Thomas Schütte - München

Aliens mit leeren Augenhöhlen

Arbeiten des Düsseldorfer Künstlers Thomas Schütte aus den letzten 20 Jahren im Münchner Haus der Kunst.

Wer heute als Künstler die klassi­schen Themen der Kunst noch einmal in die Mangel nimmt, ge­­rät ganz schnell unter Nostalgieverdacht. Thomas Schütte, 54, scheut die Ausein­ander­setzung mit der jahrhundertealten Tradition nicht – auch auf die Gefahr hin, gründlich missverstanden zu werden.

Er lässt lebensgroße Frauenakte in Bronze gießen, aquarelliert wie ein Künstler des 19. Jahrhunderts Blumen- und Obstarrangements. Und dann baut er seine Architekturmodelle auf nüchternen Tischen auf, als wollte er sie demnächst tatsächlich zu einem städtebaulichen Wettbewerb einreichen.

Doch in Schüttes scheinbar anachronistischen Annäherungen an den Kanon der Kunst steckt ein böser Stachel. Die in virtuoser zeichnerischer Schönheit erblühten Stillleben erweisen sich als welk und morbid. Die weiblichen Aktfiguren sind in Schüttes skeptischen Reflektionen mit einem Makel behaftet, krümmen sich förmlich unter ihren inneren und äußeren Deformationen. Seine auf die Nachwirkungen des 11. Septembers 2001 an­spie­len­den "Kreuzzug-Modelle" (2002/06) wiederum stellen, wie das modernistisch bunt verglaste "Ferienhaus für Terroristen" von 2002, zynisch westliche Wertmaßstäbe in Frage.

Das Scheitern ist inbegriffen

Unter dem Titel "Mann im Matsch" richtet das Münchner Haus dem in Düsseldorf lebenden Künstler nun eine Einzelausstellung aus. "Mann im Matsch", das bezieht sich im Schütteschen Tenor des allgegenwärtigen menschlichen Strauchelns auf eine Kolossalfigur von über fünfeinhalb Metern Höhe, die im Juni zentral in seiner Geburtsstadt Oldenburg postiert wird. Nach München entsendet er parallel zur Enthüllung das originalgroße Styroporgipsmodell.

Bereits im Entree tapsen die großmächtigen Aluminiumexemplare seiner berühmten "Großen Geister" herum. Wie hirnlose, aber in ihrer selbstherrlichen Gestik ferngesteuerte Aliens mit leeren Augenhöhlen grinsen einen die Figuren an. Schütte-Kenner Ulrich Loock vom Museu Serralves in Porto sagte einmal, er bewundere am meisten an Schütte, "dass er in der Lage ist, klare Zeichen für unklare Sachverhältnisse zu finden". Das Scheitern ist in Schüttes Versuchsmodellen zu den Konventionen der Kunst zwangsläufig inbegriffen. Davon künden letztlich auch die nach seinem wechselhaften Bildnis im Rasierspiegel entstandenen Selbstporträts der "Mirror Drawings" von 1998: "Ich dachte, ich mache das jetzt für ein Jahr, dann weiß man, wer man ist. Ich war total enttäuscht, weil sie nichts sagten. Es verdichtete sich nichts."

"Thomas Schütte. Mann im Matsch"

Termin: 7. Juni bis 6. September, Haus der Kunst, München. Außerdem: Thomas Schütte mit Skulptur und Radierungen in Oldenburg: bis 16. August, Horst-Janssen-Museum, Oldenburg. Literatur: zu den Aquarellen "Deprinotes" erscheint im Richter Verlag ein Begleitbuch
http://www.hausderkunst.de/

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