Performa 2009 - New York

New York als Stadt der Zukunft

Geräusch-Symphonien, Live-Musical und inszenierte Fressgelage: Die diesjährige Performa, die weltweit einzige Biennale für Performance-Kunst in New York, feiert das Futuristische Manifest und wütet im öffentlichen Raum.
New York als Stadt der Zukunft:Performance-Biennale feiert Futuristen

Arto Lindsay: "Somewhere I read", 2009

Eine Truppe von jungen Frauen in beigefarbenen Trenchcoats, die mit ihren Handys Musik machten, marschierte unter der Anleitung des Künstlers Arto Lindsay zum Auftakt der Performa am Times Square auf. Am Washington Square legte die ebenso ambitionierte Gruppe des Italieners Marcello Maloberti einen Tanz mit Melonen hin, um anschließend Verkaufsständer mit billigem Touristen-Nippes wie Ohrringe, Sonnenbrillen und Postkarten auf dem Kopf durch die Gegend zu tragen. Ein kleiner Junge fuhr auf einem Mini-Motorrad den Platz ab, während eine amerikanische Flagge mit einem meterlangem Silberschweif durch den Park gezogen wurde und einer der Fahnenträger per Megaphon warnte: "Schmetterlinge essen Bananen!" Es war harte Kost für New Yorker Touristen, die dem Treiben meist fassungslos zuschauten.

Es ist noch gar nicht lange her, dass Performance-Art an einigen großen Namen wie Marina Abramovic hing und nur einen kleinen Kreis von Kunstkennern interessierte. Doch 2004 trat die New Yorker Kritikerin und Kuratorin RoseLee Goldberg an, um die Grenzen zwischen visueller Kunst, Grafikdesign, Mode, Poesie, Architektur, Tanz, Musik, Film, Fernsehen, Radio und der Kunst des Kochens zu sprengen – es gibt kaum einen Bereich, den Goldberg ausgelassen hat. Die Performa, die weltweit bislang einzige Biennale für Performance-Kunst, war geboren und findet noch bis 22. November in ihrer dritten Ausgabe statt. "Es sind die Kritiker, die Kunsthistoriker und die Museen, die Kategorien schaffen", meint Goldberg. Die Künstler selbst würden sich in einem viel weiteren Spektrum bewegen. 40 Kuratoren haben das Programm zusammengestellt. Die Künstler haben ihre Auftritte im Museum of Modern Art, im Arts Center von Mikhail Baryshnikov, in Galerien, an der Columbia University, im neuen Museo del Barrio, in einer Kirche, im italienischen Kulturinstitut, in Parks oder auch im Second Life im Cyberspace. "Wir sehen eine Arbeit und versuchen, den perfekten Rahmen dafür zu finden, um die Farben, den Sound und den Geschmack herauszustellen", so Goldberg.

Mit der diesjährigen Performa wird der 100. Geburtstag des Futuristischen Manifests gefeiert, das Filippo Tommaso Marinetti 1909 in "Le Figaro" veröffentlichte, um eine neue radikale Kunstbewegung zu starten. Die Performa, so die Grundidee, soll als Ideenschmiede für New York als Stadt der Zukunft dienen. 110 Arbeiten von 150 internationalen Künstlern werden gezeigt. Darunter bekannte Namen wie Mike Kelley, Wangechi Mutu, Dominique Gonzalez-Foerster, Candice Breitz und Omer Fast, der das Kinderspiel "Stille Post" im Talkshow-Format neu auflegte. Der israelische Künstler Guy Ben-Ner filmte über zwölf Monate eine telefonische Unterhaltung mit sich selbst, um das Leben eines globalen Künstlers zu dokumentieren, der zwischen Berlin und Tel Aviv, seiner Familie und seiner Freundin hin- und herfliegt. Das Ensemble "Text of Light", zu dem der deutsche Saxophonist Ulrich Krieger und Lee Ranaldo von Sonic Youth zählen, präsentiert ein Live-Musical im Park auf der High Line. Blixa Bargeld spielt mit einer Gruppe von Musikern auf von dem italienischen Futuristen Luigi Russolo entworfenen Instrumenten. Es handelt sich um die Wiederaufführung von Russolos Geräusch-Symphonien von 1913 und 1916, bei dem der Lärm der Großstadt und der Maschinen die Musik macht. Das ideale Konzert für New York City also.

Dekadente Fressgelage und alte Meisterwerke

Auch die Kunst des Essens wurde gewürdigt. Jennifer Rubell, die Tochter des Sammler-Ehepaars Rubell, eröffnete die Perfoma für geladene Gäste mit "Creation". Ein dekadentes Fressgelage mit Bergen von gegrillten Rippchen, Honig, der von der Decke tropfte, aus Schokolade gegossenen Bunny-Skulpturen von Jeff Koons und einem riesigen Haufen Erdnüsse, in den sich so mancher Gast warf. Doch es gab auch bescheidenere Auftritte wie die von kochenden Pasta-Töpfen angeheizte Nudel-Sauna von Marije Vogelzang.

Das New Yorker Künstlerkollektiv Bruce High Quality Foundation University entschied sich dazu, einen Vortrag zum Thema Kunstgeschichte zu halten. Ein Mix von Bildern flimmerte über die Leinwand. Gezeigt wurden alte Meisterwerke, Kuratoren und Spieler der Kunstbranche, aber auch Popstar Maria Carey neben John Baldessari und Richard Prince oder berühmte Paarungen wie Marilyn Monroe und John F. Kennedy oder Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat. Begleitend zur Diashow lasen drei mit Spiegelbrillen ausgestattete Herren aus Dantons Tod, aus psychologischen Studien zum Kaufverhalten oder aus alten Nachrichtenmeldungen vor, um schließlich den Song "Father Figure" von George Michael anzustimmen. "Ich werde deine Vater-Figur sein", sangen die Drei. "Ich werde dein Prediger-Lehrer sein". Selten klang ein unschuldiger Popsong aus den achtziger Jahren so verstörend. Worum es der Künstler-Truppe bei der Performance ging: um die große Frage, wie und warum Kultur überhaupt passiert.

"Performa 2009"

Termin: bis 22. November, New York
http://performa-arts.org/blog/

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