Lucas Samaras - New York

Geisterstunde

Lucas Samaras bat die New Yorker Kunstwelt für Portraitaufnahmen in sein Atelier und spielte mit seinen Modellen ein teuflisches Spiel: Kollegen wie Cindy Sherman, Jasper Johns oder Chuck Close zeigten keine Eitelkeit. Die Pace Gallery lädt mit Samaras neuer Serie "Poses" zur Geisterstunde ein.

Für lange Zeit war sich Lucas Samaras selbst genug, so dass sich seine Arbeiten in erster Linie um die eigene Person drehten. Der 74-jährige konstruierte Installationen, in die Elemente aus seinem Leben einflossen. Er führte mit sich selbst Interviews und fotografierte sich. Die Ergebnisse der fotografischen Studien waren deformierte Porträts, wundersame Collagen und manipulierte Polaroids, auf denen er sein Selbstbild verunstaltete.

Daher wundert es nicht weiter, dass Samaras auch mit seinen zum Teil prominenten Modellen aus der New Yorker Kunstwelt, die er für seine neue Serie "Poses" mit der digitalen Leica fotografierte, sein Unwesen trieb. Wenige von ihnen wie die attraktive Direktorin der Pace Gallery Nicola Vassell, die er in ein sanftes Licht setzte, kamen gut davon. Die meisten anderen durften keine Eitelkeit zeigen und wurden wie zur Geisterstunde mit Lichteffekten entstellt. Besonders mit Kollegin Cindy Sherman, Jasper Johns und Sandra Brant, die Lebensgefährtin der jahrelangen "Interview"-Magazin-Chefredakteurin Ingrid Sischy, spielte Samaras sein teuflisches Spiel. Seine Modelle, zu denen Freunde wie Chuck Close, der Maler Alex Katz, der Direktor des Museums of Modern Art, Glenn Lowry, der Musiker David Byrne, die frühere MoMA-Direktorin Agnes Gund und der Sammler Leonard Lauder zählen, nahm er gern unvorteilhaft von unten auf. Die Bilder sind skurrile Anti-Porträts, mit denen nicht wie in der Porträtfotografie üblich der Mensch idealisiert oder eine Persönlichkeit eingefangen werden soll, sondern groteske Facetten herausgefiltert werden. Das Porträtfoto dient bei Samaras als Bühne. Anstatt die Modelle in ein vorteilhaftes Licht zu rücken, bringt der Künstler Seiten zum Vorschein, die sonst lieber im Verborgenen bleiben.

Kommerziell war Samaras nie besonders erfolgreich. Unter Künstlern gilt er als Legende: ein Exzentriker, der stets allein für sich arbeitet, der Bewegungen und Trends in der Kunst sein Leben lang ignoriert hat, stattdessen ständig mit neuen Ansätzen überrascht und sich erfolgreich weigert, in irgendeine Schublade zu passen. Entweder man sei der Erste oder der Beste, beschrieb er sein Arbeitsprinzip in einem Interview. Bei seinen Experimenten mit Polaroids in "Photo-Transformations" (1973-76) arbeitete der Künstler mit Tricks und Effekten, die später dank Photoshop am Computer möglich wurden. Als das Programm auf den Markt kam, arbeitete er mit Vorliebe damit. Ohne sein Atelier in einem Hochhaus in Midtown Manhattan zu verlassen.

"Es ist seine Art, mehr über ihre Gesichter zu lernen und ihnen vielleicht sogar näher zu kommen"

Lucas Samaras wurde 1936 in Griechenland geboren. 1948 wanderte er mit seiner Familie in die USA aus. Er studierte mit einem Stipendium an der Rutgers University in New York, wo er George Segal und Allan Kaprow traf, an dessen Happenings er teilnahm. Für kurze Zeit studierte er Kunstgeschichte an der Columbia University und kam mit Künstlern wie Claes Oldenburg und Jim Dine in Kontakt. Sein Interesse an Performances führte dazu, dass er Schauspiel bei Stella Adler studierte. Bevor er sich der Fotografie widmete, arbeitete Samaras als Maler, Bildhauer und machte Performance Art. In seinen Installationen wie "The Mirrored Room" von 1966 verarbeitete er Glas, Spiegel, Aluminiumfolie oder Bindfäden, oder er setzte sich an die Nähmaschine und schneiderte Stofffetzen zu Flickenbildern zusammen. Das Whitney Museum widmete dem eigenwilligen Künstler 1972 eine Retrospektive. Die nächste große Ausstellung erfolgte 1988 und zog vom Denver Art Museum aus durch das Land.

Hinter seinem jüngsten Projekt "Poses" verbergen sich nicht nur künstlerische Ideen, sondern auch persönliche Bedürfnisse. Samaras lebt weitgehend ohne Kontakt zu Außenwelt. Anderen Menschen begegnet er in manchen Zeiten nur im Fernsehen. Doch irgendwann stellte er fest, dass "Köpfe oder Gesichter von Menschen wichtig sind". Auch wenn man sie für zehn oder 20 Jahre zurückgewiesen hat, so Samaras. Also ließ er die Menschen zu sich in sein Studio kommen, wo er sie nach seinen Vorstellungen ablichtete und ihre Bilder schließlich über Stunden und Tage am Computer bearbeitete. Es ist seine Art, mehr über ihre Gesichter zu lernen und ihnen vielleicht sogar näher zu kommen.

"Poses"

Termin: 9. November bis 24. Dezember 2010, The Pace Gallery – 534 West 25th Street, New York
http://www.thepacegallery.com/