Adam Szymczyk - Porträt

Leidenschaftlicher Denker für die Kunst

Adam Szymczyk hat die Kunsthalle Basel in seiner zehnjährigen Direktionszeit zu einem zentralen Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst gemacht. Er ist kein Mann großer Worte, sondern lässt die Kunst für sich sprechen. Jetzt beginnt er als künstlerischer Leiter die Vorbereitung der 14. documenta 2017.
Wer ist Szymczyk?:Porträt des Leiters der nächsten documenta

Adam Szymczyk bei der Vernissage der Ausstellung "Bettina Pousttchi – World Time Clock", Januar 2011

Als das Bass Museum in Miami Beach diesen Dezember dem polnischen Künstler Piotr Uklanski einen Großauftritt ermöglichte, war das ein merkwürdiges Déjà-vu.

Denn es mochten sich manche daran erinnern, dass Adam Szymczyk just mit diesem Künstler seine Zeit als Direktor der Kunsthalle Basel eröffnet hat. Als Uklanski im Sommer 2004 in Basel gezeigt wurde, war er noch kein bewährter Matador des Kunstbetriebs, sondern Szymczyk gab ihm mit der großen Ausstellung den entscheidenden Anschub für die Kanonisierung. Das hatte programmatischen Charakter und wies auf vieles voraus, was in der nachfolgenden Dekade in der Kunsthalle Basel geschah. Uklanski war längst kein Unbekannter mehr, aber er hatte hier seine erste große Retrospektive, die zeigte, welche Facetten in seinem Werk streckten. Und Szymczyk traute ihm zu, nicht nur einen Akzent fürs neue Direktorat, sondern auch für das Gebäude zu setzen. Denn die Kunsthalle war im Jahr zuvor in einer größeren Aktion von den Basler Architekten Miller & Maranta in ihren ursprünglichen Zustand rückgebaut worden. Viele spätere Zwischenwände wurden entfernt, die Räume erhielten eine neue Großzügigkeit, die von den Künstlern die Substanz und das Geschick erforderte, solche Flächen und Höhenmaße auch bespielen zu können.

Das sollte in der Zukunft nicht jedesmal gleich gut gelingen. Was jedoch stets spürbar blieb, war das Vertrauen des Direktors in die Künstler, die er einmal ausgewählt hatte. Adam Szymczyk redete nicht viel. Auf seinen Rundgängen für die Medien, bei den Eröffnungsvoten an Vernissagen beschränkte er sich auf das Wesentliche. Manchmal waren das die Titel der Werke und die Umstände ihrer Entstehung. Für ihn erklärten sich die Exponate weitgehend selbst. Sie hatten genügend Kraft, um die Neugierde und den Verstand der Besucher zu fesseln und zu einem Verständnis der Dinge zu führen. Niemand sollte bevormundet werden. Wenn er sich doch zu Erklärungen entschied, geschah das gerne in der Form des fiktiven Dialogs. Wenn Fragen ausblieben, formulierte Szymczyk seine Sätze als Antworten oder fragte selbst.

Das war mehr als eine hermeneutische Rhetorik gegenüber dem Unwissenden. Es trug dem eigenen Verständnis von Kunst Rechnung: Sie ist für diesen Vermittler stets das, was nicht exakt in Sprache zu übersetzen ist. Erst wenn sie verstört, wenn sie Sätze fordert und keine zulässt, die man kennt, beginnt sie Qualität anzunehmen. Werke, die weiterführen, die sich an der Realität reiben, an ihr verzweifeln, sie immer wieder neu in den Blick nehmen, lassen sich mit Sprache bestenfalls umkreisen. Das braucht Pausen, unfertige Sätze, Wortbruchstücke, Fragen, das Absinken in innere Monologe und das abrupte Auftauchen aus einer Überlegung. Wer das Glück und die Geduld hatte, mit diesem Kurator durch seine Ausstellungen zu gehen, erlebte neben der Kunst, die er gerade zeigte, seinen Umgang mit Kunst, die Faszination, den Respekt und die Ernsthaftigkeit, sich auf sie einzulassen. Wenn das nicht ausreichte, gab es die ausführlichen Einführungstexte.

Dass Adam Szymczyk seine Direktionszeit mit einem polnischen Künstler eröffnete, war erwartbar. War der 1970 in einen bildungsbürgerlichen Haushalt geborene Kunsthistoriker doch von Warschau nach Basel gekommen und hatte dort die längst bekannte Foksal Galerie mitbegründet und einige Jahre geleitet. Das polnische Kunstwunder, das bereits ein paar Jahre vor seinem Wechsel in die Schweiz internationale Aufmerksamkeit gefunden hatte, war wesentlich von dort ausgegangen. Szymczyk hatte mit der Foksal Foundation polnische Künstler bei der Liste, der ersten Alternativmesse der Art Basel, gezeigt. Dort war auch der Kunstverein Basel bei seiner Suche nach einem neuen Direktor auf ihn aufmerksam geworden. So brachte Szymczyk die junge Malerin Tomma Abts ebenso nach Basel wie Artur Zmijewski, dessen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Bereitschaft zu Gewalt manche Besucher während der Art Basel 2005 empörte.

