Shunga - London

Erotik aus der Geheimkammer

Das British Museum besitzt eine der besten Sammlungen erotischer japanischer "Frühlingsbilder". Jetzt sind über 170 Beispiele expliziter erotischer Kunst aus dem Japan der Edo-Zeit zu sehen.

Sie wurden westlichen Diplomaten als Geschenke überreicht, der Jugendstil-Zeichner Aubrey Beardsley schmückte sein Treppenhaus mit ihnen, Pablo Picasso liebte sie und besaß eine ganze Sammlung, und einer der ersten amerikanischen Geschäftsleute, der das Land nach der Öffnung 1859 besuchte, war erstaunt, als ihm das Ehepaar, das ihn zum Essen eingeladen hatte, nach dem Mahl stolz einige Exemplare zeigte.

Shunga, zu deutsch "Frühlingsbilder", heißen die Beispiele expliziter erotischer Kunst, die im Japan der Edo-Zeit von 1600 bis etwa 1900 entstanden. Die Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Bücher feiern die Freuden der körperlichen Liebe. Sexuelle Begierde und ihre Erfüllung im Geschlechtsakt werden als völlig natürlich dargestellt. Ein Blatt aus der Serie "Erotische Illustrationen für die zwölf Monate" (um 1788) von Katsukawa Shunsho zeigt etwa ein Paar vor einem offenen Fenster, draußen singt eine Nachtigall. Die dargestellten Paare sind meist Mann und Frau, wobei die Frau gleichberechtigter Partner ist, seltener sind zwei Männer zu sehen.
 

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Sein Bild von der "großen Welle" wurde zum Inbegriff der japanischen Kunst - Katsushika Hokusai, der geniale Maler und Holzschnittmeister, schuf Werke von subtiler Farbgebung und noblen Formen aber auch unverblümt erotische Szenen.

Manchmal scheint auch Humor durch, was den anderen Namen für die erotischen Szenen, "Gelächterbilder", erklärt. Nicht nur die Meister der freizügigeren Schule der "Fließenden Welt", ukiyo-e, wie Katsushika Hokusai, sondern auch Anhänger traditioneller Schulen wie des Kano-Stils produzierten erotische Szenen. Zwar waren die Shunga in Japan über weite Strecken verboten, doch die Behörden drückten meist ein Auge zu, der Verkauf zumindest unter dem Ladentisch war immer möglich. Im 20. Jahrhundert wurde ihr Verbot dann strikt eingehalten, und auch heute noch unterliegt ihre öffentliche Präsentation gewissen Einschränkungen.

Das British Museum, das eine der besten Sammlungen der "Frühlingsbilder" besitzt, kennt solche Einschränkungen nicht und kann jetzt in einer Schau 170 Beispiele zeigen. Das war nicht immer so: Als das Haus Mitte des 19. Jahrhunderts erste Exemplare erwarb, verschwanden sie sofort im "Secretum", der nur mit Sondergenehmigung zugänglichen Geheimsammlung. Einer der Höhepunkte der Schau ist das "Gedicht auf dem Kissen" (1788) von Kitagawa Utamaro, dessen Sinnlichkeit nicht auf der freizügigen Darstellung von Genitalien beruht, sondern auf der zärtlichen Berührung der Liebenden.

Shunga – Sex and Pleasure in Japanese Art, 1600–1900

London, British Museum
3.10.–5.1.14
Der Katalog zur Ausstellung kostet 50 Pfund (gebundene Ausgabe)

http://www.britishmuseum.org/research/research_projects/all_current_projects/shunga_japanese_art_1600-1900.aspx

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