Reflection & Imagination - Online-Biennale

Die Zweifel kommen schnell

Die erste Biennale zeitgenössischer Kunst, die ausschließlich im Netz stattfindet, will viel und löst nicht alles ein – trotz großer Namen.

Natürlich klingt das alles viel zu einfach: Computer an, und zack ist man da. Keine Anreise, kein Gedrängel, das Styling vorweg ist auch überflüssig.

Schnell noch einen Tee aufgebrüht, ein paar Klicks, schon hat man die heißesten Künstler der Saison auf dem Schirm – genau wie die Biennale-Besucher in Kuala Lumpur, Moskau oder Berchtesgaden.

29 hochrenommierte Kuratoren aus allen Teilen der Welt – darunter Nancy Spector vom New Yorker Guggenheim Museum, Hans-Ulrich Obrist von der Londoner Serpentine Gallery oder Daniel Birnbaum vom Stockholmer Moderna Museet – haben unter dem etwas beliebig klingenden Titel "Reflection & Imagination" eine Ausstellung mit ihren 174 Favoriten zusammengestellt. Künstlerischer Leiter der "BiennaleOnline" ist der frühere documenta-Chef und langjährige belgische Museumsdirektor Jan Hoet. Eintritt wird nicht erhoben, die Schau ist zu jeder Tages- und Nachtzeit geöffnet. Wahnsinn, oder?

Schön ist ja auch, dass man sich bei einer Biennale, die ausschließlich im Internet stattfindet, nicht blamieren kann. Kein Mensch beobachtet, wenn man einen Wasserfleck an der Wand irrtümlich für eine prägnante Setzung hält oder einem diskursträchtigen Video nicht die gebührende Aufmerksamkeit widmet, weil man es langweilig findet. Hier geht’s allein um die Kunst – denkt man, bis einem Zweifel kommen. Worum genau ging es bei Kunst noch mal? Aura? Sinnlichkeit? Überwältigung? Sind der exakte Farbzusammenklang eines Gemäldes, die Oberflächentextur einer Skulptur, die Raumwirkung und also das, was die meisten Kunstwerke ausmacht, neuerdings völlig wurscht? Und was war noch gleich das Entscheidende bei klug kuratierten Ausstellungen? Erkenntnisgewinn durch die erhellende Kombination einander ergänzender (oder widersprüchlicher) Werke? Eine Umgebung zu schaffen, in der die Kunst möglichst gut zur Geltung kommt?

7Der polnische Künstler Robert Kusmirowski, bekannt für seine hochsuggestiven Rauminstallationen, hat die Curve Gallery im Londoner Barbican Center in einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg umgebaut, in dem es neben mysteriösen Räumen auch Gleise gibt, die in einem düsteren Tunnel verschwinden. "Diese extrem atmosphärische Installation versetzt die Betrachter in eine andere Realität", heißt es auf der entsprechenden Biennale-Seite, die das Werk anhand von Fotos illustriert – das ist weit weniger, als ein Kunstmagazin leisten kann, in dem sich die Atmosphäre immerhin beschreiben lässt. Die Betrachtung vor Ort ersetzt es jedenfalls in keiner Weise. Genauso wenig, wie sich die oft tagelang andauernden Performances des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson anhand von einzelnen Fotografien erleben lassen. Aber im Grunde gilt das für nahezu alle künstlerischen Hervorbringungen, die nicht eigens für den Bildschirm konzipiert wurden.

Alles bleibt vollkommen flach

Natürlich kann man von einer Online-Biennale keine authentischen Kunst-Erlebnisse erwarten. Bloß: Was soll sie dann? Ziel der "BiennaleOnline" sei es, "die Kunst aus dem Elfenbeinturm zu holen und auch für Leute zugänglich zu machen, die sonst den Gang in Galerien scheuen", sagte Initiator David Dehaeck, Gründer der Kunstplattform Art+, der Nachrichtenagentur dpa. Eine Idee, die nach hinten losgeht, denn am Bildschirm vermag kaum eines der Werke zu begeistern. Erstaunlich ist auch die technische Umsetzung der Biennale auf einem geradezu himmelschreiend altbackenen Niveau. Virtuelle Räume gibt es hier nicht, alles bleibt vollkommen flach. Weder lassen sich Skulpturen umkreisen noch kann man die Werke besonders stark vergrößern, um eine Ahnung von Detailstrukturen zu erhalten. Häufig sind sogar Filme nur durch ein Standbild vertreten. Mal verweist gar ein Poster auf eine Arbeit, die eigentlich noch aus einem Video und einer Diainstallation besteht. Dass die seltsam geformten ockerfarbenen Farbflecke der Mexikanerin Fritzia Irizar in Wirklichkeit aus Gold gegossene Objekte sind, deren Formen von den Kratzspuren aufgerubbelter Lotterielose stammen, kann man nachlesen – wenn man da nicht längst weiter geklickt hat.

Zunehmend lustlos scrollt man durch Installationsfotos, Zeichnungen, Fotografien, ärgert sich dabei über unvollständige Angaben und eine völlig umständliche Benutzerführung, die einen zwingt, jeden einzelnen Künstler anzuklicken, statt einfaches Flanieren zu ermöglichen, und ist doch kein einziges Mal ernsthaft gefesselt. Womöglich nimmt man sich vor, den ein oder anderen Namen künftig im Auge zu behalten. Mal genauer hinzusehen, ob die Kunst einlöst, was ihr Bildschirmbild andeutet, denn mehr als ein Appetizer bietet die Schau nicht. Sie dient allenfalls dazu, ein paar Namen in den Ring zu werfen und bleibt letztlich genau das, von dem sie sich abgrenzen will: eine Veranstaltung für Insider.

"Reflection & Imagination"

Bis 14. Oktober 2013
http://www.biennialfoundation.org/biennials/biennaleonline/