Madonna und wir - Popkultur und Kunst

Im Buch mit Madonna

Madonna ist fünfzig – und die Avantgarde gratuliert! Mit einer für die Königin des Pop kuratierten Ausstellung (ab 22. August, Galerie Christian Nagel, Berlin) und einem schwer durchdachten Sammelband verneigen sich Kunstszene und Popkultur vor der Sängerin unsterblicher Hits wie "Holiday". Herausgeberinnen Sandra und Kerstin Grether und Kuratorin Caroline Nathusius erklären art-Autor Gunnar Luetzow, warum.
Im Buch mit Madonna:Madonna ist fünfzig – die Avantgarde gratuliert!

"Madonna ist jemand, der zur Reflexion anregt": Anna Parkina, "o.T.", 2008

Fünfzig Jahre Madonna. Und jetzt auch noch eine Kunstausstellung und eine 400-Seiten-Suhrkamp-Anthologie. Warum?

Kerstin Grether: Unser Motto für das Buch war: Es gibt keine stolzen Frauen ohne Königin. Über männliche Popstars erscheinen andauernd Bücher, auch wenn die sechzig oder beinahe siebzig sind. Daher wollten wir jetzt mal mit der "Queen of Pop" ernst machen und die Bedingungen erforschen, unter denen sie das werden konnte, über ihre Gegenspielerinnen und die ganze Madonna-Fabrik sprechen und uns so unserer Königin versichern.

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Strecken Teaser

Es ist ein ernsthaftes, kritisches und liebevolles Buch – jenseits des Boulevards, aber auch jenseits eines verwässernden akademischen Diskurses. Außerdem freuen wir uns sehr, dass jetzt auch mal endlich eine Frau im Pop fünfzig werden darf. Ihr aktuelles Album ist in 38 Ländern auf Platz eins der Hitparade geschossen, und so hat sie bewiesen, dass man auch mit fünfzig noch Musik machen kann, die Teenager anspricht. Hätte denn von Andy Warhol jemand erwartet, dass er mit fünfzig aussieht wie sechzig? Madonna hat ein Recht darauf, sich jung, toll, fit und schönheitschirurgiert zu verhalten, weil das, was sie tut, eben auch Pop Art ist.

Caroline Nathusius: In der Kunst verhält es sich natürlich genau wie in der Literatur und in der Popmusik: Madonna ist jemand, der zur Reflexion anregt. In der bildenden Kunst wurden bereits einige Künstler zum Thema Madonna inspiriert, zum Beispiel Josephine Pryde und Sarah Staton, die im Buch vertreten sind. Rosemarie Trockels Beschäftigung mit Doppel-Identitäten führte zu Persönlichkeiten wie Madonna. Eine dieser Arbeiten von Rosemarie Trockel, die ihre Galeristin Monika Sprüth als Madonna verkleidet zeigt, wird in der Ausstellung zu sehen sein. Vielen geht es aber auch nicht unbedingt um die Person Madonna, sondern um Madonna als Phänomen.

Madonna: "Holiday"

Hat Madonna mit ihrem Vorgehen und als potenzielles Rollenmodell etwas verändert, oder hat sie nur in die eigene Tasche gewirtschaftet? Von den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern hat, bis auf eine, keiner das Projekt abgesagt – obwohl nicht alle zum Fanclub gehören. Es war eher so, dass ich, aufgrund des begrenzten Volumens in Buch und Ausstellung, nicht alle Künstlerinnen, die für das Projekt in Frage gekommen wären, berücksichtigen konnte. Ein weiterer Aspekt bei der Auswahl war daher der präferierte Umgang mit Papierarbeiten. Künstlerinnen wie Monika Baer, Henning Bohl, Amelie von Wulffen, Shannon Bool, Isa Melsheimer, Svenja Kreh, Birgit Megerle, Anna Parkina und Andrew Gilbert sind im Umgang mit Papier, ganz gleich welches Format, Profis. Es ist ja nicht einfach, ein komplexes Thema wie Madonna auf eine Taschenbuchseite in Schwarz-Weiß zu komprimieren. Dazu zählt dann in diesem Fall auch die Fotografie, die durch Arbeiten von Michaela Meise, Josephine Pryde, Sarah Staton, Nada Sebestyén, Hanna Schwarz und Annette Kelm vertreten ist. Für die Ausstellung hat sich der meditative Zirkel um Madonna noch um Wolfgang Breuer, Alicja Kwade und Miriam Wania erweitert.

"Fansein gehört dazu, sonst wäre man ein Weichei"

Sandra Grether: Unser Buch ist auch ein Statement über Musikjournalismus, über mögliche Schreibweisen. Während alle behaupten, man könne schon seit Jahren nichts Neues mehr über Madonna schreiben, wollten wir den kompletten Gegenbeweis antreten. Gegenüber all denen, die immer über die Übersättigung aller möglichen Popkultur-Themen reden, aber wenn es dann mal wirklich ums Thema geht, keine zwei Gedanken zusammenkriegen, die origineller sind als die Klischees, die im Umlauf sind.

Die Anthologie zeichnet sich durch hohes Reflexionsniveau aus, verblüfft aber auch durch Idolisierung.

