Markus Draper - Dresden

Staubschichten der Erinnerung

Vor ziemlich genau 25 Jahren begannen in Leipzig die Montagsdemonstrationen und breiteten sich von hier wie ein Lauffeuer über die gesamte DDR aus. Mit dem Gemäldezyklus "Demotape" reflektiert der Künstler Markus Draper die Ereignisse. Angeregt wurde er durch ein einzigartiges Filmdokument: Von einem Leipziger Kirchendach aus filmten am 9. Oktober 1989 zwei Oppositionelle die Demonstration und damit die Auflehnung von der Straße, die nur einen Monat später zum Mauerfall führen sollte.

Der 9. Oktober 1989 in Leipzig: ein Datum, das zur Mythenbildung taugt. Vor 25 Jahren war die Ringstraße um das Stadtzentrum jeden Montag Schauplatz einer Demonstration, die der Arbeiter- und Bauernstaat seit den fünfziger Jahren nicht erlebt hatte und nicht überleben sollte.

Doch dass das letzte Stündlein der DDR geschlagen hatte, konnte sich wohl kaum einer der Unzufriedenen auf der Straße vorstellen. Unter den Tausenden war auch ein junger Oppositioneller, der damals nicht zum Kunststudium zugelassenen wurde. Später, als Künstler und Absolvent der Dresdner Malereiklasse von Ralf Kerbach, würde er sich den Namen Markus Draper (Jahrgang 1969) geben. Heute lebt er in Berlin. Doch bis dahin war noch ein langer Weg – ein Weg, der auch von der Leipziger Nikolaikirche, vorbei am Hauptbahnhof bis zum Dittrichring führte, inmitten eines Demonstrationszuges.

Begonnen hatten die so genannten Montagsdemos bereits im September, doch an Fahrt nahmen sie erst in den frühen Oktobertagen auf, befeuert auch von der offiziellen Farce, mit der der 40. Jahrestags des Landes begangen wurde und von der gewaltigen Ausreisewelle, die über Ostdeutschland schwappte. Draper war jedoch keiner von denen, die gen Westen strebten. Vielmehr engagierte er sich in der kirchlichen Umweltarbeit und bereiste die trostlosen Braunkohlreviere der Lausitz. Mit seinen Mitstreitern legte er kritische Karten der weiträumigen Zerstörungen dort an und filmte das Umweltdesaster: "Für mich war es nicht so erheblich, auf die Straße zu gehen und mit Transparenten zu wedeln. Wir wollten Recherche- und Aufklärungsarbeit leisten und mussten dabei aufpassen, dass wir nicht weggefangen wurden." Dennoch konnte sich der gebürtige Görlitzer der Energie des Herbstes '89 nicht entziehen und fand sich am 9. Oktober unter den Leipziger Demonstranten ein.

Der Blick vom Kirchendach

Diesem Schlüsselereignis widmet er eine eigene künstlerische Arbeit. Unter dem Titel "Demotape" zeigt er derzeit im Kunsthaus Dresden 17 Gemälde. Es sind keine Historienbilder im herkömmlichen Sinne, denn sie basieren auf verwaschenen Filmstills. Übersetzt in Malerei, werden die Motive noch einmal nebulöser als die zugrundeliegenden Bewegtbilder. Trotzdem gelingt es Draper, eine Art Sog zu entfalten und die chaotische Bewegung der Menge festzuhalten. Ob Tahrir, Taksim-Gezi oder Maidan: Heute sind uns Massenaufnahmen von Protesten höchst geläufig, ihre rasend schnelle digitale Verbreitung trägt zur globalen Meinungsbildung und häufig auch zur Eskalation vor Ort bei. Doch nicht so vor einem Vierteljahrhundert. Dass es überhaupt ein Filmdokument gibt, mit dem Draper arbeiten konnte, grenzt an ein Wunder. Zwei Dissidenten, Siegbert Schefke und Aram Radomski, machten es möglich.

Mit einer eingeschmuggelten Videokamera aus dem Westen bestiegen sie an jenem Montagabend das Dach der Reformierten Kirche in Leipzig. Schon eine Woche vorher hatten sie versucht zu filmen – glücklos, denn die Aufnahmen, die sie direkt in der Menge aus einer präparierten Tasche heraus machten, waren unbrauchbar. Ein erhöhter Standpunkt musste gefunden werden. Doch das war nicht einfach oder, wie Draper bemerkt: "Die Perspektive von oben ist immer eine Perspektive der Macht." Die Dächer der Innenstadt waren von der Staatsicherheit kontrolliert, und nur die Kooperation der Kirche bot da ein Schlupfloch. Um die Stasi auf dem Hochhausdach gegenüber nicht zu alarmieren, klebten Schefke und Radomski sogar die Betriebslichter der Kamera ab. Trotzdem waren sie aufgeregt und zumindest anfangs von der ungewohnten Technik überfordert.

