Heldinnen - Madrid

Fitte Frauen, rasende Weiber

Von Degas bis Marina Abramovic: Das Bild der selbstbewussten Frau in der Kunst aus fünf Jahrhunderten. Das Museum Thyssen Bornemisza und die Fundación Caja Madrid zeigen heldenhafte Frauen.

Mit den starken jungen Frauen aus Sparta ist Edgar Degas zeit seines Lebens nicht fertig geworden. Gegen 1860 hielt er ein paar von ihnen auf einem Bild fest, das 20 Jahre später, nach mehrfacher Überarbeitung, im Katalog einer Ausstellung annonciert und doch nie gezeigt wurde. Als Degas 1917 starb, befand sich das ewig unvollendete Gemälde noch immer in seinem Atelier. Und nach wie vor gibt „Junge Spartaner beim Training“ Rätsel auf. Die herausfordernde Haltung der Frauengruppe gegenüber ihren männlichen Altersgenossen wirkt weiterhin erstaunlich. Vielleicht verarbeitete Degas eine antike Notiz, derzufolge auch Spartas junge Frauen zu Ringkämpfen aufgerufen waren. Eventuell ist das Bild aber auch ein ironischer Kommentar zum aufkommenden Feminismus im Paris des späten 19. Jahrhunderts.

Momentan firmieren Degas’ fitte Frauen sogar als "Heldinnen". Wenigstens spielen sie eine Schlüsselrolle in der Ausstellung "Heroínas" des Madrider Museums Thyssen-Bornemisza. Guillermo Solana, künstlerischer Direktor des Hauses, hat für diese Schau 121 Bilder aus knapp 500 Jahren Kunstgeschichte zusammengetragen und sie nach Motivgruppen wie "Frauen bei der Arbeit", "Mänaden", "Athletinnen", "Märtyrerinnen" oder "Mystikerinnen" organisiert. Dabei dominieren in den Sälen des Museums Aspekte physischer Stärke, während am zweiten Ausstellungsort, der Casa de las Alhajas, mentale Stärke im Mittelpunkt steht. „Ich wollte Werke jenseits der beiden Hauptstereotypen zeigen“, sagt Solana. "Die Frau sollte weder als Mutter noch als Lustobjekt dargestellt werden." Heimlicher Leitbegriff seiner Auswahl ist das weibliche "empowerment", die historisch wachsende (Selbst-)Ermächtigung der Frau.

Gemäß des Museumsprofils dominieren allerdings Werke aus Epochen, in denen es eine wirkliche Frauenbewegung nicht einmal ansatzweise gab. Das mindert kaum den Reiz der Schau. Denn oft sind gerade jene Werke am spannendsten, in denen die Hauptfigur eine traditionelle Rolle auf faszinierende Weise überschreitet. Das ist etwa bei der "Schnitterin" (1872) von William Adolphe Bouguereau der Fall, deren mächtige Sense wie ein Zeichen wirkt, dass aus dem braven Landfräulein schnell eine todbringende Amazone werden kann. Natürlich ist das Doppelspiel vonseiten der männ­lichen Maler meist bewusst inszeniert: Lawrence Alma-Tadema hat seine "erschöpften Mänaden" 1874 derart verführerisch aufs Lager gegossen, dass die rasenden Weiber damit zurückverwandelt sind in passive Lustobjekte. Solana konfrontiert die klassischeren Szenen in Öl regelmäßig mit ausgewählten zeitgenössischen Arbeiten etwa von Marina Abramovic´, Julia Fullerton-Batten oder Nancy Spero. Das erhöht abermals die Binnenspannung in den Sälen. Dabei hat ein Bild wie das von Degas’ "Jungen Spartanern" beileibe keine Stromzufuhr von außen nötig. Da gewittert es schon genug – wenn nicht zwischen den zwei kampfbereiten Geschlechtern, dann zwischen einer Handvoll von möglichen Lesarten.

Heldinnen

Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza und Fundación Caja Madrid
Bis 5. Juni, der Katalog zur Ausstellung kostet 48 Euro.

http://www.museothyssen.org/microsites/exposiciones/2011/heroinas/index_en