Murakami in Versailles - Paris

Der Wahnsinn hat Methode

Vor zwei Jahren öffnete Jean-Jaques Aillagon, der Präsident der Versailler Schloss-Museen, mit seiner Einladung an Jeff Koons sein Haus der Gegenwartskunst. Jetzt stellt der japanische Künstler Takashi Murakami seine bunten Manga-Skulpturen aus. art-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel hat sich den neuen Prunk im Prachtbau angesehen.

Es war einmal eine Zeit, da pilgerten Asiens Touristen ins gelobte Land Europa, um – selbst Abkömmlinge komplexer Hochkulturen – in Paris die musealen Bildungsruinen einer anderen Hochkultur, der unseren, zu studieren. Und nebenbei bei Louis Vuitton ein Ledertäschchen oder zwei zu erwerben.

Letzteres tun sie heute immer noch, aber Hochkultur ist nicht mehr ihr Thema. Das Erhabene ist geschrumpft zur trivialen Massenkost – der Louvre ist vor allem Schauplatz eines verqueren Mystiker-Krimis, der Impressionismus Kalenderkunst für die Küche und das Schloss von Versailles Bühne für Comics und Zeichentrickfilme.

Polemische Übertreibung? Der in Tokio und New York opulente Atelierfabriken mit über 100 Angestellten unterhaltende Künstler Takashi Murakami gesteht jedem, der es hören möchte, dass er das Versailler Schloss über die Comic-Serie "Versailles no Bara" kennenlernte, in welcher der Alltag der jungen Königin Marie-Antoinette aus der Perspektive einer als Mann verkleideten Leibwächterin erzählt wird. Diese Comic-Serie berief sich auf Marie-Antoinettes Biografie von Stephan Zweig, die Murakami kaum gelesen haben dürfte. Aber das tut weiter nichts zur Sache, wichtig ist nur, was ihm zu seiner Ausstellung im realen Versailles eingefallen ist: Nichts. Fast nichts, denn ein selbstironisches Selbstporträt als gekrönter Napoleon ragt heraus aus der ansonsten herrschenden rosigen Jungmädchen-Ästhetik.

Ästhetischer Nasdaq für Kindsköpfe und Milliardäre

22 seiner Skulpturen, angeführt vom Monster Kaikai und dem Teenie Kikii bespielen bis 12. Dezember mit breitem Grinsen und knallbunten Farbklecksen Venussaal, Spiegelgalerie und diverse Rezeptionssäle. Verschont bleiben nur die von Tragik durchwehten Schlafgemächer des letzten Königspaares. Und die Schamgrenze der royalistischen Versailles-Groupies, die auf dem Website www.versailles-mon-amour.fr vor zwei Jahren bereits wütend gegen die Spielzeugschau von Jeff Koons protestiert hatten: Alles sexuell Explizite fehlt leider – dabei ist das doch das Beste in Murakamis Werk, und es hätte über die sinnlose Schlacht der Formen hinausgewiesen. So ist die dekorative Debilität der Ausstellung derart, dass Flower Matango oder Traumlöwe in den Suchern der Handys und digitalen Taschenkameras der Touristen nicht einmal auffallen – neopoppiger Glitzerkitsch im Plastiklook, aber mit Goldplättchen, inmitten von Glitzerkitsch als Barockintarsie, aber mit Blattgold: Welcher von Disney-Märchen gehirngetrübte Besucher wird da noch einen Unterschied feststellen?

Vor zwei Jahren öffnete der Präsident der Versailler Schloss-Museen, der ehemalige Kulturminister Jean-Jaques Aillagon, mit seiner Einladung an Jeff Koons sein Haus der Gegenwartskunst. Nicht irgendeiner Kunst, sondern einer rein dekorativen, lediglich an ihrem Geldwert zu messenden Trivialskulptur, ästhetischem Nasdaq für Kindsköpfe und Milliardäre. Der Dialog mit vorhandenen Deckengemälden und Mobiliar wurde explizit nicht gesucht – es ging um das Event, um Prunk im Prachtbau, Millionen-Kunst im Haus des Sonnenkönigs. Mit Murakami sattelt Aillagon jetzt dem Superlativ Koons noch einen drauf, schafft sozusagen nach dem Skandal-Event einen Mega-Skandal-Event, nur dass dieser niemanden mehr aufregt. Der Wahnsinn hat nämlich Methode, es wird in der französischen Presse nicht einmal mehr beschrien, dass Aillagon schon wieder einen Lieblingskünstler seines ehemaligen Arbeitgebers François Pinault ausstellt. Die Ausstellung, vom umtriebigen Kurator Laurent Le Bon, der auch das neue Centre Pompidou in Metz leitet, eingerichtet, ist zutiefst zynisch, weil sie sich so beängstigend naiv gibt. Und sie schmeichelt dem neureichen asiatischen Touristenstrom, der Versailles, das schon vor 300 Jahren ein in Stein gehauenes Messeevent war, eine Kunstkirmes des Zeitgeists, bisher nur aus Comics und Fernsehen kannte. Und nach dem Besuch beim Sonnenkönig beruhigt im Bus zu den Champs-Elysées weiterfahren kann, um dort ein Handtäschchen von Louis Vuitton zu kaufen. Möglichst entworfen von Takashi Murakami.

"Murakami in Versailles"

Termin: bis 12. Dezember, Château de Versailles, Paris
http://www.chateauversailles.fr/news-/events/expositions/murakami-versailles-en