Biennale - Lyon

FATA MORGANA IM BRACHLAND

Lyon gilt als Autoren-Biennale: Kuratorin Victoria Noorthoorn zeigt ihre persönliche Vision der Welt

Vaulx-en-Velin, ein östlicher Vorort von Lyon, ist nicht gerade berühmt für seine architektonische Schönheit. Ehemals geprägt durch mittelständische Unternehmen und Textilindustrie, ist es heute eine Mischung aus moderner Satellitenstadt und industrieller Brache, die darauf wartet, von den ehrgeizigen Visionen der Lokalpolitik eines künftigen Gross-Lyon wachgeküsst zu werden.

Eine Vision haben auch die Biennale-Besucher, die der Shuttle-Bus mitten in der Abrissödnis absetzt, eine Mischung aus surrealem Traum und realer Fata Morgana: Im Niemandsland vor der verlassenen Textilfabrik TASE hat der Argentinier Jorge Macchi einen paradoxen Park anlegen lassen, eine zentralperspektivische Allee mit Rasen, Blumenkübeln, Statuetten aus falschem Marmor und Blick auf die Neubauruinen von Parkhäusern und unfertigen Bürogebäuden. Es ist ein Zitat aus Alain Resnais Kultfilm "Letztes Jahr in Marienbad", in dem schöne Menschen durch dekadente Kulissen schreiten und geheimnisvollen Unsinn schwadronieren – Schönheit als künstlerische Fiktion, allerdings in direkter Nachbarschaft mit den schaurigen Schrecken heutiger Wirklichkeit.

Betritt man die TASE Fabrik, geht es weiter mit den Erscheinungen: In einem großen Gehege laufen Hühner mit exotischem Federschmuck in schreienden Farben herum, den ihnen die Brasilianerin Laura Lima angeklebt hat. Eine große Videowand zeigt einen Film der Südafrikanerin Tracey Rose, in dem Laiendarsteller sich mit rassistischen Dialogen und Wutausbrüchen abmühen. Und im letzten Raum wartet ein begehbares Monster, ein gigantischer Wohnfisch aus Blech und Spanplatten, Moby Dick für Arme, den der Niederländer Michael Huisman gebaut hat.

Genau so funktioniert die diesjährige Biennale von Lyon – eine kohärente Mischung aus scheinbar absurden Gegensätzen, aus Monströsität und Schönheit, die nie den Blick auf die Wirklichkeit verliert. Verantwortlich für diese Schau der Überraschungen ist die junge Argentinierin Victoria Noorthoorn, freie Kuratorin in ihrer Heimatstadt Buenos Aires und im europäischen Kunstbetrieb so gut wie unbekannt. Nach dreijähriger Tätigkeit für das Drawing Center in New York und eine größere Ausstellung im dortigen Museum El Barrio fand Biennale-Leiter Thierry Raspail sie bei der Biennale des Mercosur im brasilianischen Porto Allegre, die sie 2009 cokuratierte – und hatte den Mut, die junge Frau alleinverantwortlich mit der Lyon-Biennale zu betrauen, die seit 1991 von Harald Szeemann, Jean-Hubert Martin oder Hou Hanrou kuratiert wurde.

Lyon ist eine Autoren-Biennale, gewünscht ist eine persönliche Vision der Welt, gesehen durch die Augen der Gegenwartskunst. Und Victoria Noorthoorn ist eine Autorin im wahrsten Sinne des Wortes, sehr belesen, umringt von Literaten, eine Kuratorin, die poetisch denkt und Poesie aus der Sprache in den visuellen Raum zu übertragen versteht. Sie griff die im internationalen Kunstbetrieb von heute durchaus unübliche Aufforderung zur Subjektivität auf, reiste um die halbe Welt, bereitete aber die eigentliche Ausstellung dann in ihrer Heimatstadt vor, wo auch der an literarischen Texten und Verweisen (von Jonathan Swift über Georg Büchner bis Witold Gombrowicz und Paul Bowles) reiche Katalog konzipiert wurde. Sie stützt sich auf zahlreiche, in Europa viel zu oft übersehene, südamerikanische Künstler und auf einige erfahrene Routiniers des internationalen Biennale-Betriebs, etwa den bereits erwähnten Jorge Macchi. Dabei hatte sie den Mut, auf trendige Modeländer wie Indien und China fast vollständig zu verzichten. Insgesamt 78 Künstler aus 25 Ländern sorgen jeweils mit mehreren Arbeiten an den vier Schauplätzen für eine Ausstellung, die wie ein Gedicht funktioniert – phantasievoll, dramatisch, sentimental, manchmal auch pathetisch; aber immer mit Sinn für grosse Rhetorik und den Schock der Inszenierung.

