Street Art

Kommentar

Der Tag, an dem Street Art starb
Mark Jenkins, "The Last Graffiti Artist", 2008 (Foto: xmarkjenkinsx.com)

DER TAG, AN DEM STREET ART STARB

Brad Pitt sammelt Banksy, bunte Hausfassaden werden auf Ebay versteigert, und der Graffiti-Klau auf deutschen Straßen nimmt zu – ein Abschiedsbrief an die geliebte Ex-Subkultur.
// ALAIN BIEBER

Liebe Street Art,

Ich habe Dich geliebt! Du warst mein erster Kontakt zur Welt der Kunst. Durch Dich fand ich Freunde, und Du gabst mir Sinn und Halt im Leben. Du warst Anti und Underground, hast Guy Debord und Jean Baudrillard zitiert. Und ich liebte Deine subversive Kraft, Dein destruktives und dekonstruktivistisches Element.

Wir hatten so viel gemeinsam: Tausend Ideen und kein Geld. Wir waren die vergessenen Kinder – und zornig. Es war die Post-Punk-Ära. Eben ein "Fuck you, I won´t do what you tell me!" Aber wir hatten unsere konkreten Feindbilder bereits verloren. Uns einte ein diffuses Dagegen. Und dieses Gefühl, dass etwas in dieser Welt falschläuft. Wir waren idealistisch und wollten die Welt bekehren – und unsere Botschaft der ganzen Welt mitteilen. Deshalb gehörte mein Herz der Straße – denn da tobte das Leben. Dort fand die Revolution statt. Plötzlich war die Straße eine grenzenlose Galerie: Jeder konnte aktiv werden, Kunst produzieren und an Kunst partizipieren. Ob er das nun wollte oder nicht. Aber gerade darin lag die Schönheit, das Radikale. Die Straße war das einzig wirklich freie und demokratische Medium für die Kunst. Nährboden, Blutkreislauf der Gesellschaft und ein ideales Experimentierfeld. Sie war die Ader des "Abenteuerspielplatz Stadt" – alles war möglich, mit einer Sprühdose, einem Aufkleber – und einer Idee.

Aber jetzt bist Du da, wo Du nie hinwolltest! Plötzlich finden Dich alle irgendwie super. Hausbesitzer klagen nicht mehr, sondern verkaufen Dich, mitsamt dem Haus, auf Ebay. Oder Sie erhöhen die Miete – Stichwort Gentrifizierung. Heute sammelt Dich sogar Brad Pitt und Angelina Jolie. Und bei Auktionen erzielst Du Rekordpreise: Bei Bonhams "Urban Art Sale" kam die Arbeit von Banksy "Laugh Now" (2002) auf fast 300 000 Euro. "The Savage World of Faile" (2007) von dem New Yorker Kollektiv Faile wurde für rund 30 000 Euro versteigert – und die Space-Invader-Mosaike ("Duo", 2004) erzielten mehr als 20 000 Euro.

Sie wollen Dich fangen, ausstopfen und ins Museum stecken

Die Folge ist klar: Mo Money Mo Problems! Vor sechs Jahren schnitt der französische Künstler Zevs ein Lavazza-Model aus einem riesigen Werbeposter, verlangte dafür Lösegeld und nannte die Aktion "Visual Kidnapping". Heute ist es umgekehrt. Sammler und andere Goldgräber kidnappen Dich im urbanen Raum! Im Februar dieses Jahres wurden zwei Banksy-Arbeiten aus einer Berliner Friedhofsmauer gesägt. Der anonyme Sammler soll der Stadt 20 000 Euro gezahlt haben – und beauftragte dann professionelle Restauratoren, die ihm die Werke sichern sollten. "Ursprünglich waren Graffiti ein Reinigungsproblem. Im Zuge des wachsenden Interesses an Street Art richtet sich das Augenmerk darauf, diese unbeschädigt von der Wand abzunehmen. Irgendwann sprechen einen Sammler an", erzählte der Restaurator Carsten Hüttich im art-Interview. Die Stadt war glücklich, weil sie eine restaurierte Mauer bekam, und der Sammler erfreute sich an seinem Original-Banksy. Und trotzdem war man noch nie so weit von einem Happy End entfernt. Das war der Tag, an dem Street Art starb. Denn es blieb nicht bei diesem Einzelfall. Die Berliner Boulevardzeitung "BZ" titelte damals: "Haben Sie vielleicht auch einen Schatz an der Hauswand?" und lieferte gleich noch einen passenden Service-Kasten dazu: "So erkennen Sie einen echten Banksy". Ende Mai traf es dann das US-Kollektiv Faile: Restauratoren entfernten vier Arbeiten an einer Berliner S-Bahn-Trasse.

