Forum Expanded - Berlinale

Künstlers Werk und Satans Beitrag

Ab 10. Februar lotet das Forum Expanded der Berlinale in Ausstellungen und Screenings die Schnittmenge zwischen Film und Videokunst aus. Von den Meisterwerken, die durch die Träume der Filmliebhaber spuken, bis zu Schweinen in extremer Großaufnahme ist alles dabei – ein Wegweiser zu den Höhepunkten des diesjährigen Festivals im Festival.
Filmkunst:Die besten Werke zwischen Film und Videokunst

Ein Nein fährt um die Welt: "No, Global Tour" von Santiago Sierra

Obwohl sich Filme beinahe beliebig vervielfältigen lassen, gibt es eine erstaunlich große Anzahl verschollener Meisterwerke. Sie spuken durch die Träume der Filmliebhaber und ließen auch den kanadischen Regisseur Guy Maddin nicht ruhen. In seiner Filmserie "Hauntings 1 (Fragments)" stehen legendäre Filme wie Friedhelm Wilhelm Murnaus "Satanas“ oder Kenji Mizoguchis "Out of College" als Fantasien wieder auf und werden in ebenso liebevoller wie eigensinniger Manier der Vergessenheit entrissen (Botschaft von Kanada, Marshall McLuhan-Salon).

Eine Art Re-Enactment stellt auch James Benning in seiner Zweikanal-Installation "Milwaukee/Duisburg" (Salon Populaire, Kunstsäle Berlin) vor. Auf der linken Leinwand dehnt er eine sekundenlange Szene aus seinem alten Schwarzweißfilm "Milwaukee" auf eine halbe Stunde, rechts wird dagegen in Echtzeit Rohstahl in Eisenbahnwagons gefüllt. Benning ist berühmt für seine filmischen Meditationen, in denen über 90 Minuten lang lediglich Seen oder vorüberfahrende Güterzüge zu sehen sind. Hier führt er programmatisch vor, dass es gerade in Filmen, in denen scheinbar nichts geschieht, sehr viel zu entdecken gibt.

In Pawel Wojtasiks "Pigs" (Screenings, Kino Arsenal) passiert im Grunde auch nicht viel. Erst rückt er einigen Schweinen mit extremen Großaufnahmen auf die malerisch verdreckten Borsten, dann beobachtet er die ganze, dicht gedrängte Herde beim Kampf um den besten Platz am Trog. Spätestens beim infernalischen Fauchen und Grunzen wird man wieder daran erinnert, wie wenig man über das gemeine Hausschwein weiß. Zugleich hat der Film eine faszinierende Qualität als abstrakte Klang-Bild-Komposition.

Ohne laute Töne kommt dieses Mal der Provokateur Santiago Sierra aus. Statt Tagelöhner zu tätowieren oder Gas in eine Synagoge zu leiten, dokumentiert er in "No, Global Tour" (Screenings, Kino Arsenal) die kleine Weltreise seines aus zwei meterhohen Buchstaben bestehenden und 500 Kilo schweren Kunstwerks „NO“. Dabei führt Sierra die Digitalkamera wie ein ambitionierter Tourist, nur dass ihn vor allem die Schmutzränder der Städte interessieren. Als roter Faden des zweistündigen Roadmovies dient die Skulptur, die stets verneint und mal auf einem Berliner Hausdach und mal in den Hallen einer Kunstmesse zu sehen ist. Ganz ohne Teufeleien geht es bei Sierra also nie; wie zum Beweis stellt er im Finale ein ikonisches Bild von 9/11 nach.

Einen Möchtegern-Faust porträtiert Rainer Kirberg in "Das schlafende Mädchen" (Screenings, Kino Arsenal und Cinestar). Sein Kunststudent sehnt sich danach, selbst ein Kunstwerk zu sein, gabelt statt eines Pudels aber nur eine hübsche Obdachlose auf. Kirberg siedelt die Handlung in den frühen Siebziger Jahren an und parodiert die deformation professionelle angehender Künstler, alles als Kunst beziehungsweise in Relation zur Kunst zu sehen. Irgendwann fällt der hübsche Satz „Der Künstler ist der natürliche Feind der Kunst“. Ein Dilemma, aus dem bei Kirberg allenfalls die Verwandlung in eine Kamera zu helfen scheint.

Kurz sei eine Neuerung des Forum Expanded erwähnt: Es bietet nun auch der experimentellen Klangkunst eine Bühne. Am 19. Februar geben Genesis Breyer P-Orridge, Tony Conrad und Morrison Edley im HAU 2 ein Konzert, bereits am 18. Februar sendet Deutschlandradio Kultur unter dem Titel "Screen Off" neue Töne von Tony Conrad, Keren Cytter, dem Duo Dani Gal/Achim Lengerer und Natascha Sadr Haghighian.

Forum Expanded

Der Eintritt in die Ausstellungen und Performances des "Forum Expanded" ist frei, Preise für Arsenal und Hamburger Bahnhof auf Anfrage
http://www.berlinale.de