Juan A. Gaitán - Berlin Biennale

Biennale für Völkerkunde

Die Berlin-Biennale erzählt Geschichten von Menschen, Dingen und Kulturen neu. art sprach mit dem Kurator Juan A. Gaitán über sein Konzept.
Jetzt geht`s los:Interview mit Juan A. Gaitán

Kurator Juan A. Gaitán

Herr Gaitán, die Berlin-Biennale hat sich bisher stark mit den Leerstellen der Stadt und ihrer Rolle zwischen Ost und West beschäftigt. Sie machen nun das Gegenteil und gehen in die alteingesessenen Museen im Westberliner Stadtteil Dahlem. Warum?

Erstens wollte ich etwas über Berlin sagen, das den bekannten Dialog nicht einfach fortsetzt.

Zweitens fand ich die Museen in Dahlem schon immer einen spannenden Ort, an den aber niemand geht. Dann hörte ich, dass die Stadt die ethnografischen Sammlungen in wenigen Jahren von dort ins Stadtzentrum verlagern will – wie so viele Metropolen, die ihre Museen alle in einer Gegend konzentrieren. Aber warum, wenn doch auch Menschen in Dahlem leben? Es war also eine intuitive Entscheidung, auch einen anderen Teil der Stadt zu zeigen.

Wie haben die Künstler auf dieses Konzept reagiert?

Die meisten fanden es gut, obwohl der Dahlemer Museumsbau nicht für zeitgenössische Kunst geeignet ist. Einige Berliner Künstler fühlten sich an den Palast der Republik erinnert, in dem vor seinem Abriss ebenfalls Ausstellungen stattfanden – nun entsteht genau dort das Humboldt-Forum. Ich finde es interessant, dass eine Regierung im 21. Jahrhundert Gründe für die Replik eines Barockpalasts findet – also einer imperialistischen Architektur – und dort ethnografische Objekte ausstellt. Doch es ist ein globales Phänomen, von funktionaler auf bildbasierte Architektur zurückzugreifen. Berlin ist daher ein guter Ausgangspunkt, um auf die Rekonstruktion historischer Narrative zu verweisen. Ich habe also Künstler ausgesucht, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen.

Sieht die Biennale dann nicht selbst aus wie ein Museum?

Nicht unbedingt. Manche Künstler wie beispielsweise Mathieu Kleyebe Abonnenc beschäftigen sich damit, wie die Aufklärung unsere kulturelle Identität heute prägt, und untersuchen ethnografische Objekte oder den Humanismus allgemein daraufhin. Wieder andere, wie Anri Sala, Tacita Dean oder Wolfgang Tillmans, beschäftigen sich mit der Phänomenologie des Bilds, interessieren sich für die Mechanik, wie ein Bild entsteht. Die gesamte Biennale ist also als Dialog um die Idee von Kultur arrangiert.

Wie ist der Dialog zwischen junger Kunst und den Artefakten in Dahlem zu verstehen?

Es gibt keinen direkten Austausch mit der Sammlung. Aus einem einfachen Grund: Beim Betrachten von Kunst entsteht ein kritisches Bewusstsein. Bei ethnografischen Artefakten ist die Beziehung eine völlig andere – man erwartet, dass sie etwas über eine abwesende Kultur erzählen. Deshalb gibt es eine Reihe temporärer Ausstellungs-
räume innerhalb des Hauses. Es ist wie ein viertes, fragmentier-tes Museum, das wir den anderen hinzufügen.

Welchen Beitrag leisten die Künstler hier?

Ich bin nicht sicher. Aber die Betrachtung zeitgenössischer Kunst fühlt sich an wie ein philosophischer Essay oder wie der Blick durch die Augen des Künstlers. Das geht bei einem ethnografischen Objekt nicht. Das ist der eine Dialog. Der andere dreht sich um die Displays aus den verschiedenen Jahrzehnten, auf denen die Objekte platziert sind. Das Publikum wird also bei seinem Weg durchs Museum angeregt, ein historisches Bewusstsein für Präsentationsmodi zu entwickeln. So trägt nicht nur die Kunst zu einem Museum für Völkerkunde bei, sondern das Museum verweist auch auf die Räume, in denen wir zeitgenössische Kunst sehen. Sie sind nicht neutral, sondern gekoppelt an das Museum als Erfindung. Natürlich konnten nicht alle Künstler mit Dahlem etwas anfangen. Im Haus am Waldsee etwa stellen wir einen Bezug des Hauses zur romantischen Umgebung her. Und in den KW Institute for Contemporary Art geht es um Objekte als Bilder, also mehr um die Werke selbst.

Welche Medien sind denn vor allem vertreten?

Viele verschiedene ... Die meisten Arbeiten wirken offen und prozesshaft statt abgeschlossen und monumental. Fast alle Werke der rund 50 Künstler sind Neuproduktionen. Malerei kommt gar nicht vor – sie hat eine sehr starke Präsenz, weshalb ich keine fand, die ins Konzept gepasst hätte.

Anders als bei ihren Vorläufern kommt rund die Hälfte der Künstler dieser Biennale aus dem nichteuropäischen Ausland. Manche waren noch nie in Berlin. Fehlt ihnen nicht der konkrete Bezug zur Stadt?

Der ist nicht relevant. In den Neunzigern war es wichtig, die Künstler mit der Stadt spielen zu lassen. Doch heute leben wir in einer anderen Welt, die Berlin-Biennale ist internationaler geworden, und das bringt natürlich auch andere Themen mit sich.

Wie zum Beispiel postkoloniale Studien, Archiv, Recherche, Display und Aufklärung – die tauchen momentan sehr häufig in der zeitgenössischen Kunst auf. Warum ist das 19. Jahrhundert mit seiner immensen Wissensproduktion so spannend?

Dafür gibt es viele Gründe. Wir leben heute ganz selbstverständlich mit den Verdiensten der Aufklärung und des Wohlfahrtsstaats, der damals in Deutschland entwickelt wurde. Aber wir könnten humanistisch viel weiter sein – das 21. Jahrhundert ist ziemlich soziopathisch: Das Konzept vom Wohlfahrtsstaat wird inzwischen weltweit wieder Stück für Stück demontiert. Interessant ist auch, dass es in Lateinamerika ein großes Bewusstsein für Humboldt gibt – für Alexander, nicht für seinen Bruder Wilhelm, den die Deutschen mit dem Namen verbinden. Alexander zeichnete einen Querschnitt durch die Erdkugel; das war ein wichtiger Moment für Lateinamerika, viele Institutionen sind nach ihm benannt. Die meisten wissenschaftlich orientierten Repräsentationen der Welt wurden von Humboldt gemacht, und das interessiert viele Künstler.

Auf Ihrer Webseite sprechen Sie das Thema Arbeit an – klar, Das Kapital stammt ja auch aus dem 19. Jahrhundert.

Ja, viele Städte, darunter Berlin, haben sich in drei Schritten entwickelt: als Markt, als Industrie und als immaterielle Arbeit. Der große Wandel im 20. Jahrhundert war das Verschwinden des Bildes von Arbeit. Die Fa-briken zogen an den Stadtrand, unsere Reali-tät basiert auf Glasbauten und Computern. Ich möchte auf Arbeit als nicht darstellbares Bild verweisen. Die Künstler versuchen, dazu Bilder zu liefern, indem sie ihre Arbeiten nicht als Konklusion verstehen, sondern als Prozess.

8. Berlin Biennale

Bis 3. August, KW Institute for Contemporary Art, Museen Dahlem, Haus am Waldsee, Berlin
Berlin Biennale target=">http://www.berlinbiennale.de/