Festivalsommer
Hamburg
ARTREMIX RELOADED
Babydoll meets Mixtape. Der schlanke Torso des Schaufenstermannequins krönt ein mit Stangen und Planen improvisiertes Tipi. Die bunte Trouvaillensammlung darunter verteilt sich über einen kleinen Platz auf dem Festivalgelände. Lichterketten romantisieren in der Dämmerung, was auf den ersten Blick wie ein imposantes Sperrmüllsammelsurium anmutet. Doch zwischen Elektroschrott und bunt besprühten Kunststoffschläuchen gibt es viele Entdeckungen zu machen: surreale Arrangements, humorvoll gruppierte Mini-Altäre aus Alltagsgegenständen. Erinnerungen werden wach – und Anfassen ist erlaubt.
Diese Installation des Hamburger Künstlers Max Frisinger befindet sich auf dem Gelände des "DockVille", eines jungen, alternativen Musikfestivals in Hamburg, auf dem dieses Jahr Deichkind, Tomte und The Ting Tings gespielt haben, aber auch vielversprechende Bands wie Those Dancing Days und Duné, die noch relativ unbekannt sind. Außer viel guter Musik gibt es auf dem "DockVille" auch ein umfangreiches Kunstprogramm. Dieses steht unter der Schirmherrschaft von Daniel Richter, die künstlerische Leitung haben Laura Haber und Dorothee Halbrock. Frisingers Installation ist dabei eines von sechs Kunstprojekten, die über das ganze Festivalgelände verteilt zu entdecken sind.
Zusammen mit sechs- bis elfjährigen Kindern hat Frisinger als Teil der kostenlosen Kunstfreizeit "LüttVille" eine Woche vor Beginn des dreitägigen Konzertmarathons mit dem Aufbau begonnen. Die Materialien, die der Kunststudent an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg zusammengetragen hat, stammen aus einer früheren Arbeit: "Altar" (2008), die im Frühjahr in der Kirche St. Katharinen in Hamburg zu sehen war. Mit dem Angebot zur Teilnahme an der Freizeit haben sich die Veranstalter vor allem an Kinder aus Wilhelmsburg gewendet. Das ist der Stadtteil im Süden Hamburgs, in dem die Besucher des alternativen Musik- und Kunstfestivals in diesem Jahr zum zweiten Mal ihre Zelte aufschlagen.
Man hat Angst, vor einer "zweiten Schanze"
Wilhelmsburg liegt relativ zentral: Vom Hauptbahnhof sind es nur acht Minuten mit der S-Bahn. Doch um von der Innenstadt in den Süden Hamburgs zu kommen, muss man die Elbe überqueren. Mit dem "großen Sprung über die Elbe" meint man in Hamburg aber mehr als nur einen Ausflug auf die südlich gelegene Elbinsel, deren größter Stadtteil das Arbeiterviertel Wilhelmsburg ist. Der "große Sprung über die Elbe" beschreibt die Bemühungen des Hamburger Senats, die beiden Teile südlich und nördlich der Elbe miteinander zu verbinden. Wilhelmsburg soll attraktiver werden. Es sollen mehr Studenten, Kreative und Familien mit festem Einkommen nach Wilhelmsburg kommen. Hamburg will in Zukunft durch Zuwanderung weiter wachsen, und das am liebsten im Zentrum statt an den Rändern der Stadt.
Auch die Eltern, sogar Großeltern mancher Teilnehmer der Kinderkunstfreizeit "LüttVille" wurden durch den freien Eintritt letztes Wochenende auf das Festivalgelände am Reiherstieg gelockt – das ist clever, denn unter den Anwohnern in Wilhelmsburg haben die Veranstalter um Enno Arndt wegen der hohen Lärmbelastung durch die Musik nicht nur Anhänger. Die vom Senat geplante Aufwertung des Hamburger Südens sehen viele alteingesessene Wilhelmsburger skeptisch. Man hat Angst, dass es "zu einer zweiten Schanze" aufgepäppelt werden soll. Die "Schanze" ist ein multikulturelles Szene-Viertel in Hamburg, das als Wohngebiet in den letzten Jahren so beliebt geworden ist, dass die Mieten deutlich noch oben geklettert sind. Vor diesem Prozess, unter Fachleuten "Gentrifizierung" genannt, bei dem Mietpreise steigen, weil alte Gebäude renoviert werden und es schick und angesagt wird, in ein bestimmtes Viertel zu ziehen, graut nun den Wilhelmsburgern. Sie befürchten, dass sie es sich bald nicht mehr leisten könnten, hier zu wohnen.