Sandra Grether: Es haben aber viele Autoren und Autorinnen scharfe Kritik geäußert – von der gern zitierten Sarah Khan über Bernd Begemann und Thomas Venker. Selbst die Autoren, die sich total bewundernd zu Madonna äußern, haben das auf der Basis einer tiefergehenden Auseinandersetzung gemacht. Idolisierung und hohes Reflexionsniveau haben sich für mich noch nie ausgeschlossen. Davon abgesehen, habe ich noch nie begriffen, warum die Leute so ein Problem damit haben, wenn irgendwer eventuell sogar unreflektiert für einen Popstar schwärmt.

Ihrer beider Werdegang liegt ja in der Fan-Kultur.

Sandra Grether: Überhaupt nicht. Wir sind zwei der wenigen weiblichen Popkritiker, die überhaupt mit Liebe zum Detail, der nötigen analytischen und kenntnisreichen Haltung und vor allem mit einem gewissen Durchhaltevermögen über Musik schreiben. Dazu gehört – wie bei allen männlichen Kritikern auch – natürlich Fansein, sonst wäre man ja ein Weichei, das nichts zu verteidigen und nichts zu verlieren hat. Überdies bin ich in erster Linie selber Musikerin.

In Bed With Madonna / Truth Or Dare

Kerstin Grether: Uns wird oft unterstellt, wir kämen aus der Fan-Ecke. Und tatsächlich haben wir ursprünglich mit einem Fanzine angefangen – wie viele männliche Musikenthusiasten auch. Auch heute ist es mir wichtig, einen schwärmerischen und euphorischen Ansatz beizubehalten, wie ich ihn auch an meinen Lieblingsschriftstellerinnen schätze. Aber ich habe schon mit siebzehn hochanalytische Texte, zum Beispiel für "Spex", geschrieben. In der Annäherung an das Phänomen Madonna liegt natürlich ein gewisser Respekt, in dem auch immer etwas naiver Idealismus ist. Aber jenseits davon, bei der Annäherung auf Augenhöhe, entsteht etwas, das davon hoffentlich abweicht.

Sandra Grether: Und wenn Inga Humpe, die ja vielleicht so etwas wie eine deutsche Madonna ist, zu Madonna "Mutti" sagt, dann finden wir das toll und nachvollziehbar. Doch eigentlich beschreibt sie ja in ihrem schönen Text, wie sehr es sie nervt, dass sie Madonna noch immer so interessant findet. Interessante Ambivalenzen!

Caroline Nathusius: Man muss sich mit Madonna beschäftigen, ob man nun will oder nicht. Einer der Künstler, Wolfgang Breuer, fragte auf meine Einladung hin, wie man da denn absagen könne – man käme an Madonna genauso wenig vorbei wie an McDonald's.

Beschäftigt sich Madonna eigentlich mit der Beschäftigung mit ihr?

Kerstin Grether: Im Interview mit Detlef Diederichsen, das wir nachgedruckt haben, hat sie 1994 gesagt, dass sie sich mit der Madonna-Rezeption beschäftigt. Und irgendwo habe ich auch mal gelesen, dass sie sich wahrscheinlich jeden Tag googelt. Sie ist jemand, der absolut die Kontrolle behalten will und sie kennt ihr Image sehr genau. Madonna hat diesen Zuschreibungen eigentlich auch dankbar zu sein. Deswegen heißt das Buch ja auch "Madonna und wir" – sie hat uns viel gegeben, aber wir – also die Öffentlichkeit – ihr natürlich auch. Dass so viele, auch akademische Diskurse, nun an einer Discosängerin festgemacht werden, freut uns sehr, weil im Aufeinandertreffen von Trash und High Art auch alle Höhen und Tiefen des Gesellschaftlichen verhandelt werden. Ich persönlich habe schon im Kinderzimmer
angefangen, Madonnavideos zu schauen. So sind meine Schwester und ich dann auch in extravaganten Klamotten in die Grundschule unseres katholischen Dorfes gegangen, während unsere Mitschüler noch von ihren Eltern eingekleidet wurden. Manchmal kamen wir auch zu spät, weil die Frisuren so aufwendig waren – Madonna sei dank!

Caroline Nathusius: Obwohl mir bei Liedern wie "Holiday" oder "Don't Tell Me" das Herz höher schlägt, hat mich Madonna nie musikalisch oder als Privatperson, sondern als Phänomen interessiert. Alarmierend beeindruckt hat mich der Film "In Bed With Madonna", ich dachte: Wer ist eigentlich diese Frau, die vor Deinen Augen vom Objekt zum Subjekt mutiert? Beeindruckend fand ich ihre mentale Stärke und ihre unängstliche Art und Hemmungslosigkeit der Selbstdarstellung. Es war das Gegenteil von dem, was einem schon früh, als kleinem Mädchen, aberzogen wird, und was man in seiner extremsten Form nur von männlichen Popstars kennt. Selbstdarstellung bei Frauen gilt nach wie vor als unanständig, auch wenn das Gesetz es erlaubt. Es würde mich freuen, wenn sie unser Buch in die Hände bekäme oder die Ausstellung besuchte. Und da sie sich, wie behauptet, öfter googelt, stehen die Chancen nicht allzu schlecht.

"15 minutes to save the world"

Termin: Freitag, 22. August, 19 Uhr, Buch-Release-Party und Vernissage, Galerie Christian Nagel, Weydinger Straße 2/4, 10178 Berlin. Buch: "Madonna und wir – Bekenntnisse", Herausgegeben von Kerstin Grether und Sandra Grether, Suhrkamp Taschenbuch, 400 Seiten, 12 Euro.
http://www.galerie-nagel.de/