Eva Hesse - Hamburg

Fäden des Lebens

Als Kind floh sie mit ihrer jüdischen Familie aus Deutschland. Karriere machte die Bildhauerin Eva Hesse (1936 bis 1970) in den USA. Nun ehrt ihre Geburtsstadt Hamburg sie mit der vielleicht letzten Retrospektive.

Von ihrem Bett im Memorial Hospital in New York aus sieht sie, dass ihr Mädchentraum, berühmt zu werden, in Erfüllung gegangen ist.

Sie hat, bevor sie die Welt verlassen muss, die Sterne berührt. Gegenüber an der Wand des Krankenzimmers, in dem sie seit Wochen liegt, hängt das Titelbild von "Artforum", dem wichtigsten Kunstmagazin der USA, Leitmedium für Maler, Bildhauer, Galeristen, Museumsdirektoren, Sammler. Eva Hesse wird darin nicht nur gelobt und als aufregendes Talent gefeiert – sie ist die Titelheldin. Ihre Skulptur "Contingent" ist in der Mai-Ausgabe des Jahres 1970 auf dem Cover abgebildet.

"Contingent" kann so viel bedeuten wie zufällig oder unvorhergesehen oder ungewiss. Das Wort kann aber auch einfach nur Aufgebot heißen. Sie bot einiges an Material auf, als sie nach vielen Konstruktionsskizzen mit der Arbeit begann: Fiberglas, Polyesterharz, Latex, grobe Baumwolle und feinporiges Leinen. Es war zum ersten Mal ausgestellt worden im Finch College Museum, und es hatte da einen ganzen Raum gefüllt. Besser gesagt: erfüllt. Acht von der Decke hängende Leinenfahnen unterschied­licher Länge, wie auf dem Cover von "Artforum" zu sehen ist. Jede der acht Bahnen sage etwas aus, erklärte sie im Interview, aber was alle zusammen aussagten, wisse
sie nicht. Sie hatte aber das Gefühl, dass "Contingent" ihre bislang bedeutends­te Arbeit war.

Was man auf dem Cover aber nicht erkennen kann, ist die eigentliche Faszination, die bei Licht, egal, wie stark, wie schwach es ist, aufstrahlende geheimnisvolle Leuchtkraft von "Contingent", die den Raum erfüllt, in dem es hängt. Jeder Lichtstrahl spiegelt sich in dem durchsichtigen Poly-esterharz, mit dem die Tücher überzogen sind. Das Kunstwerk lebt, weil es sich bei jedem Luftzug, bei jedem Lichteinfall zu verändern scheint. Und deshalb hat wohl jeder Besucher etwas anderes gesehen in dem, was konkret sichtbar war – den hängenden, schwebenden, glitzernden Fahnen.

Die Skulptur ist ein herausragendes Beispiel jenes zarten, schwebenden Minimalismus, mit dem Hesses Kunst bis heute bezaubert. Vier Jahre nach Eva Hesses Tod wurde die Arbeit in Australien gezeigt. Da der Rücktransport nach New York teurer gewesen wäre als ein Ankauf, haben sie sie dort behalten für ein paar Tausend Dollar. Der heutige Wert von "Contingent" könnte zwischen sechs und neun Millionen Dollar liegen.

Ihre ältere Schwester Helen hatte das "Artforum" mitgebracht ins Krankenzimmer, das Cover an die Wand geheftet, damit sie es immer gleich auf den ersten Blick sehen kann, wenn sie mal wieder aus ihrem Dämmerzustand erwacht. Eva habe sich halb aufgerichtet in ihrem Bett, erinnerte sich Helen, auf das Bild an der Wand gezeigt und gesagt: "That’s me." Das bin ich.

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Über den AutorMichael Jürgs, Ex-Chefredakteur von "Stern" und "Tempo" , Autor vieler Biografien (z. B. über Romy Schneider) und Sachbücher (z. B. über Alzheimer), stieß vor einigen Jahren in einem Suhrkamp-Sammelband auf ein paar Zeilen über die deutsch-jüdische Künstlerin Eva Hesse. "Da stand der Schlüsselsatz, nach dessen Lektüre ich zu recherchieren begann: Die Familie Hesse war von den Nazis aus Hamburg vertrieben worden –und wie ich herausfand, aus der Straße, in der ich heute wohne. Eva war kaum drei Jahre alt, als sie 1938 ihre Geburtsstadt verlassen musste – und in die wollte ich sie wieder zurückholen." Jürgs sprach mit Hesses Ehemann, mit ihrer Schwester, mit Freunden, mit Künstlern. Sein Buch "Eine berührbare Frau" erschien 2007, für art erzählt er die Geschichte der Künstlerin, die nun in der Hamburger Kunsthalle geehrt wird. dpa

EVA HESSE. One More than One

Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart
29. November 2013 bis 2. März 2014

http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/gego-eva-hesse.html

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