Früher hattest Du als Feinde nur die Stadtreinigung. Aber heute durchstreifen Großwildjäger die Straßen nach Dir. Sie wollen Dich fangen, ausstopfen und ins Museum, eine Galerie oder eine Privatsammlung stecken. "Meine Skulpturen funktionieren im Museum nicht auf die gleiche Weise. Es ist, als würde man einen Feuerwerkskörper ins Wasser stecken und ihm sagen: Explodiere!", erzählte mir der US-Künstler Mark Jenkins bei einer Ausstellung. "Im Museum sind wir wie Löwen im Zoo."

Aber es gibt keinen Ausweg. Das Kapital bleibt stets am Ende der Nahrungskette. Gegenkulturen werden kommerzialisiert und sterben. Das ist das Schicksal aller Subkulturen. Punk is dead, Rap is dead – und Street Art auch. Niemand entkommt dem Spektakel, solange "the rebel sells". So ist das eben. Je subversiver und rebellischer sich ein Banksy gibt und je mehr er die Kunst-Bourgeoisie beschimpft, desto inniger wird er von ihr geliebt.

Aber keine Sorge, liebe Street Art, ich werde Dich nicht vergessen. Du wirst mir fehlen – und natürlich komme ich Dich ab und zu im Zoo/Altersheim/Museum besuchen!

Dein Ex-Geliebter, Alain

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8 Leserkommentare vorhanden

yann

12:44

13 / 08 / 08 // 

street art

ich würde gerne wissen was alain machen würde wenn er ein banksy an seiner hauswand hätte. hinter plexiglas bunkern, so lassen wie er ist oder doch "abkratzen" und in sein wohnzimmer stellen? oder vieleicht auch auf ebay verkaufen und 300.000€ bekommen?

* Alain

14:29

13 / 08 / 08 // 

Omnia sunt communia!

Alain hat weder Haus noch Hauswand. Hausbesetzer werden nicht zu Hausbesitzern! Ausnahme: Daniel Richter. Aber um die Frage zu beantworten: Ich würde alles einfach so lassen – frei nach dem Motto: "Alles gehört allen!"

4rtist.com#─────██████████════█

15:39

13 / 08 / 08 // 

NUR an der Hauswand lassen ist nicht so intelligent

das zeigt z.b. ein anderes Banksy Werk in Berlin http://streetart.info/banksy-covered oder ein Werk von miss Van http://flickr.de/urban-art-berlin/2343586131

Max

19:39

14 / 08 / 08 // 

GERMAN STREET ART

http://www.german-street-art.com

Loob

21:31

14 / 08 / 08 // 

Ich habe so was schon gelesen:

Wir haben achtundzechsiger Arbeitgeberschaft werden sehen, wir haben Punker beratend werden sehen... Gleich werden wir auch???

Whatson

19:42

20 / 09 / 08 // 

NUR an der Hauswand lassen ist das einzig Richtige

Streetart, ob von Banksy oder wem auch immer, ist immer temporär. Verabschiedet euch von dem Gedanken bestimmte Werke erhalten zu können (ausser fotografisch). Das Stadtumfeld ist immer ständigen Veränderungen ausgesetzt und Streetart trägt maßgeblich dazu bei. Die Idee der Nutzung des öffentlichen Raums als Leinwand für eigene Werke beinhaltet ebenso den Gedanken, dass meine Schöpfungen ebenfalls wieder verändert oder entfernt werden können, da ja jeder das recht hat seinen Umraum zu gestalten. Zerstörung und Neuinterpretation (etc.) sind ebenso legitime Mittel der Gestaltung wie das anbringen von Postern, Stencils etc.

BOMBER™

10:07

25 / 09 / 08 // 

Don´t believe the hype!

Die einzig wirklich revolutionäre Kraft ist Kunst, sagte einmal Joseph Beuys. Mich verwunderte extrem wie lange der angebliche Kunstmarkt die einzig revolutionäre Kunst Graffiti / Street Art ignorierte. Wie man damit umgeht um dieses Thema eine Wertigkeit zu geben ist absolut lächerlich. Die Preise, die für Banksy u.ä. erzielt werden und der damit zusammenhängende Medienhype ist für jeden Fachmann aus diesem Bereich ein Arschtritt. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes unglaubwürdig. Nach wie vor wird sich die Kunst im öffentlichen Raum weiter verbreiten, ob hype oder nicht, denn sie gehört zum menschlichen Dasein wie die Musik. Helge „Bomber” Steinmann Vorsitzender von Einwandfrei e.V., Verein für Kunst im öffentlichen Raum

T.Setzer

18:01

21 / 05 / 09 // 

Zahnlose "Löwen im Zoo"

Typen wie Reinking arbeiten seit Jahren fleißig dran. .. und das Schlimmste, sie sind nicht mal auf "echte" Vertreter angewiesen. In Bezug auf die "realness" selbstkastrierte Streetartler werden durch institutionelle Unterstützung in Wort und Text ausgestattet und stilisiert. Aber ich 'unterstütze' das.. je doller die Blase gepustet wird, desto schneller platzt sie.

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