Triptychon in der Moderne - Kunstmuseum Stuttgart

Die Altäre der Moderne

Ein bisschen Pathos muss sein: In der Kirche wird seit Jahrhunderten vor dreiteiligen Bildtafeln gebetet. Wie sehr das Triptychon die zeitgenössische Kunst beeinflusst, zeigt jetzt eine einzigartige Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart. Ein Gespräch mit Direktorin Marion Ackermann.

Als "Triptychon" bezeichnet die Kunstwissenschaft ein dreiteiliges Bild. Vom Bilderzyklus oder vom Bilderfries unterscheidet es sich dadurch, dass das Mittelstück in der Regel über die beiden Seitenteile dominiert. Die Geschichte des Triptychons reicht weit zurück: Gestalt und Funktion erhielt es als Altarbild mit festen oder aufklappbaren Seitenflügeln.

Seine herausgehobene Stellung im Kirchenraum verbunden mit dem christlichen Bildprogramm hat das Triptychon schon immer zum bildnerischen Sonderfall gemacht, mit dem sich Bedeutung, Spiritualität, Würde verbinden. Für diese inhaltliche Aufgeladenheit hat der Kunsthistoriker Klaus Lankheit (1913 bis 1992) 1959 den Begriff "Pathosformel" geprägt.

Dass Aufklärung und Moderne die Geschichte des Triptychons nicht zu Ende gebracht haben, ist bekannt. Die zentrale Rolle, die Triptychen in den Werken von modernen Klassikern wie Max Beckmann und Francis Bacon spielen, hat die Vitalität der Gattung schon lange belegt. Aber erst jetzt, in der großen Ausstellung des Kunstmuseums Stuttgart, wird vollends deutlich, wie attraktiv das alte Bildformat geblieben ist: Jonathan Meese, Ricarda Roggan, Antoni Tàpies, Franz Gertsch, Jürgen Klauke, Neo Rauch und Bjørn Melhus haben ebenso Triptychen geschaffen wie Robert Longo, Bill Viola oder Damien Hirst.

Um Otto Dix’ berühmtes "Großstadt"Triptychon aus der eigenen Samm­lung des Kunstmuseums herum gruppiert die Ausstellung über 50 Leihgaben. Nie zuvor ist es so anschaulich gewesen, wie sich beide, die gegenständliche wie die ungegenständliche Kunst des 20. Jahrhunderts, bei der Tradition bedient haben. Noch immer taugt das Triptychon zum Ausdruck großer Erschütterung, noch immer liegt seine Wirkung in der Überwältigung durch rätselhaft gesteigerte Zeichen. Über die Bedeutung des Triptychons heute und die Ausstellung sprach art-Autor Hans-Joachim Müller mit Marion Ackermann, noch Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. Im Herbst übernimmt die 43-jährige Kunsthistorikerin in Düsseldorf die Leitung der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen K 20, K 21.

Marion Ackermann über extreme Gefühle und Spiritualität

Frau Ackermann, seltsam, wir wollen über Kunst der Gegenwart reden und kreisen um einen Begriff, der in den Anfängen der Kunst wurzelt.

Marion Ackermann: Aber es gehört auch zur Geschichte der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts umso erstaunlicher, dass dies noch nie Gegenstand einer Ausstellung gewesen ist. Immer wieder haben Künstler auf dieses Bildformat zurückgegriffen, wenn es um große politische oder private Erschütterungen geht, um Ausnahmezustände, um existentielle Grenzsituationen. Sean Scully zum Beispiel hat ein Triptychon nach dem Tod seines Sohns gemalt; Bill Viola und Hermann Nitsch haben im Triptychon jeweils den Tod ihrer Mutter verarbeitet. Das Triptychon eignet sich noch immer zum Ausdruck extremer Gefühle. Aber es gibt auch andere Ansätze, eine abstrakte Tradition. Der Amerikaner Ellsworth Kelly erzählt, wie er zu seinen "shaped canvases" gelangt sei: über die Auseinandersetzung mit Matthias Grünewalds Isenheimer Altar. Ich glaube, dass Triptychen für Künstler immer ein Sonderformat dargestellt haben, das von den Entwicklungen der Kunst gleichsam ausgeklammert blieb.

Jedenfalls scheint das Triptychon alle Stürme der Moderne überlebt zu haben, und all die radikalen Ausstiege aus dem Bild haben es unbeschädigt gelassen, dass man meinen könnte, die Würdeformel, die in diesem Bildtyp steckt, sei gänzlich unberührbar. Vielleicht kann man es so sagen: Im Triptychon hat die Geschichte des Bildwunders noch immer Bestand.

Ja, denken wir an einen abstrakten Maler wie Yves Klein, für ihn war das Triptychon die ideale Formel für das Immaterielle. Oder Herman de Vries: Er sucht nach Zeichen für die Vollkommenheit und Spiritualität in der Natur und findet sie im Dreierformat, wo Ausschnitt und Geschlossenheit in perfekter Balance sind. Hinzu kommt, dass das Triptychon dem Betrachter eine sehr spezifische Rolle zuweist. Es lässt ihm nicht viele Möglichkeiten zur gedanklichen Auseinandersetzung, es ist ein ausgesprochen autoritäres Bildformat, das in seiner Komplexität auch Macht ausübt, dem Betrachter die untergeordnete Position zuweist.

