Henriette Grahnert - Atelierbesuch

Malerei mit Denkblase

Mit dem Hype der Leipziger Malerstars will Henriette Grahnert nichts zu tun haben. In ihren ironisch aufgeladenen Bildern nimmt sie deren Pathos auf die Schippe – ein Atelierbesuch

Still ist es auf dem ehemaligen Fabrikhof in Leipzig-Plag­witz: Ausgestorben liegen die Backsteingebäude in der Morgensonne, keine Klingel, kein Wegweiser verraten den Weg zu Henriette Grahnerts Atelier. Erst auf den Anruf mit dem Mobiltelefon folgt eine Geste, jemand winkt aus einem Fenster – dort muss es sein. Hinauf, durch ein dunk­les Treppenhaus, in dem die Malerin einem entgegenkommt.

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Strecken Teaser

Das Atelier selbst ist ein karger Raum, dessen Beschränkung auf das Wesentliche ein strenges Arbeitsregime verrät: ein roh gezimmerter Verschlag für die Leinwän­de, Malutensilien, ein Tisch, ein Wasserkocher und eine abgewetzte Couch – auf dem Fensterbrett welken ein paar vernachlässigte Grünpflanzen vor sich hin. In den umliegenden Räumen befänden sich ebenfalls Ateliers, erzählt Grahnert, doch für die Dauer des Besuchs verrät nicht ein einziges Geräusch die Anwesenheit anderer Menschen im Gebäude.

Auch wenn solche Atelierbesuche zu den rituellen Handlungen im Kunstbetrieb gehören, nicht im­mer folgt ihr Ablauf den Gesetzen der Routine. Hier bei Henriette Grahnert ist schon nach wenigen Minuten klar, dass die Künstlerin nicht gewillt ist, die Showfrau zu spielen, die vor dem staunenden Besucher eine ausgefeilte Präsention ihres aktuellen Schaffens abrollen lässt. Statt dessen pflegt sie lieber eine gelassene Reserviertheit, hinter der sich weniger eine Strategie, sondern mehr die Sorge verbergen mag, nur als eine weitere Figur des Leip­ziger Hypes mit begrenzter Haltbarkeitsdauer durch die Spalten der Feuilletons und Kunstmagazine zu geistern.

"Ich vertrete eine andere Position"

Als ehemalige Studentin des mittlerweile emeritierten Professors der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), Arno Rink, durch dessen Schule auch Malerkollegen wie Neo Rauch, Tim Eitel, Tilo Baumgärtel, David Schnell und Christoph Ruckhäberle gingen, und vertreten durch den Spinnerei-Galeristen Matthias Kleindienst, kann sie sich nicht über mangelnde Auf­merksamkeit beklagen. Schwieri­ger hingegen ist es schon, seine Eigenständigkeit zu behaupten und die Leute zum genauen Hinschauen zu zwingen.

Dass sie also trotz Freundschaftsverhältnissen in der Malerei die Distanz zu anderen Leipzigern pflegt, dürfe man, so Grahnert, also bitte nicht als falschen Hochmut missverstehen: "Ich vertrete einfach eine andere Position." Am sichtbarsten ist es noch die malerische Virtuosität – der jedoch sympathischerweise jede altmeisterliche Attitüde fehlt – welche die 1977 in Dresden geborene Künstlerin mit den anderen HGB-Absolven­ten ihrer Generation verbindet. Auch wenn sie sich nach dem Abgang von der Akademie vor vier Jahren "erst mal locker machen" musste: "Alles fühlte sich ein bisschen verkrampft an." Neben der Technik sind es zudem die gedeckten Farbtöne, die ihre Leipziger Prägung verraten.

Irgendwann kommen aber Zwei­fel

Doch auf die typischen Sujets verzichtet sie konsequent: Weder sind ihre Gemälde von pelzigen Traum­wesen bevölkert, noch tur­nen traurige Pionier- oder Arbeiterfiguren um kulissenhafte Bungalowbauten in dunkel raunenden Tannenwäldern. Die coole Aseptik im Werk manches Kolle­gen ist ihren Bildern fremd. Eher schei­­nen Grahnerts pathos- und surrealismusfreie Bilder, die zwischen Of­fenheit und Geschlossenheit sowie Minimalismus, Figuration und Abstraktion pendeln, gewisse Verwandtschaftsverhältnisse zum Werk der Engländerin Fiona Rae oder der Amerikanerin Lau­ra Owens zu pflegen.

Denn ähnlich wie ihre Kolleginnen gehört Grahnert zur Guerilla-Abteilung der zeitgenössi­schen Malerei, die mit taktischer Versiertheit und ausgefeilter Camouflage immer dort an­greift, wo man es als Be­trachter am wenigsten erwartet. Bei der Leipzigerin ist es etwa das mehrdeutige Spiel mit verschiedenen Materialien, das den Betrachter in falscher Sicherheit wiegt. Irgendwann kommen aber Zwei­fel: Ist jedes vermeintliche Klebeband tatsächlich geklebt oder gemalt? Gibt es diese Klebepunkte tatsächlich in dieser Farbe zu kaufen? Mal verweist der Einsatz von Sprüh­dosen auf die Graffititechniken anarchischer Street-Art-Künstler, mal meint man das geleckte Portfolio einer Grafikdesignerin vor Augen zu haben. Und doch handelt es sich hier um klassische Malerei – die sich allerdings weder um akademische Regeln oder Erwartun­gen des Publikums schert.

Gekürzte Fassung. Lesen Sie den gesamten Artikel in der art-Ausgabe 12/2008.

Ausstellungen: Henriette Grahnert

Termine: bis 14. Dezember 2008, "Untitled, 6 x 2, 2008", Arthur-Boskamp-Stiftung M.1,
Hohenlockstedt. bis 1. März 2009, Museum der bildenden Künste, Leipzig. www.mdbk.de
Literatur: Jeannette Stoschek, Henriette Grahnert, Sandstein Verlag, 10 Euro.
http://www.arthurboskamp-stiftung.de/

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