In einem Bad von Gefühlen

In seinen Gemälden versuchte Draper nun, genau diese Unsicherheiten einzufangen: "Das Wackeln und diese hektische Suche nach der richtigen Einstellung zeigt sich in den ersten Bildern des Zyklus. Die sind optisch spannender." Die originale Vorlage, das "Demotape" also, dauert ganze 21 Minuten. Draper kondensiert den Schwenk der Kamera auf dem Kirchendach, die der Bewegung des Zuges folgt, in vergleichweise wenige Bilder. Er ordnet sie im Ausstellungsraum chronologisch und will damit nicht nur den Ablauf dieser Demonstration nachvollziehbar machen, sondern auch zeigen, wie ungeordnet und tastend das Gefühl innerhalb der Menge war. Schließlich wurde an diesen Tag von einem Schießbefehl gemunkelt, Krankenhäuser sollen auf die Behandlung von Schussverletzungen vorbereitet und extra Blutkonserven angefordert worden sein. Auch dieses unheimliche Klima der Angst transportieren Drapers Leinwände.

Bewusst hat er sich für verschiedene Farbtöne entschieden und nicht für das erprobte dokumentarische Grau ähnlicher kritischer Reproduktionsmalerei wie etwa Gerhard Richters RAF-Zyklus. "Das Grau würde eine zu große Distanz zum Betrachter aufmachen", erklärt der Künstler. Vor einigen Jahren bereits hat er sich mit einer installativen Videoarbeit eines geschichtlich relevanten Vorfalls der alten Bundesrepublik, die damals nicht seine Heimat war, angenommen: der tragischen Gladbecker Geiselnahme von 1988. Dort operierte er tatsächlich und bewusst mit Grautönen. Nicht so bei "Demotape", denn: "Es ist für mich auch ein emotionales, ein biografisches Thema. Ich befinde mich retrospektiv in einem Bad von Gefühlen." Also inszenierte Draper den Zyklus als begehbares Erlebnis, nie aufdringlich – aber immerhin in einem suggestiven Rhythmus aus Farben und Formen.

Das Aufbrechen von Klischees

Natürlich lässt schon das verschwommene und damit höchst malerische Originalmaterial ohnehin keinerlei Naturalismus zu. Zudem zerlegte Draper die Filmstills in Bitmap-Elemente. In ihrer oft zufälligen erscheinenden Pixelästhetik erinnern sie an frühe Photoshop-Ergebnisse. Strukturalistische Linien und Punkte legen sich wie ein symbolischer Schleier des Vergessens über die gemalten Ereignisse. Das kann man dann durchaus als Realismus bezeichnen. Denn der Herbst '89 ist heute verschiedensten Deutungen und Verklärungen ausgesetzt und wird von ambivalenter Erinnerungskultur verfremdet. "Es geht hier nicht um Sehnsuchtsbilder, sondern auch um die Staubschichten der Erinnerung. Wenn ich schon mit deutscher Geschichte arbeite, dann möchte ich auch Klischees vom Osten aufbrechen", bekennt der Künstler.

Der Kameramann von einst, Siegbert Schefke, ist vom dem Malereiprojekt sehr bewegt. In einem kürzlichen Interview bekannte er: "Dass meine Bilder solch ein Eigenleben haben, das ist schon sehr aufregend. Ich wünsche den Gemälden viele Betrachter. … diese Bilder müssen in die Welt. … eigentlich müsste ein Museum, eine öffentliche Institution in Sachsen die Arbeiten ankaufen. Das Bildermuseum oder das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. Hier gehören sie hin. Diese Art der Reflexion von Zeitgeschichte ist schon sehr besonders." Und von beeindruckender künstlerischer Qualität, möchte man hinzufügen.

Markus Draper – Demotape

Kunsthaus Dresden, bis 28. September 2014

Kuratiert von Elly Brose-Eiermann und Torsten Birne für den Freundeskreis des Kunsthauses Dresden

Gleichzeitige Ausstellungen im Kunsthaus:


Annette Weisser – German Angst

Katarina Šević / Tehnica Schweiz – Social Motions
http://kunsthausdresden.de/veranstaltungen/markus-draper-demotape/