"Das Triptychon ist eine Kunstform der Überwältigung"

Das Triptychon lebt von diesem eigentümlichen Surplus, dass da drei Bilder miteinander mehr zu sein beanspruchen als bloß drei Bilder nebeneinander.

Man kann kaum anders, als noch einmal von der Aura zu sprechen, selbst dann, wenn einem diese Erfahrung abhanden gekommen ist oder wenn man ihr skeptisch gegenübersteht. Es ist schon eine auratische Situation, wenn man vor einem Triptychon steht und gleichsam in den Raum gerät, der von dem Dreierformat markiert wird. Man merkt das auch beim Hängen: Die Triptychen beanspruchen ihren eigenen Raum, man kann nicht zwei Tryptychen nebeneinander hängen wie zwei Bilder an der Wand. Das Triptychon hat etwas Absolutes.

Viel mehr noch als das flache Bild an der Wand erinnert das Triptychon an den Blicksog, der vom Altarretabel im Chor der Kirche ausgeht. Man erlebt die Seitenbilder des Triptychons insgeheim als Seitenwände. Es ist wie das Betreten eines Bildraums. Weshalb selbst dann, wenn es sich um drei gleiche Formate handelt, das mittlere Bild seine Zentralstellung behält, während die seitlichen Bilder ihm zugeordnet scheinen. Das Mittelbild gibt die Stichworte vor, die die Bilder links und rechts aufnehmen.

Für den Kunsthistoriker Klaus Lankheit galt das noch als Ausschlusskriterium: Wenn keine Unterordnung feststell­bar sei, wenn die drei Tafeln gleichwertig scheinen, dann sei der Tatbestand des Triptychons nicht erfüllt. Das würde sich allerdings für das 20. Jahrhundert nicht mehr halten las­sen. Es gibt auch den Fall, dass drei fast identisch aussehende Bilder ohne Unterordnung der beiden äußeren nebeneinander gehängt werden und die Künstler auf der Kennzeichnung Triptychon beste­hen, weil sie sich explizit mit dieser Tradition auseinander gesetzt hätten. Das Triptychon ist immer auch eine Kunstform der Überwältigung, und die Verdreifachung des gleichen Motivs potenziert es noch einmal. Das sieht man bei zeitgenössischen Künstlern wie Bjørn Melhus oder bei Markus Lüpertz.

Beim Triptychon geht die Leserichtung nicht von links nach rechts, sondern von der Mitte aus.

Beim Diptychon geht der Blick immer hin und her, von einem Bild zum anderen, um letztlich an der Teilungsnaht hängen zu bleiben. Und genau das passiert beim Triptychon nicht. Dort haben wir das Mittelbild, das alles in sich bündelt. Andererseits gibt es auch Triptychen, die eine Szene oder szenische Entwicklung wie bei einer literarischen Gliederung in Prolog, Hauptteil und Epilog zerschneiden. Da hat man also schon eine vorgeschriebene Leserichtung.

Und dass die Seitenbilder tatsächlich noch einmal wie Altarflügel aufgeklappt werden, kommt auch das in der Galerie von Max Beckmann bis Jonathan Meese vor?

Selbst das haben wir in der Gegenwartskunst entdeckt. Bei Richard Artschwager etwa oder auch bei Dieter Roth, der immer wieder mit dem Aufklappen und Zuklappen experimentiert und veritable Reisealtärchen gebaut hat. Auch Joe Coleman hat mit einer Art Flügelaltar auf den Anschlag des 11. September reagiert.

Triptychen sind immer inhaltlich begründet, sie wollen noch einmal Bedeutung schaffen, leben von Sinn und Mehrsinn. Eine Kunst, die es auf inhaltliche Abrüstung des Bildes, auf seine Dekonstruktion abgesehen hat, kann mit einem solchen Bildformat schlechterdings nichts anfangen.

Das stimmt schon. Es geht noch einmal um die großen Themen, um Leben und Tod, um Überwältigung und Erschütterung. Spannend bleibt ja die Beobachtung, wie die Erschütterung mit ganz unterschiedlichen Mitteln erreicht wird oder eben nicht erreicht wird. Robert Longo zum Beispiel, der mit ganz reduzierten Mitteln, schwarzweiß, scherenschnittartig, das Trauma des 11. Septembers behandelt. Und auf der anderen Seite der DDR-Maler Willi Sitte, der mit unendlich pathetischer Geste versucht hat, während des Vietnamkriegs ein Protestbild fast nur aus Rottönen zu schaffen, dass es aussieht, als sei alles mit Blut übergossen. Ob eine solche Bildsprache noch funktioniert, das muss man in der Ausstellung überprüfen.

"Drei. Das Triptychon in der Moderne"

Termin: 7. Februar bis 14. Juni, Kunstmuseum Stutt­gart. Katalog: Hatje Cantz Verlag, zirka 39,80 Euro
http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/de/index2.php