Saatchi Gallery - London

Saatchis Schocktherapie

In seiner aktuellen Ausstellung "Unveiled: New Art from the Middle East" präsentiert Charles Saatchi wieder einmal teils schockierende und provozierende Werke – diesmal aus dem Nahen Osten und dem Iran. Nach Angaben des Sammlers sollen die Werke dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und die Kunstvielfalt in einer von "politischem Konflikt geprägten Region" zu vermitteln. Aber vor allem gilt für Saatchi noch immer die Devise: Aus einem Skandal lässt sich prima profitieren.
Saatchis Schocktherapie:"Unveiled: New Art from the Middle East" in London

Shadi Ghadirian: Aus der Serie "Like Everyday", 2000/2001 – Ausstellungsansicht

Von hinten sieht Kader Attias Installation "Ghost" (2007) aus wie auf dem Boden liegende Haufen aus zusammengekrumpelter Alufolie. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als sechs Reihen kniender Frauen, von Kopf bis Fuß in einen Tschador gehüllt. Von vorne gesehen haben die Betenden pechschwarze Gesichter – es sind jedoch Löcher, denn die Figuren sind innen hohl, ihre Bekleidung ist nur Hülle. Eine ausdrucksstarke Metapher für die Behandlung der Frau im Islam.

Der in Paris geborene Attia ist algerischer Abstammung und einer von 21 Künstlern aus Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, von denen Charles Saatchi in seinem großzügigen neuen Museum in der Kings Road mehr als 90 Werke zeigt. Elf von ihnen stammen aus dem Iran, die anderen aus dem Irak, Syrien, dem Libanon, Ägypten, Tunesien, Algerien und Palästina. Nicht wenige von ihnen könnten mit ihrer Kunst, die sich einem strengen Moralkodex entgegenstemmt, unter orthodoxen Muslimen durchaus Anstoß erregen: Prostituierte in Teheran, die es dort eigentlich gar nicht gibt, homosexuelle Umarmungen, Fotos von verschleierten Frauen mit Küchenutensilien als Gesicht. Provokation hat dem Werbezar und Supersammler Saatchi schon immer Spaß gemacht.

Die meisten der 21 Künstler sind Maler, doch einige der Plastiker ragen heraus. Der Palästinenser Wafa Hourani hat sich für seine Installation "Qualandia 2067" (2007/08) die Zukunft einer Flüchtlingssiedlung an der Trennmauer zwischen Israel und dem Westjordanland vorgestellt, am Grenzübergang Qualandia, 100 Jahre nach dem Sechstagekrieg. Eine Zukunft ohne Hoffnung, seine Miniaturasiedlung ist Science-Fiction-Horror und Alltag für die Bewohner zugleich. Ebenso trostlos der aus Aluminium und Glas gebaute Wohnblock "Spectre" (2006/08) des Libanesen Marwan Rechmaoul. Er steht leer, nach dem israelischen Einmarsch 2006 wurde er evakuiert, eine einst blühende Gemeinschaft gibt es nicht mehr.

Melonenbrüste und Stöckelschuhe

Wie schon in Saatchis vorangegangener Schau mit chinesischer Avantgarde hat auch hier der Westen stilistisch Pate gestanden. Etwa die Britin Sarah Lucas, die sicher der iranischen Plastikerin Shirin Fakhim als Vorbild diente. Ihre breitbeinig sitzenden Frauen aus ausgestopften Strumpfhosen, mit Orangen als Brüsten, haben ihre Entsprechung in Fakhims lebensgroßen "Prostituierten" (2008) gefunden, mit tönernen Kochgefäßen als Köpfen, Melonenbrüsten und Stöckelschuhen. Grotesk sehen diese aus, einige haben einen Penis und deuten an, dass auch Transvestiten auf den Strich gehen. 100 000 Prostituierte soll es in der iranischen Hauptstadt geben, dass sie alle verschleiert sind, wird uns von der Künstlerin vorenthalten.

Mit dem häuslichen Umfeld der Frau spielt auch Shadi Ghadirian aus Teheran in ihrer Serie "Like Everyday" (2000/2001). Fotos von Frauen im Chador, nicht aus schwarzem Leinen, sondern aus reich verzierten Stoffen, ihre Gesichter durch ein Sieb, einen Besen, ein Bügeleisen, eine Bratpfanne verdeckt. Ein ironisches Spiel mit der Rolle der Frau in einer von Männern bestimmtemn Gesellschaft, doch voller Selbstbewusstsein.

Saatchi kauft, was ihn anmacht

Weniger interessant sind die Maler, vor allem einige, die ihr Land verlassen haben und ins Exil gegangen sind. Wie der Iraker Ahmed Alsoudani, der über Syrien und die USA in Berlin landete, und dessen Darstellungen von Selbstmordattentaten und Kriegsschauplätzen ein wenig zu sehr Goya und George Grosz verpflichtet sind. Oder die in New York lebende Tunesierin Nadia Ayari mit ihren an naive Malerei erinnernden Arbeiten, aus denen immer wieder Phillip Guston durchscheint.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Etwa die delikaten, an persischen Miniaturen geschulten Gemälde der in den USA lebenden Irakerin Hayv Kahraman, die das sowohl in der Bibel als auch im Koran erwähnte Opfer des Lamms darstellen, und dabei Männer durch Frauen ersetzen. Oder die aus Teheran nach Amsterdam umgesiedelte Tala Madani, deren teils miniaturhaft kleine, teils großformatige Bilder comichaft und surreal vom Terror erzählen.

Natürlich ist Saatchis Auswahl alles andere als repräsentativ. Der Sohn irakischer Juden stammt zwar aus der Region, doch er ist weder ein studierter Kenner, noch wird er von einer Armee von Kuratoren beraten. Als leidenschaftlicher Sammler kauft er, was ihn anmacht, mit viel Gespür dafür, was sich wieder verkaufen lässt. Trotzdem ist seine den Schleier lüpfende Schau von Bedeutung, fordert sie doch unsere oft vereinfachenden Vorstellungen von der Kunst des Nahen Ostens heraus.

"Unveiled: New Art from the Middle East"

Termin: bis 6. Mai, Duke of York's HQ, King's Road, London
http://www.saatchi-gallery.co.uk/artists/unveiled/

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