Le Corbusier - Martin-Gropius-Bau Berlin

Doppelgesicht der Moderne

Architekt, Stadtplaner, Künstler, Designer, Schriftsteller – eine große Schau würdigt mit Werken und Dokumenten aus dem Nachlass die Jahrhundertfigur Le Corbusier.
Doppelgesicht der Moderne:Le Corbusier im Berliner Martin-Gropius-Bau

Weissenhofsiedlung, Le Corbusier, 1927

Wer die Größe und das Scheitern der Moderne begreifen will, der sollte sich mit diesem hageren Schweizer beschäftigen, der nahezu im Alleingang eine neue Architektur entwickelte: Charles-Edouard Jeanneret (1887 bis 1965), der sich Le Corbusier nannte. Er befreite das Bauen von der steinernen Schwere früherer Jahrhunderte – frühe Meisterwerke wie das Doppelhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (1927) und die Villa Savoye (1931) bei Paris zeigen, wie durch den Einsatz Beton und Stahl eine ganz neue Liason von Funktionaliät und Eleganz entstand, und keiner hat die Möglichkeiten so früh so gründlich ausgeschöpft wie er.

Zugleich ist der Stadtplaner Le Corbusier geradezu zum Symbol für die Menschenfeindlichkeit moderner Lebensumstände geworden: Er definierte Wohnhäuser als "Maschinen zum Wohnen", und die 1943 in der "Charta von Athen" propagierte Entmischung der Stadt führte nach dem Krieg zu funktionalen, aber trostlosen Siedlungen, die den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich fragen ließen: "Machen nicht unsere Städte, wenn man nicht in ihnen zwischen Büro, Selbstbedienungsladen, Friseur und Wohnung funktioniert, sondern sie betrachtet, als spaziere man in der Fremde umher – machen sie dann nicht depressiv?"

Le Corbusier war immer überzeugt, dass all dies zum Wohl der Menschen geschehe – die engen, stinkenden, überfüllten Gassen und Hinterhöfe der alten Viertel sollten durch großzügige, proportional ausgewogene Anlagen ersetzt werden. Sein blinder Fleck war, wie bei anderen Protagonisten der Moderne auch, die Idee des "Neuen Menschen": Auch der sollte rationaler, funktionaler werden, unmoderne Bedürfnisse wie Gemütlichkeit hatten da keinen Platz.

Komplexität und Widersprüchlichkeit

Le Corbusier war Tatmensch und Missionar, unermüdlich mit der Ausbreitung seiner Ideen beschäftigt. Er wollte das alte Paris abreißen lassen, um es neu zu bauen, er verbündete sich mit Regimen aller Art, um Großprojekte realisieren zu können. Als Vorläufer der heutigen Stararchitekten plante er weltweit Projekte, in Moskau und Tunesien, in Rio de Janeiro und dem nordindischen Chandigarh, wo er ein ganzes Regierungsviertel in die Wüste setzte. Dabei war er niemals berechenbar; einen typischen Corbusier-Stil hat es nicht gegeben, der Architekt entwickelte sein Formenrepertoire ständig weiter, ließ sich von Picassos Malerei oder dem Autodesign ebenso anregen wie von mittelalterlichen Klöstern oder arabischen Lehmbauten.

Die Ausstellung, organisiert vom Vitra-Design-Museum, würdigt die Jahrhundertfigur in ihrer ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit: in originalen Modellen, Zeichnungen, Manuskripten, Gemälden, Skulpturen und Kleinobjekten aus der Pariser Fondation Le Corbusier.

"Le Corbusier"

Termin: 9. Juli bis 5. September, Martin-Gropius-Bau Berlin/Katalog: 79,90 Euro
http://www.gropiusbau.de

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