Ai Weiwei - London

Made in China

Man kann sie in die Hände nehmen, auf den Boden runterprasseln lassen, sich darin eingraben oder mit den Füßen drüber spazieren: Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat die Londoner Tate Modern in ein Meer aus Sonnenblumenkernen verwandelt. Aber es sind keine echten Kerne, sondern naturgetreue Kopien aus Porzellan.

Es knirscht unter den Füßen, man läuft wie auf einem Kieselstrand. Deswegen ziehen einige Besucher wohl auch Schuhe und Strümpfe aus, um das sommerliche Gefühl hervorzurufen. Ein wenig komisch sehen sie aus in ihrer herbstlichen Kleidung, mitten in der riesigen ehemaligen Turbinenhalle der Tate Modern.

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die vermeintlichen Kiesel jedoch als Sonnenblumenkerne in ihren gestreiften Schalen. Daher auch der Titel von Ai Weiweis Installation: "Sunflower Seeds". Doch auch das trügt: In Wirklichkeit sind sie aus Porzellan. 100 Millionen Stück, Made in China, jedes von ihnen aus China nach London geschafft. Und jedes von ihnen von Hand bemalt, mit drei zarten Strichen, die aus dem grauen Porzellan einen Sonnenblumenkern machen. Hergestellt wurden sie in der südchinesischen Stadt Jingdezhen, seit mehr als 1 000 Jahren bekannt für ihre Porzellanmanufakturen. Auch heute wird dort noch handbemaltes Porzellan produziert. Jeder einzelne Kern wurde von Hand geformt, dann gebrannt und schließlich bemalt, oft von Frauen, die sie mit nach Hause nahmen.

Hat Ai Weiwei selbst auch einige der 100 Millionen Kerne bemalt? "Zwei oder drei, aber die waren wirklich nichts wert", gesteht der chinesische Künstler. Sonnenblumenkerne, so erläutert er, nehmen in der jüngsten Geschichte Chinas eine besondere Stellung ein: Während der Kulturrevolution wurde Mao Zedong oft mit der Sonne verglichen und das Volk mit Sonnenblumen, die sein Gesicht anbeten. Außerdem waren und sind sie billige Knabberware. Wie immer bei Ai Weiwei verbirgt sich auch bei "Sunflower Seeds" unter der Einfachheit der Ausführung eine Fülle von Bedeutungen. Die auf einer Fläche von 1 000 Quadratmetern zehn Zentimeter hoch verteilten Porzellankerne sprechen von Massenproduktion und Handwerk, vom Individuum und der Masse, von Hunger und Anbetung von Idolen.

Die Installation stellt, wie die meisten anderen in der jährlichen Unilever Serie in der Turbinenhalle, die Frage nach der sozialen und kulturellen Bedeutung von Kunst. Nach Beendigung der Schau Anfang Mai nächsten Jahres werden die Kerne wieder nach China geschafft, in Ai Weiweis Atelier. Noch weiß er nicht, was er mit ihnen machen will. Die Frage ist natürlich: Werden es wirklich alle sein? Die Versuchung ist groß, sich mindestens einen in die Tasche zu stecken. Die Tate wäre nicht so glücklich über eine solche Aneignung, doch der Künstler ist da anderer Ansicht: "Wenn ich ein Besucher wäre, würde ich einen einstecken."

"Sunflower Seeds"

Termin: bis 2. Mai 2011 in der Tate Modern in London
http://www.aiweiwei.com/