Die Kunsthalle Basel wurde ein Tor nach Osteuropa. Doch Szymczyk wollte sich darauf nicht festlegen, er hat sein Programm schnell erweitert. Er zeigte Rosalind Nashashibi, eine 30-jährige Künstlerin aus einer palästinensisch-nordirischen Familie, Susann Hiller, SUPERLFEX und Christoph Büchel und machte deutlich, dass es ihm nicht um nationale Schaufenster, sondern um die Auswirkungen der Globalisierung ging. Kunst berührte sich mit den Natur-, den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, sie war ein Mittel, mit dem sich nationale Befindlichkeiten ebenso erkunden ließen wie die Auswirkung internationaler Tendenzen. Die im ehemaligen Jugoslawien geborene Aleksandra Domanovic fragte nach den Resten der Identität ihrer ehemaligen Heimat. Und der in Havanna geborene und seit 2010 in Barcelona lebende Künstler Adrian Melis setzte sich kürzlich mit der Situation von Arbeitern auseinander, die keine Arbeit haben, und nahm damit auf die aktuelle Situation in sowohl seiner Heimat wie seiner Gastheimat Bezug.

Aber Kunst war nicht nur Mittel zur Erforschung gesellschaftlicher Prozesse und halbwissenschaftlicher Tatbestände. Szymczyk hatte stets auch die Sprache der Kunst, ihre Möglichkeiten und ihre Geschichte im Blick. Die Tradition der Moderne mit ihrem internationalen Geltungsanspruch und der Minimalismus der sechziger und siebziger Jahre setzten Eckpunkte. Das hat in einem großen Panorama die 5. Berlin Biennale gezeigt, die er 2008 zusammen mit Elena Filipovic unter dem Titel "When Things Cast No Shadow" kuratiert hat. Damals bezog er Architekturen der Nachkriegsmoderne auf beiden Seiten der Mauer mit ein, am prominentesten Mies van der Rohes Nationalgalerie. Mit der Bespielung von Brachen im ehemaligen Todesstreifen machte er die Wunde der Stadt sichtbar und erprobte Kunst als ein Heilmittel, das neues Leben wecken konnte. In Basel stellte er weniger berücksichtigte Positionen vor, die ihm wichtig erschienen, etwa Skulpturen und Gedichte von Carl Andre, die seine scheinbar so unpersönlichen reduzierten Formen auf seine Erfahrungen bezogen, oder die Gemälde von Lee Lozano, die gerade wieder entdeckt wurde.
Die Tradition der Moderne kehrte aber auch weniger prinzipiell in einzelnen Positionen als Erbe wieder, das unsere Seherfahrung bestimmt und auf seine Tauglichkeit heute getestet werden sollte. So bezog sich der slowakische Künstler Jan Mancuska auf Marcel Duchamps berühmtes Gemälde "Akt, eine Treppe heruntersteigend", das die futuristische Simulation von Bewegung aufgreift, und zerlegte die filmischen Bilder einer nackten Frau, die eine Treppe heruntergeht, digital nach mathematischer Zufallslogik in ein Chaos von Impressionen, das die Wahrnehmungsfähigkeit des heutigen Betrachters überfordert und auf diese Weise vielleicht einen ähnlichen Effekt auslöst wie damals Duchamps Gemälde.

Mit seinem streng konzeptuell ausgerichteten Programm – er strebe mit Rimbaud und Walter Benjamin nach Illumination/Erleuchtung sagte er einem Journalisten – hatte Adam Szymczyk international großen Erfolg. Viele Künstlerinnen und Künstler, die er zeigte, starteten zu internationalen Karrieren durch. Danh Vo zählt ebenso dazu wie R. H. Quaytman. Tomma Abts erhielt nach ihrer Ausstellung in Basel den begehrten Turner Prize. Und bei der letzten documenta war von Thea Djordjadze bis Gustav Metzger gleich eine ganze Phalanx aus dem Basler Programm zu sehen. Da wusste einer über wichtige Themen und sensible Künstler sehr gut Bescheid. Nach den Ausstellungen in der Basler Kunsthalle konnte man seinen Kompass ausrichten. Dass das in Basel selbst und in der Schweiz nicht immer geschätzt wurde, darf nicht zu sehr verwundern. Der schweigsame, bisweilen kantige Kurator mochte die Bedeutung seiner Ausstellungen weniger selber kommunizieren, als dass er auf die Erkenntnisfähigkeit der Besucher setzte. Er selbst sieht seine Basler Zeit als Erfolg. Der Basler Zeitung sagte er: "Ich habe viel mehr realisieren können, als ich erhoffte … und konnte mehr oder weniger so weit gehen, wie ich wollte." Jetzt wechselt Szymczyk aus dem Basler Labor auf die große Bühne. Die 14. documenta wird 2017 den Besuchern spannende Herausforderungen bieten.

documenta 14

Kassel. 10. 6. bis 17. 9. 2017
http://d14.documenta.de/de/