Am zentralen Ausstellungsort, der ehemaligen Fabrik La Sucrière am Ufer der Saône, wo die Stadt Lyon in den letzten Jahren einen regelrechten kleinen Kulturpark hochgezogen hat, muss der Besucher sich durch die schweren Vorhänge der Deutschen Ulla von Brandenburg zwängen, um sich im Bühnenbild eines künstlerischen Bravourstücks wiederzufinden. Vor ihm der rätselhafte, verschlossenen Rundbau "Stronghold" des Polen Robert Kusmirowski, den man erst von der ersten Etage verstehen wird als eine gigantische, halb zerstörte Bibliothek, deren Bücher aus den Regalen gerissen sind, um in einem Ofen verbrannt zu werden. Dahinter spannt ein nackter Athlet als moderner Herkules elastische Gummibänder, als wolle er die Säulen des Universums einreißen, auch dies eine Idee der Brasilianerin Laura Lima. An der Wand eine große Installation mit Holzsärgen von Barthélémy Toguo aus Kamerun; daneben eine lange Serie von Ölbildern der in London lebenden Lynette Yiadom-Boakye, Porträts meist jugendlicher Schwarzer in Lebensgrösse.

"Die Absurdität der Welt" ist eines der Themen, die immer wiederkehren im Gespräch mit Noorthoorn. Absurd auch der Titel der Biennale, "Eine schreckliche Schönheit ist geboren", ein Zitat des Dichters W.B. Yeats aus seinem Gedicht "Easter" von 1916. Absurdes Theater auch vor einer kleinen Bühne, auf der das lakonische Dramolett "Breath" von Samuel Beckett gespielt wird, das praktisch nur aus Regieanweisungen besteht. Unter gleich dahinter in einem Saal voller Endzeitstimmung, Apokalypse nach dem Aufprall des Mondes auf die Erde: "Das Schweigen der Sirenen" besteht aus einem künstlichen Teich aus blutig rotem Wasser des Argentiniers Eduardo Basualdo. Absurde Poesie auch in den visuellen Gedichten des 1931 geborenen Brasilianers Agusto de Campos, die als Wandgemälde immer wieder auftauchen. Oder in den still ihr Gleichgewicht suchenden Skulpturen "Local Color Balance" oder "Haltung" der in Berlin und Paris lebenden Deutschen Katinka Bock.

Und noch eine Absurdität: In Lyon dominiert der Mut zum Monumentalen, selbst wenn dieses nur gebastelt ist. Etwa die Flugapparate des 73-jährigen Slowaken Stano Filko, Raketen oder eine beschädigte Montgolfière. Oder die 83 Meter lange Leinwandbahn des 1987 verstorbenen Fluxus-Künstlers Robert Filliou mit seiner "Recherche sur l’origine". Selbst Zeichnungen geben sich monumental: sei es im Format, der fast 20 Meter langen Wandarbeit mit verformten architektonischen Landschaften von Robbie Cornelissen, oder in der Wirkung, den gegenüber den provokativ sexuellen Aquarellen von Marlene Dumas hängenden zarten Strichkompositionen von Alberto Giacometti, deren Linien sich fortzusetzen scheinen in den langen schwarzen Wollfäden der "Hexe" von Cildo Meireles, die sich im Museum für zeitgenössische Kunst über die gesamte oberste Etage spinnen.

Nicht alles ist geglückt: Die Videoarbeiten überzeugen nur selten, mit Ausnahme des wunderbaren, in Lissabon mit Heimbewohnern gedrehten "Dürer’s Rhinoceros" des Venezolaners Javier Téllez, und manche Arbeiten, etwa die malträtierten Puppen von Virginia Chinotti oder Diego Bianchi, illustrieren den Titel der Ausstellung ein wenig zu eindeutig. Dafür versöhnen unerwartete historische Poitionen von Giacometti, Filliou, Morton Feldman oder dem 1989 im Heim verstorbene brasilianische Outsider Arthur Bispo do Rosario: Victoria Noorthoorn hat eine Ausstellung erdacht, die trotz aller Poesie und dem Überschwang der Emotionen eindeutig zum Jahr 2011 gehört und in der Realität des Heute verankert ist. "Weil ich überzeugt bin, dass jeder Besucher hier in der Biennale mindestens einen Künstler findet, der ihm den Blick auf die Welt öffnet. " Und auf deren schaurige Schönheit.

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