Francesco Vezzoli - Rom

Weinende Diven in Pornofilmen

Im ersten Teil seiner Retrospektive "The Trinity" in Rom kümmert sich der italienische Künstler Francesco Vezzoli um die großen Diven Hollywoods, um Sexualität und vor allem um sich selbst.

Die Projekte des italienischen Künstlers Francesco Vezzoli (42) sind schon sehr sonderbar. Er lässt Diven aus Hollywood gratis für sich arbeiten.

Sie helfen ihm bei der Konstruktion fiktiver Trailer mit komplizierten Beziehungsgeflechten und übernehmen manchmal sogar Rollen, bei denen sie ihre Faszination einbüßen, wie Sharon Stone als US-Präsidentschaftskandidatin im Video "Democrazy" (2007).

Vezzoli höhlt das Starsystem aus, holt die Primadonnen herüber in die Kunst, rettet sie vor dem Vergessen und sonnt sich gleichzeitig in ihrem Glanz. Vielleicht ist sein größtes Werk sein Adressbuch und wie er davon Gebrauch macht. Stars kann man nicht mit Geld zwingen. Er hat den französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy, Roman Polanski, Helen Mirren, Cate Blanchett und Natalie Portman überzeugt, vor der Kamera eine besondere Situation herzustellen, sich von ihm in ein Kunstwerk verwandeln zu lassen. Er druckte seine Heldinnen aus dem Showbusiness auf Stickgewebe und applizierte Pailletten, glitzernde Steine, metallische Fäden. Er lässt sie weinen. Viele Tränen gibt es in Vezzolis Werk: Romy Schneider weint smaragdgrün, Greta Garbo ganze blutrote Kaskaden. Ihn fasziniert die perfekt inszenierte Außendarstellung der Diven und die Tiefpunkte und Abstürze dahinter.

Man weiß nie genau, woran man bei ihm ist. Er ist dauernd damit beschäftigt, Identitäten auszuloten, auch seine eigene. Auf den 1971 im norditalienischen Brescia geborenen Francesco Vezzoli wurde die Kunstwelt zum ersten Mal aufmerksam, als er 2005 auf der Biennale in Venedig den fiktiven Trailer "Caligula", eine Softporno-Satire, zeigte. Warum Vezzoli nie versucht hat, als Filmregisseur groß rauszukommen, bleibt sein Geheimnis.

In Rom ist jetzt der erste Teil seiner unter dem Titel "The Trinity" geplanten Retrospektive zu sehen. Sie setzt ein mit großen Stickbildern nach Bauhaus-Motiven aus den frühen neunziger Jahren, als Vezzoli am Central Saint Martins College in London studierte, und zeigt insgesamt 90 Werke aus seiner Traumfabrik: Performance, Fotos, Installationen und Videos, wie das phantastische "Ballets Russes Italian Style" mit Lady Gaga aus dem Jahr 2009, die "Trilogia della Morte", die erstmals 2004 in der Prada-Stiftung gezeigt wurde und zu der auch die Aufnahmen einer fiktiven Fernsehshow "Comizi di Non Amore" gehören, für die Vezzoli Catherine Deneuve gewann. Pier Paolo Pasolini hatte 1964 den Dokumentarfilm "Comizi d’Amore" gedreht, für den er in ganz Italien Menschen über Liebe und Sexualität befragte. Auf Pasolini kommt Vezzoli häufig zurück, ohne allerdings dessen sozialkritisch scharfen Ton zu übernehmen. Für seine Installation "120 Sedute di Sodoma", aus 120 sehr eng gestellten schwarzen Stühlen mit hohen Lehnen, hat er die Sitzflächen mit Gesichtern der Protagonisten aus Pasolinis letztem Film "Salò, oder die 120 Tage von Sodom" (1975) bestickt.

Schwerpunkt der Ausstellung im MAXXI sind die Selbstporträts des Künstlers. Immer wieder inszeniert er sich neu, seit 2010 auch in weißem Carrara-Marmor, als Römer in Toga, als Satyr. Er hat eine beschädigte antike Büste aus dem 2. Jahrhundert nach Christus gekauft, die den Kaiser Hadrian zeigt, und sein eigenes Marmorporträt nah danebengestellt. Der Blick des Kaisers ist auf ihn gerichtet. Vezzoli stellt sich als der Jüngling Antinoo dar, in den der Kaiser verliebt war. Hadrian, der seine homoerotischen Vorlieben ganz offen gelebt hatte, ernannte Antinoo nach dessen Tod zum Gott und ließ für ihn im ganzen Reich Tempel errichten. Die Römer wussten bereits, wie man eine Publicity-Maschinerie in Gang setzt. Abbilder des jungen, attraktiven Antinoos wurden tausendfach reproduziert.

Es ist, als sei Vezzoli ins Land der Väter zurückgekehrt: "Auch in einer globalisierten Welt schuldet man etwas den Geistern der eigenen Geschichte", sagt er, "meine Retrospektive könnte auch den Titel 'Von Brescia nach Hollywood und zurück' tragen." Doch mit den Diven wird er nicht mehr arbeiten. Warum? "Mir klopft nicht mehr das Herz, wenn ich sie treffe." Das Leben der Diven ist viel öffentlicher geworden, als es noch in den sechziger Jahren war. Dadurch erscheinen sie immer weniger "göttlich". Für Vezzoli beginnt jetzt die "Post-Celebrities-Phase".

