Gregor Schneider - Köln

Nasszelle des Grauens

Gregor Schneider hat einen surrealen Parcours in eine alte Industriehalle in Köln gesetzt. Sein gebauter Alptraum ähnelt ein wenig einer Kirmes-Geisterbahn und ist für echte Beklemmungen viel zu harmlos. Trotzdem will man am Ende gleich wieder einsteigen. Ein Erlebnisbericht.

Eine triste Nebenstraße in einem alten Kölner Industriegebiet. Früher hatte das Museum Ludwig hier sein Depot, heute nutzt das Schauspiel Köln die Halle Kalk als Experimentierbühne.

Gleich nebenan, in der Neuerburgstraße 21, findet das jüngste Experiment des Schauspiels statt: ein gebauter Alptraum des Mönchengladbacher Künstlers Gregor Schneider, in dem der Besucher unversehens zum Hauptdarsteller wird. Und damit hinterher niemand sagen kann, es habe ihn niemand gewarnt, wird jeder Eintretende am Eingang mit todernster Miene auf mögliche Panikattacken und die rettenden Notausgänge hingewiesen: "Wenn Sie einmal drin sind, gibt es kein Zurück mehr, die Türen fallen hinter Ihnen ins Schloss."

So ähnlich wurden in den fünfziger Jahren gruselwillige Zuschauer ins Kino gelockt, und während man sich noch fragt, wie leer die aktuellen Versprechungen wohl sind, steht man auch schon in einem tiefschwarzen Raum und tastet sich mit ausgestreckten Händen vorwärts. Es geht einen engen Flur entlang, dessen Wände aus schwarzem Stoff bestehen und der nach einigen Metern rechts abbiegt. In einem schlechten Horrorfilm würde man jetzt gleich die Kellertreppe hinunter purzeln – hier flößt einem eine grüne Notausgangsleuchte Hoffnung ein, und nach eine paar weiteren Metern stößt man dann schließlich auf eine Tür.

Hinter der Tür befindet sich eine typische Gregor-Schneider-Nasszelle: Grau-weiß, billig gefliest, niedrig, leicht abgenutzt, plan ausgeleuchtet und alles in allem furchtbar trostlos. Die Duschkabine ist verschlossen, das Waschbecken unter dem Spiegel wurde abmontiert, ein Abflussrohr führt wer weiß wohin, der unsichtbare Duschkopf tropft vernehmlich. Auch die Eingangstür ist wie angedroht ohne Türklinke hinter einem ins Schloss gefallen, und so ist man froh, dass sich die Nasszelle als Durchgangsraum entpuppt: Um die Ecke geht es wieder hinaus in einen nachtschwarzen Gang, der abermals zu einer Tür führt. Und dahinter befindet sich die exakte Kopie des ersten Badezimmers.

Irrgarten der Trostlosigkeit

Weil man ahnt, wie es weitergehen könnte, schaut man sich jetzt etwas genauer um: Der Lichtschalter hat kleine Kratzer, die Duschkabine ist zugeschraubt, unter dem Abflussrohr hat sich etwas Schmutz angesammelt. In der dritten Nasszelle bietet sich dann dasselbe Bild, vielleicht mit minimalen Unterschieden in der klinischen Schmuddeligkeit, aber wer will das beurteilen, wenn der stete Tropfen aus der Duschkabine den eigenen Gedanken den Takt vorgibt? Man fühlt sich wie gefangen in Gregor Schneiders berühmtem Elternhaus in Mönchengladbach, das er in den achtziger Jahren in Eigenregie zu einem Irrgarten der Trostlosigkeit umbaute: Auch die vervielfältigte Kölner Nasszelle steht symbolisch für das kleinbürgerliche Leben, aus dem man ausbrechen will, dem man aber, weil man ja immer das Kind seiner Eltern bleibt, nicht so leicht entkommen kann.

Also läuft man weiter an grünen Notausgangsleuchten vorbei durch die dunklen Stoffgänge, von Tür zu Tür, von einem Badezimmer zum nächsten. Irgendwann ärgert man sich, dass man nicht mitgezählt hat, dann, nach ein paar weiteren Türen, fragt man sich, ob der Irrgarten irgendwann ein Ende hat. Wie viele Nasszellen des Grauens mögen in die Fabrikhalle passen? Oder führt uns Schneider, ohne dass wir es merken, im Kreis herum? Dann gäbe es kein Entrinnen außer den Notausgängen. Aber wer weiß, was sich hinter diesen Türen verbirgt.

Es soll hier nicht verraten werden, ob, wann und wie der Autor den Ausgang fand. Aber er hat während des Rundgangs weder echte Beklemmungen verspürt noch fahle Gerippe am Wegesrand gesehen. Und doch ist Gregor Schneiders gebauter Alptraum sein Eintrittsgeld wert. Denn um die körperliche Erfahrung von Eingeschlossensein kann es nicht gehen. Eine Ahnung von biografischer Ausweglosigkeit bekommt man in der Neuerburgstraße 21 aber doch: Sein Leben lang im tristem Ambiente der Vergangenheit stecken bleiben – diese Vorstellung ist schon Horror genug.

"Gregor Schneider – Neuerburgstraße 21"

Bis 4. Juli und vom 23. August bis 7. September 2014 in der Neuerburgstraße 21, 51103 Köln.

Karten können mit unterschiedlichen Besuchszeiten vorab beim Schauspiel Köln gebucht werden. Pro halbe Stunde werden sechs Tickets verkauft. Karten an der Tageskasse oder online.
http://www.schauspielkoeln.de

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