Kulturfestival auf Kampnagel

Hamburg

"Wir veranstalten hier kein Theoriefest“
Mit Kraft und Eleganz tanzen sich die Tänzer des israelischen Choreografen Hofesh Shechter durch ihre Performance "Uprising" am Eröffnungsabend des ersten internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg. (Copyright Ben Rudick)

"WIR VERANSTALTEN HIER KEIN THEORIEFEST“

Von wegen Sommerloch – an diesem Wochenende startete in Hamburg das Kulturfestival auf Kampnagel, Deutschlands größter freien Spiel- und Produktionsstätte für zeitgenössisches Theater. Hinter der sprichwörtlich coolen Atmosphäre mit künstlicher Eisbahn und Schneelandschaft verbirgt sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Klimawandel und seiner gesellschaftlichen Aktualität, die sich in diversen Tanz-, Musik- und Theater- und Kunstproduktionen widerspiegelt.
// WIEBKE GRONEMEYER

An einem schönen, lauen Hamburger Sommerabend in romantischer Atmosphäre am Kanal mit kühlem Alsterwasser und leckerem Wein kann es doch eigentlich nur um eins gehen – richtig: Knutschen. Nein, also eigentlich Kultur. Oder beides? Für Matthias von Hartz, Leiter des ersten internationalen Sommerfestivals der Kulturfabrik Kampnagel, steht beides auf keinen Fall im Widerspruch, sondern ist Programm: "Es muss einfach mehr geknutscht werden", lautete sein Appell zur Eröffnung des Kunst-, Tanz-, und Theaterfestivals, das an diesem Wochenende in Hamburg auf dem Gelände der ehemaligen Kranfabrik Kampnagel Premiere feierte.

In einer imponierenden Kulisse mit Industriecharme, wie man es sonst nur aus dem Ruhrgebiet kennt, sind noch bis zum 31. August insgesamt 23 Künstlergruppen mit teils renommierten, teils völlig unbekannten Produktionen zu sehen. Zeitgenössische Kunst steht dabei nicht offensichtlich im Vordergrund, doch überzeugen die Installationen der britischen Künstlergruppe "Stan's Cafe" und der Kanadierin Janet Cardiff dafür umsomehr und stechen zwischen den diversen zeitgenössischen Theater- und Tanzproduktionen heraus.

In der Hamburger Handelskammer präsentiert sich die Installation "Of All The People In The World: Hamburg“. Hier schüttete die britische Künstlergruppe "Stan’s Cafe“ Berge von Reis an, um gesellschaftlichen Realitäten einen prägnanten und nachhaltigen Ausdruck zu verleihen. So wird im historischen Saal der alten Börse in diesen Tagen nicht mit Reis gehandelt, sondern die Bedingungen der menschlichen Existenz verhandelt: Jedes Reiskorn symbolisiert einen Menschen. Die 12 Tonnen Reiskörner, die teils auf dem Boden aufgehäuft sind oder sich noch in Säcken befinden, symbolisieren so ungefähr die Bevölkerung Europas, denn man bräuchte schon 104 Tonnen, um die Weltbevölkerung von 6,4 Milliarden darstellen zu können. Doch der Grundsatz "Die Masse machts" verliert hier seine Gültigkeit: Nicht die Höhe der angehäuften Reismassen lässt den Besucher nachdenklich werden, sondern die pointierten Gegenüberstellungen, mit denen die Künstler aus Birmingham politischen und sozialen Wahrheiten einen poetischen Ausdruck verleihen.

Aus jedem Lautsprecher ertönt ein Choral

Dabei nehmen sie sowohl auf den lokalen Kontext Hamburgs, als auch auf aktuelle politische Ereignisse Bezug: Unweit eines Haufens, der die Hamburger Flutopfer von 1962 symbolisiert, steht eine Reislandschaft, in denen die Massen vor dem Brandenburger Tor zu den Reden John F. Kennedys 1963 und Barack Obamas an der Siegssäule 2008 den Opferzahlen an der Berliner Mauer und dem neu errichteten Mauerbollwerk zwischen Mexiko und den USA entgegengesetzt werden. Während der Dauer ihrer Performance (bis zum 23. August) wird sich diese Installation ständig wandeln. Mitglieder der Künstlergruppe sowie freiwillige Helfer aus Hamburg kümmern sich darum, immer neue Statistiken zu finden, um sie sichtbar und greifbar umzusetzen – auch gerne auf Anregungen des Publikums, dessen Interesse vor allem der Frage galt, was mit dem Reis eigentlich nach der Performance passiert: Er wird natürlich nicht auf einem großen Haufen landen, sondern wieder in die Nahrungskette eingespeist.

Am Eröffnungsabend zeigte Janet Cardiff ihre poetische Installation "The Forty-Part Motet", deren Klangkraft die Besucher faszinierte. Das lag nicht nur an den filigranen Modulationen von Thomas Tallis Chorstück aus dem 16. Jahrhundert, das die Grundlage für Cardiffs Werk bildet, sondern auch an der hervorragenden Installation in einer der alten Industriehallen auf Kampnagel. 40 Lautsprecher bilden einen Kreis, aus je einem Lautsprecher ertönt eine Stimme des Chorals. Der Besucher kann sich zwischen den einzelnen Stimmen frei bewegen und so den architektonischen Klangraum individuell erfahren.

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