Juergen Teller - Kunsthalle Nürnberg

Nabelschau und Heimatkunde

Neue Serien des im bayrischen Bubenreuth geborenen Mode-, Kunst- und Werbefotografen Juergen Teller in der Kunsthalle Nürnberg.

Um in den altehrwürdigen Hallen des Louvre Narrenfreiheit gewährt zu bekommen, muss man wohl schon Juergen Teller sein. Splitternackt stehen nun jedenfalls die Schauspielerin Charlotte Rampling und das Model Raquel Zimmermann auf seinen Fotos vor der Mona Lisa. Mit hängenden Schultern und ohne den Bauch einzuziehen gesellen sie sich zu den kraftstrotzenden antiken Skulpturen und nehmen sich damit wie der trotzige Beweis menschlicher Makelhaftigkeit aus. Sogar ein Delacroix ringt unter Tellers Blick um seine Aura und wirft das kalte Blitzlicht so unschön zurück, dass man meinen könnte, ein Amateurfotograf sei am Werk gewesen.

Dabei haben gerade seine wohl kalkulierten Angriffe auf jeden konventionellen Schönheitsbegriff Teller in den neunziger Jahren in die Riege der einflussreichsten und weltweit begehrtesten Mode- und Werbefotografen hinaufkatapultiert. Als andere noch Supermodels in überirdische Sphären entrückten, zeigte er sie in privaten Momenten und aus intimer Nähe – nackt, erschöpft, mit schlecht durchbluteter Haut und apathischen Augen – und stellte Situationen von denkwürdiger, manchmal ein bisschen peinlicher, meistens aber berührenden Vertrautheit her.

Arnold Schwarzenegger, Kate Moss oder Victoria Beckham: Sie alle bewiesen in lustvoll und oft lustig obszön inszenierten Konstellationen vor Tellers Kamera Mut zur Selbstironie. Der polnische Maler Wilhelm Sasnal ließ sich für eine Modekampagne das Gesicht schwarz anmalen, der Fotograf Ryan McGinley stimmte zu, in der Badewanne liegend einen Herrenschuh auf Kopf und Knie zu balancieren. Der Vorwurf, andere in die Selbstentblößung zu treiben, trifft auf Teller dabei unter anderem deshalb nur mit Einschränkung zu, als er sich selbst in den unvorteilhaftesten Posen ins Bild bringt. Als Nikolaus dekoriert, präsentiert er sich mit zu tief hängender Trainingshose unter einer Straßenlaterne; nackt betreibt der 1964 im bayrischen Bubenreuth Geborene Identitätssuche im holzvertäfelten Elternhaus.

Den Blick betörende Verbindungen

Andere Bilder zeigen seine Kinder, Ehefrauen, Eltern, die Kakteensammlung oder den Braten auf dem Teller. Für die Serie "Zimmermann" (2008) nahm das gleichnamige Topmodel unter der heimischen Topfpflanze und auf dem Sägetisch der elterlichen Holzwerkstatt Platz (Teller stammt aus einer Geigenbauerfamilie). Privates, Kunst und kommerzieller Auftrag fallen in eins zusammen; Nabelschau, globales Modebusiness und Heimatkunde gehen den Blick betörende und den Markt aufrührende Verbindungen ein.

Auch "Paradis" (2009) übrigens, die im Louvre aufgenommene Fotoserie, die nun neben weiteren aktuellen Arbeiten in Nürnberg zu sehen ist, heißt nicht etwa deshalb so, weil damit die Ursprünglichkeit der rohen Natur gegenüber der Hochglanzkultur markiert werden sollte. Sondern schlicht, weil sie im Auftrag eines Magazins dieses Titels entstand.

"Juergen Teller - Logisch!"

Termin: 10. Dezember bis 14. Februar 2010, Kunsthalle Nürnberg
http://www.kunsthalle.nuernberg.de/