Er hat im scharfen Kontrast zum futuristischen Zaha-Hadid-Bau des MAXXI seine eigene, plüschige "Galleria Vezzoli" eingerichtet, mit Samtsofas und Vorhängen. In großem Bogen dem geschwungenen Raum folgend, tänzelt eine lange Reihe von über zwei Meter hohen weiblichen Figuren mit geschlossenen Augen voran. Es sind Kunstharzkopien einer Marmorfigur des klassizistischen Bildhauers Antonio Canova, Darstellung der Hebe, Göttin der Jugend, die im Olymp Nektar ausschenkte und jetzt hier im MAXXI topless und mit über der Taille verknotetem Gewand gerahmte Flachbildschirme mit Vezzolis Videos vor sich herträgt. Der orgiastische Schrei "Caligulaaaa!" hallt durch die Ausstellungsräume.

Feingliedrig, locker, ohne Allüren und mit Sneakers von der gleichen Farbe wie der himbeerrote Teppichboden auf den er als Muster seine Initialen hat drucken lassen, beantwortet er bereitwillig auch die übliche Frage: Wie ist er bloß an all die Berühmtheiten rangekommen? "Es war wahnsinnig anstrengend", sagt er, "aber auch diese ständige Präsenz, die das Kunstsystem heute vom Künstler verlangt, geht über meine Kräfte. In den achtziger Jahren träumte ich davon, ein berühmter Künstler zu werden. Jetzt wäre ich am liebsten unsichtbar."

"In Deutschland kommen Sie nicht so gut an." "Ja", sagt er, "das stimmt. Ich habe dort im Vergleich zu anderen Ländern weniger Ausstellungen und weniger Sammler. Vielleicht mögen die Deutschen meine Ironie nicht. Oder die gewisse Leichtigkeit, mit Problemen umzugehen. Ich respektiere das natürlich. Deutschland ist das Land von Bertolt Brecht, und ich komme aus dem Land von Verdi und D’Annunzio." Hat er nie mit Klaus Biesenbach darüber gesprochen? "Nein, nie. Klaus ist ja auch kein deutscher, sondern ein internationaler Kurator."

Biesenbach sieht auch, dass die Deutschen wenig Sinn für Vezzolis Kunst haben. "Ich weiß nicht warum", sagt er, "aber es ist so". Die MoMA- Kuratorin Jenny Schlenzka aber hat eine Erklärung dafür: "Den Deutschen fehlt der Humor. Sie haben auch keinen Sinn für Glamour, das sieht man schon daran, dass sie Katja Riemann für einen Star halten."

Die Idee für das Projekt "The Trinity", die große dreiteilige Retrospektive Vezzolis, hatte Klaus Biesenbach. "Für den zweiten Teil werden wir eine kleine, aufgegebene Kirche in Süditalien abbauen und dann hier im Hof des MoMA wieder zusammensetzen. Darin zeigen wir dann im Herbst Vezzolis Arbeiten zum Thema Religion." Vezzoli überlegt, ob er vielleicht seine Mutter, mit der er schon einmal eine "Pietà" dargestellt hat, mitausstellen soll. Im Winter werden dann in Los Angeles im ältesten, aus den zwanziger Jahren stammenden Kino der Stadt Vezzolis Filme gezeigt. "Das Ganze soll wie ein medialer Event funktionieren, durch den ein neuer Film lanciert wird, dessen Uraufführung soeben in Rom stattgefunden hat." Vogue-Chefin Franca Sozzani zeigt bereits auf dem Cover der Juni-Ausgabe von L’Uomo Vogue das Velazquez-Gemälde von Papst Innozenz X mit den Gesichtszügen Vezzolis. Vezzoli selbst stellt sich in einer seiner jüngsten Arbeiten, einer marmornen Büste, als Sonnengott Helios mit einer siebenstrahligen Glorie dar.

Giovanna Melandri, ehemalige Kulturministerin und seit Oktober 2012 als Präsidentin des MAXXI beauftragt, einen harten Sparkurs einzuhalten, kann die Ausstellung Vezzolis schon jetzt als großen Erfolg verbuchen. Allein ihr Fundraising-Dinner, zu dem zahlreiche Vertreter der italienischen Mode-Dynastien neben weltweit agierenden Kunstkritikern und Museumsdirektoren wie Jeffrey Deitch (MOCA) und Klaus Biesenbach (MoMA PS1) angereist waren, brachte über 400 000 Euro ein.

Francesco Vezzoli: The Trinity

"Galleria Vezzoli", MAXXI, Rom, bis 24.11.2013, Kuratorin Anna Mattirolo, Katalog Electa, 40 Euro

"The Church of Vezzoli", MoMA PS1, New York, Herbst 2013, Kurator Klaus Biesenbach

"Cinema Vezzoli", MOCA, Los Angeles, Winter 2013, Kuratorin Alma Ruiz
http://www.fondazionemaxxi.it/2013/02/25/galleria-vezzoli/?lang=en

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