

Begräbniskutsche und antiquierte Turngeräte

Der 1973 in Salzburg geborene Schinwald liebt es, seine künstlerischen Versatzstücken wie in einem Panoptikum immer neu auszubalancieren. Und nachdem er schon alle möglichen Realitätsebenen durchgespielt hat, schiebt er nun mittels gefilmtem Psycho-Boulevard-Theater eine weitere ein. In Wien hat man ihn vor drei Jahren für sein erstes Sitcom-Experiment im Tanzquartier ziemlich verdroschen. "Das war damals schon sehr dilettantisch", gibt er zu. "Der Flop hing aber auch damit zusammen, dass die Tanzleute den Begriff des Ready-Mades nicht kennen." Dafür ist das Kunstpublikum in Bregenz jetzt ganz bei der Sache, gafft sich in den vielen Spiegel an, kriecht wie der Liebhaber alter Schule in Doppelschrankwände, biegt merkwürdig elastische Holzstangen gegen den Strich. Die nächsten beiden öffentlichen Drehtermine (22. und 26. Februar) sind so gut wie ausgebucht. In das zweite Stockwerk hat Schinwald unter anderem eine Begräbniskutsche gehievt, der dritte Bühnenraum ist durch antiquierte Turngeräte quasi dekonstruiert. Für diese Szenerien wurde ein Casting mit eineiigen Zwillingen und jugendlichen Turntalenten durchgeführt.

Schinwald erstellt nicht nur ein ganzes Inventar von Körperprothesen, sondern führt als Dompteur die Besucher wie Haustiere an der langen Leine herum. Von wegen Interaktion! Ohne es richtig zu merken, verrückt man sich letztlich doch nur wie ein lebendiges Möbel in der unheimlichen Raumdramaturgie. Dabei ist Schinwalds gebaute und gedrechselte, genähte und gemalte, gefilmte und leibhaftig bespielte Neurosenlandschaft mit den Jahren immer undurchdringlicher geworden. Schwer zu sagen, wie das weitergeht. Auf jeden Fall soll es nicht in einem Gesamtkunstwerk münden. "Da ist mir schon der Name zu groß", grinst Schinwald und hüllt sich sonst in mysteriöses Schweigen.

"Markus Schinwald: Vanishing Lessons"

Termin: bis 13. April, Kunsthaus Bregenz, Österreich
http://www.kunsthaus-bregenz.at/