Ugo Rondinone - Aargauer Kunsthaus

Melancholie und Schmerz

Eine Retrospektive gibt den bisher umfassendsten Überblick über das medial vielfältige Werk des in New York lebenden Schweizer Künstlers Ugo Rondinone.

Eigentlich möchten wir solche Erfahrungen nicht machen: Ein Mann geht durch die Straßen einer toten Stadt und begegnet seinem jüngeren Ich, das gerade dahinstirbt. Hans Henny Jahnn hat die Szene in seiner Erzählung "Die Nacht aus Blei" entfaltet, die 1956 erschienen ist. Der einsame Streuner Matthieu bewegt sich darin zwischen Puff, Spelunke und Kanalisation. Und sein Autor versieht ihn mit Sätzen wie "Wir leisten Widerstand, weil wir uns selbst nicht kennen und den Nächsten noch weniger".

Eine so abgrundtiefe Verlorenheit hat Ugo Rondinone schon immer interessiert. In seinen frühen Bildtagebüchern erzählt der 1964 geborene Schweizer Künstler, wie die Stunden dahintreiben. Die großformatigen Tuschelandschaften wirken wie virtuose Exerzitien eines Zeichners, der die Leere der Tage füllen muss. Und in den montierten Selbstinszenierungen vom Girlie bis zum Vamp führt Rondinone die Schwierigkeit vor, eine Identität auszubilden, die durch etwas anderes als permanenten Wechsel bestimmt ist.

Abgrundtiefe Verlorenheit und Identitätssuche

Die latente Aggression, die Melancholie und auch der Humor, die in dieser Unbestimmtheit gründen, treten auf Fotos von Figuren im Sadomaso-Outfit und in den Clowns zu Tage, die Rondinone gerne am Boden platziert. Wer den Blues hatte oder dringend ein Chill-out brauchte, fand in gelben Farbräumen mit Ambient-Sound eine geeignete Atmosphäre. Der seit längerem in New York lebende Künstler tat alles, um diffusen Stimmungen präzisen Ausdruck zu geben. Seine Farbkreise und Farbbänder setzen harte Kontraste und lassen dabei den Blick verschwimmen.

Kalte, Harte Welt

Im Aargauer Kunsthaus fügt Ugo Rondinone seine postexistentalistischen Klagelieder zu einem Kosmos zusammen. Jahnns "Die Nacht aus Blei" setzt das Motto für eine Wanderung zwischen dem Abguss eines häuslichen Kamins und den Darstellungen der dunklen Sternennacht. Der Olivenbaum, den er in Metall abgegossen und 2007 bei der Biennale Venedig gezeigt hat, wäre vielleicht ein Zeichen der Hoffnung auf die heilende Kraft der Natur, wenn da nicht eine Glühbirne ihr karges Licht verstrahlen würde. "Cry Me A River", die Leuchtbotschaft, die Rondinone 1997 in den Stadtraum entsandte, gehört der Vergangenheit an. Die Welt ist in seiner bisher größten Retrospektive härter und kälter geworden.

"Ugo Rondinone"

Termin: 13. Juni bis 1. August, Aargauer Kunsthaus
http://www.aargauerkunsthaus.ch/