Thomas Demand - Berlin

Das Erbe der Nation

Es ist die bisher größte Schau Thomas Demands hierzulande. Aber keine Retrospektive, sondern eine Themenausstellung sollen die rund 40 Arbeiten in der Neuen Nationalgalerie in Berlin ergeben, die allesamt politische und gesellschaftliche Orte in Deutschland umkreisen

Am Anfang steht man vor Bäumen. Ein paar Sonnenstrahlen scheinen durchs dichte Blättergrün, märchenmäßig mysteriös. Ein knapp fünf Meter breites Deutschlandklischee ist diese "Lichtung" und ein Beweis, mit
welchem Hintersinn Thomas Demand seine Schau in der Neuen Nationalgalerie gehängt und konzipiert hat. Anderswo findet man unter der Adresse "Nationalgalerie" das stolz gehegte, oft pompös gerahmte und kunsthistorisch abgesegnete Erbe einer Nation. Thomas Demand aber, dieser Bildhauer, der sich die Welt aus Papier nachbastelt und sie dann im Foto festhält, hat den Begriff wörtlich genommen: Unter dem Titel "Nationalgalerie" stellt er Bilder aus, die diese Nation ganz ohne Kunstanspruch produzierte.

Geschichte und Boulevard

Bekannte und unbekannte Fotos sind es: Geschichtsbuchabbildungen, aber auch Boulevardmedien-Schüsse; auf die Waldromantik folgt der "Raum" des gescheiterten Hitler-Attentats in der Wolfsschanze, die verwüstete Stasi-Zentrale ("Büro"), aber auch die spießig-hölzerne "Bushaltestelle", an der sich jene Jungs trafen, die später unter dem Namen "Tokio Hotel" bekreischt werden.

Lange hat man in Berlin auf diese Ausstellung warten müssen. Thomas Demand, 1964 in München geboren, lebt seit 1996 in der Stadt, bisher wurden seine Arbeiten aber vor allem außerhalb Berlins gezeigt; bei der Biennale in Venedig, im MoMA in New York, in London, Dublin, Tokio. In Frankfurt war 2006 ein feiner Bild-Dialog mit Max Beckmann im MMK zu sehen, inszeniert von Udo Kittelmann, der nun mit der Demand-Schau seine Ankunft als Direktor der Nationalgalerie noch einmal fulminant feiert.

Schon in Frankfurt bewies der schlaue Kittelmann etwa mit seiner Ebay-Ausstellung "Spinnwebzeit" großes Gespür für Zeitgeist und Zuschauer, den weltweit applaudierten Thomas Demand nun in diesem Jahr der Jubilaren (20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre Grundgesetz) ausgerechnet in der Neuen Nationalgalerie allein mit Deutschlandbildern auszustellen, ist gewissermaßen eine Punktlandung. Die nahe liegende Retrospektive haben sich die beiden also verkniffen. Es fehlen all die häufig dokumentierten Bilder wie der Zyklus "Yellowcake", mit der Demand den Einbruch in die nigrische Botschaft in Rom thematisiert, der Tunnel, in dem Lady Di starb oder Saddam Husseins Erdloch-Versteck.

Wille zum Gesamtkunstwerk

Den gläsernen Mies-van-der-Rohe-Kasten, zum Hängen nicht ganz einfach, haben Demand, Kittelmann und das Architekturbüro Caruso St. John mit raumhohen Vorhängen klein bekommen. So sind die meist großformatigen C-Print-Abzüge vor protestantisch-kratzigen Stoffbahnen in Dunkel-, Matsch- und Grüngrau des dänischen Stoffausstatters Kvadrat angebracht. Selten hat man sich in den glasglänzenden Demand-Abzügen so sehr gespiegelt wie in diesen matten Stoffkabinetten der Nationalgalerie-Schau, beinahe schon zeigt sich ein Brechtscher Verfremdungseffekt: Man betrachtet sich selbst beim Betrachten der gebastelten Papierwelten, deren medial verwertete Original-Orte man gerade in seinem eigenen Bildgedächtnis sucht. Auch die Hängung ist einleuchtend, die Serie "Klause", jene Kneipe, in der ein kleines Kind verschwand, wandert man nun in einem ebenso beunruhigenden fensterlosen Stoff-Zimmerchen ab.

Bisweilen sind die Effekt-Absichten allerdings allzu offensichtlich, wenn sich etwa die blitzblanke Badewanne, in der man einst Barschels Leiche fand, und das "Parlament", ein Blick auf den leeren Kanzlerstuhl im Bonner Bundestag, gegenüberstehen. Hier hui, da pfui: Man versteht das viel zu schnell. Dabei ist man von Thomas Demand doch
gewohnt, dass er jegliche Erklärungserwartung gelassen unterläuft. So auch die Besucher-Erwartung, die eigene visuelle Erinnerung mit bildbegleitenden Erklärtafeln abzugleichen. Die von Thomas Demand gezeigten Orte des Geschehens, im Papiermodell um Mensch und Schrift bereinigt, werden nur mit Titel und Entstehungsjahr beschriftet, ergänzt allerdings um Texte von Botho Strauß, die in großen Vitrinen wie einst kultisch verehrte Kunstgegenstände ausgestellt werden. Die Texte beziehen sich mal mehr, meist weniger auf die Fotos, untermauern aber den ehrgeizigen Wille aller Beteiligten zum Gesamtkunstwerk. Und das ist ihnen zweifellos geglückt.

Thomas Demand - "Nationalgalerie"

Termin: 18. September bis 17. Januar 2010, Neue Nationalgalerie, Berlin
http://www.demandinberlin.org

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